Aufführungsfoto von „Les Noces & Le Sacre du printemps“ von Didy Veldman und Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg. Acht Tänzer im Kreis springen synchron hoch, die Beine nach vorne gestreckt, die Arme nach hinten hoch gestreckt.

Explosivkraft menschlichen Zusammenseins

Didy Veldman, Ricardo Fernando: Les Noces & Le Sacre du printemps

Theater:Staatstheater Augsburg, Premiere:18.04.2026Regie:Didy Veldman, Ricardo FernandoKomponist(in):Igor Strawinsky

„Les Noces & Le Sacre du printemps“ von Didy Veldman und Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg hauchen den beiden ikonischen Werken der Tanzmoderne in Neukreationen Leichtigkeit und starke Emotionen ein. Der Doppelabend besticht mit explosiven Momenten und puristischer Schlichtheit.

Die Gegenüberstellung der beiden zeitgenössischen Uraufführungen summiert sich zur dynamischen Powerschleuder – formal wunderschön, reich an emotional mitreißenden Momenten und radikal grausam zugleich. Genug für einen 100-minütigen Abend inklusive Pause, um vollends zu überzeugen. Insbesondere bei Didy Veldmans „Les Noces“, aber auch im „Sacre“ von Ricardo Fernando werden zudem immer wieder Bausteine der ursprünglichen Kreationen von Bronislava Nijinska und Vaslav Nijinsky mithilfe stilistischer Elemente aufgegriffen: Schrittmuster, folkloristisch anmutende Bewegungen oder Reihen, Linien, Kreise in den Formationen, die wie Vergangenheitsfunken in den Neufassungen aufblitzen, ohne deren eigenen, bisweilen jähen und von alten Narrativen befreiten Fluss auszubremsen. Das gelingt nicht oft mit solch gewichtiger Leichtigkeit, klappt hier aber bestens. Vermutlich, weil der Premierenabend ganz musikalisch aus Strawinskys unerbittlicher Klangmotorik und dies jeweils mit dem Ensemble entwickelt wurde.

Bedeutung sozialer Events

In unablässigen Schüben steuern die Stücke rhythmisch wild auf ihr jeweiliges Ende zu. Drei Komponenten bilden eine inhaltlich verbindende Brücke: Gemeinschaftsgefühl, Zusammengehörigkeitsrituale und die generelle Kraft, die mal von Einzelnen, mal von Paaren ausgeht. Der Abend verhandelt Hoffnung, Notwendigkeit, Glück und den Tod. Eine weitere verbindende Klammer ist, dass Gastchoreografin Didy Veldman in „Les Noces“ und Ballettchef Ricardo Fernando für den zweiten „Sacre“-Teil durchweg alle 18 Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie einsetzen. Allein das ist schon ein rares Vergnügen.

Abseits des Märchenhaft-Mythischen der slawisch grundierten Vorlagen liegt in Augsburg der Fokus darauf, wie Gesellschaften sich organisieren, um ihren eigenen Fortbestand zu sichern. Die Bedeutung sozialer Events – hier „Heirat“ bzw. „Finden eines Opfers“ – hat sich über die Zeit hinweg weniger gemindert, sondern eher noch geweitet. Dichte und Struktur in Musik und Tanz beschwören bei „Les Noces“ wie bei „Le Sacre du printemps“ einen inneren Puls auf der Bühne herauf, der sich unmittelbar auf das Publikum übertragen mag. Und das, selbst wenn der Sound vom Band kommen muss, weil Gesangssolisten, Chor und riesige Orchesterbesetzung die Möglichkeiten der Augsburger Ausweichspielstätte im Martini-Park schlicht sprengen würden.

Wer passt zu wem?

Eltern, Freunde, Gäste spielen in Veldmans „Les Noces“-Überschreibung keinerlei Rolle. Ebenso wenig das Muss, den Bund fürs Leben einzugehen. Inhaltlicher Ansatzpunkt der Niederländerin, die vor vier Jahren bereits ihr „Frame of View“ mit der Kompanie einstudiert hat, ist die Idee des Zueinanderfindens. Dafür schickt sie die Tänzerinnen und Tänzer in weißen Kostümen (Bregje van Balen) los und lässt sie gewitzt mit Hochzeitssymbolen spielen. Wiederholt wechseln Blumensträuße – überreicht oder geworfen – den Besitzer. Frauen und Männer probieren sich wechselweise und reihum in zwei rückseitenlosen Gewändern für Braut und Bräutigam aus. Der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer zu wem passt und ob bloß für kurze Zeit oder auf Dauer, scheint die gesamte Gruppe umzutreiben. Da gehört bei den Paaren, die sich für intensivere Duette aus dem Kollektiv lösen, Frust und Enttäuschung dazu.

