Wie viel Dialog hält Theater aus?
Foto: V. l. n. r.: Gilda Sahebi, Dr. Melanie Amann, Dr. Ulrich Kühn (Moderation NDR Kultur), Dr. Carsten Brosda und Dr. Julia Reuschenbach © Kerstin Schomburg Text:Jens Fischer, am 15. April 2026
Wie spricht das Theater über Rechtspopulismus, ohne ihm zu verfallen? Eine Diskussion am Thalia Theater zeigt, wie schwierig es geworden ist, zwischen Haltung, Offenheit und echter Auseinandersetzung die richtige Form zu finden. Jens Fischer zur Frage, wie im Theater über populistische Positionen gesprochen werden kann, ohne demokratische Grenzen aus dem Blick zu verlieren.
Die Anspannung ist noch da, als Intendantin Sonja Anders die Podiumsdiskussion „Dialog statt Echo“ auf der Bühne des Thalia Theaters eröffnet. Im Februar 2026 hatte dort Milo Rau den „Prozess gegen Deutschland“ inszeniert. Er ließ eine Gerichtsverhandlung simulieren, in der nach Plädoyers und Kreuzverhören von Journalisten, Politikern, Juristen und Wissenschaftlern über ein AfD-Verbot geurteilt werden sollte. Dass das laut Anders für „Weichheit und Wandelbarkeit“ stehende Theater dabei auch ehemaligen AfD-Abgeordneten und ultrarechten Meinungsmanipulatoren eine Bühne geboten hat, bescherte dem Haus von extern und intern einen „Overkill“ an Kritik und Beschimpfungen.

Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“ im Februar 2026. Foto: Fabian Hammerl
Zwischen Brandmauer und Dialog
Jetzt will man alles besser machen und den Shitstorm erstmal zum Anlass nehmen, grundsätzlich darüber zu diskutieren, wie in einer Demokratie und vielleicht ganz konkret im gesellschaftlichen Debattenraum Theater über und mit Populisten gesprochen werden darf, die gerade die Demokratie unter Druck setzen, während soziale Verständigung dank Social Media und KI erodiert.
Streitvermeidend sitzen auf dem Podium nun nur „die Guten“, also fundiert gegen die AfD argumentierende Menschen. Sie treffen auf ein Publikum, das sich laut häufig gespendetem Gesinnungsapplaus wohl politisch ebenso verortet. Also Rücknahme der Öffnung?
Carsten Brosda, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Hamburgs Kultursenator, berichtet, dass er in der Echo-Bubble der Kulturakteure noch nie so viel Ausgrenzungsdruck erlebt hätte wie derzeit. Immer wieder sei zu hören, der dürfe nicht eingeladen, die nicht engagiert, das nicht auf der Bühne gezeigt oder gesagt werden. Brosda findet das falsch und hatte deswegen auch beim „Prozess gegen Deutschland“ mitgemacht. Er ist sich schnell einig mit der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach sowie den Journalistinnen Melanie Amann und Gilda Sahebi, dass eine Brandmauer gegen rechts bedeute, alles dafür zu tun, etwa die AfD von öffentlichen Geldern und Machtpositionen fernzuhalten, nicht aber, ihren Sympathisanten abzusprechen, legitimer Teil des Diskurses zu sein.

Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg und Präsident des Deutschen Bühnenvereins Dr. Carsten Brosda (r.) zu Gast in der Podiumsdiskussion „Dialog statt Echo“. Foto: Kerstin Schomburg
Zuhören als Zumutung
Meinungen sollten nicht verboten, sondern kritisch reflektiert werden. Zuhören sei das Gebot der Stunde. Auch wenn es schwerfalle, es sogar eine Zumutung sein kann, sich auf Menschen einzulassen, die durch Polarisierungen getriggert und nicht an Austausch interessiert sind. Gelobt wird Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der in einer öffentlichen Diskussion einige Narrative des AfD-Landeschefs Markus Frohnmaier entkräften konnte.

V. l. n. r.: Dr. Julia Reuschenbach, Dr. Carsten Brosda, Dr. Melanie Amann, Dr. Ulrich Kühn (Moderation NDR Kultur) und Gilda Sahebi. Foto: Kerstin Schomburg
„Dialog statt Echo“ funktioniert als Gegenentwurf zum „Prozess“. Gleichgesinnte hauen sich nicht Positionierungen um die Ohren, sondern praktizieren, was sie auf dem Podium fordern: einen Versuch, miteinander nachzudenken. Aber was die Verbinden-statt-Spalten-Sehnsucht konkret fürs Theater bedeutet, bleibt offen.
In der nächsten Ausgabe der DEUTSCHEN BÜHNE, die am 18. Mai 2026 erscheint, lesen Sie eine Nachbetrachtung von Regisseur Milo Rau über seinen „Prozess gegen Deutschland“ sowie einen kritischen Kommentar der Journalistin Violetta Zwick.