Einem festlichen Partyambiente entsprechend hat Imme Kachel eine hohe hellblaue Wand mit vier stuckverzierten Türöffnungen schräg in den Raum gestellt. Im Hintergrund zeichnet sich auf einem Wolkenhorizont der farbige Schimmer eines Sonnenuntergangs ab. Während die einen ihren Beziehungsstatus noch körperlich ausdiskutieren, tanzen die anderen aufgekratzt und lassen bereits Konfetti fliegen. Glücklich schätzen dürfen sich diejenigen, die zum Schluss Hand in Hand ab in Richtung Abendrot schreiten. Viel individuelle Freiheit, Licht und Heiterkeit schwingt in dieser sehr atmosphärischen Variante von „Les Noces“ mit, obwohl Streit oder Trennung durchaus strukturell-emotionale Bestandteile sind.

Aufführungsfoto von „Les Noces & Le Sacre du printemps“ von Didy Veldman und Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg. Drei Tänzer:innen die ineinander verschlungen, sich an den Beinen und Armen festhalten.

„Les Noces“ von Didy Veldman am Staatstheater Augsburg mit Alfonso López González, Mateo Mirdita, Giulia Finardi. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Toxische Gemeinschaft

Ricardo Fernando öffnet hingegen einer nicht näher bestimmten Dunkelheit im menschlichen Miteinander und dem Zwang, etwas Schreckliches tun zu müssen, die Pforten. Für seine „Sacre“-Adaption, die ohne zusätzliches inszenatorisches Konzept auskommt, reicht ihm eine leere schwarze Bühne. Es beginnt sachte, musikalisch unterlegt vom zur Dauerschleife verfremdeten Anfangsmotiv des Fagotts, noch bevor das Publikum wieder seine Plätze eingenommen hat. Ein erster Tänzer betritt den Raum. Die anderen folgen ihm nach und nach. Jeder probiert sich in Bewegungsmotiven aus, die später wiederkehren.

Das Tolle an Fernandos Interpretation ist ihre puristische Schlichtheit. Im Zentrum stehen die physisch geforderten Tänzerinnen und Tänzer. Sobald das Licht im Saal erlischt, nehmen alle dieselbe Position am Boden ein. Beine schleifen über den Boden oder ragen in die Höhe. Bewegungen in Reihen treten optisch Wellen los. Die Musik wird zum Antrieb, und die über die ganze Bühnenfläche verteilten Interpreten rücken eng zu einem Block zusammen. In einem nächsten Schritt formieren sich Paare. Das und wiederholtes Sich-Umklammern stärken den Zusammenhalt. Männer wirbeln Frauen um ihre Schultern. Partnerinnen fliegen in die Luft. Aus zunehmend virtuoseren und impulsiveren Kreisformationen schöpft die toxische Gemeinschaft weitere Energie – solange bis eine der Tänzerinnen bereit ist, sich zu opfern.

Sinnlicher Orkan

Dass es genau darum geht, macht Fernando in den ruhigeren Passagen deutlich, wenn er die Tänzer herumgehen, sich kreuzen und viele Blicke wechseln lässt. Alternierend hat er zwei Tänzerinnen die Rolle der Außerwählten anvertraut. Am Premierenabend trifft Martina Piacentino die fatale Entscheidung. Die Männer bringen Schalen mit Wasser herein. Die Frauen waschen sich Hände, Gesicht und Nacken darin. Das archaische Ritual gilt dem Opfer in ihrer Mitte, das sie anschließend bis auf die Unterwäsche entkleiden, ganz gleich wie verzweifelt dieses nun ins Publikum blickt. Der Vorhang der Rückwand öffnet sich leicht. Dahinter glühen auf Stelen runde Scheinwerfer. Eingekesselt von der Gruppe, die nun wie eine Mauer aus Entschlossenheit um sie herum agiert, beginnt sich Martina Piacentino mit offenen Haaren in eruptiven Schrittfolgen zu Tode zu tanzen. Schließlich stürzt sie auf den Rücken. Danach erst erklingt der Schlussakkord. Leblos wird sie gen Himmel geworfen.

Frischer Wind für die ikonischen Schlüsselwerke der Tanzmoderne also. Thematisch übergreifend werden „Les Noces“ und „Le Sacre du printemps“ gekonnt miteinander verkettet. Das Potenzial beider Werke, sinnlich einen Orkan zu entfachen, hat nicht nachgelassen.