Foto: Max Landgrebe, Mohamed Achour, Johanna Bantzer © Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Text:Martina Jacobi, am 21. März 2026
Das Schauspiel Hannover zeigt die Deutschsprachige Erstaufführung von „Höhere Gewalt“ nach Ruben Östlunds Film über eine Lawine, die einen Familienkonflikt auslöst. Fritzi Wartenbergs Inszenierung entlarvt darin gesellschaftliche Erwartungen und soziale Rollen.
„Wir sind im Urlaub, wir sollten eine gute Zeit haben.“ So soll sie sein, die Familienidylle im französischen Luxus-Ski-Ressort, in das die kleine Familie – die Eltern Ebba, Tomas, und die Kinder Vera und Harry – anreist. Das klingt wie das performative Frage-Antwort-Spiel im Alltags-Smalltalk: „Wie geht’s?“ „Gut, danke.“
Solche sozialen Muster satirisch zu hinterfragen ist ein Markenzeichen von Ruben Östlunds Filmen. Der schwedische Regisseur und Drehbuchautor erhielt die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes für „Triangle of Sadness“ (2022), eine Luxus-Kreuzfahrt, die mehr als aus dem Ruder läuft, und „The Square“ (2017) über Kunst und Künstlichkeit. Tim Price adaptierte Östlunds Filmdrama „Force Majeure“ (2014, „Höhere Gewalt“) für die Theaterbühne. Am Schauspiel Hannover fand nun die Deutschsprachige Erstaufführung in Linda Kokkores Übersetzung statt.
Irritation der Gleichförmigkeit
Samt Skistiefeln und Koffern stapft die Familie in die Hotellobby, bereit für sportliche Erholung im alpinen Paradies. Die Bühne von Polly Stephan ist auf eine bühnenbreite Stellwand aus mehreren Schiebetüren in Milchglasoptik reduziert. Das erlaubt eine Trennung für Privates und Öffentlichkeit sowie verschiedene Raumsituationen. Jelena Miletić‘ Kostüme zeigen dazu eine abgestimmte Pastell- und Neonfarbene Ästhetik, die den Tourismus in seiner Gleichförmigkeit von unaufregend gehobenem Standard bewahrt.

Mohamed Achour, Frida Lang, Johanna Bantzer, Jan Meeno Jürgens. Foto: Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Wie der Name verrät, gibt es in „Höhere Gewalt“ einen Konflikt zwischen sozialen Konformitäten eines „schönen Lebens“ mit der Unplanbarkeit der Natur. Der originale, schwedische Titel „Turist“ spielt noch stärker auf die wiederum unnatürliche gesellschaftliche Rolle in einer Umgebung an, in der sich eine Person aus einer privilegierten Position in eine Art Weltschau begibt.
Nonverbale Nicht-Kommunikation
In „Höhere Gewalt“ hängt alles an einer Situation, die das eingespielte Familiengleichgewicht stört. Beim Mittagessen vor der alpinen Bergkulisse ertönt ein Knall, eine vorerst kontrollierte Irritation. Es ist eine künstliche Lawine-Auslösung, um die Schneemassen am Hang im Griff zu behalten. Doch nach anfänglichem Staunen vor diesem Naturschauspiel, wächst die Panik, als die Lawine das Restaurant zu treffen scheint. Während der Vater erstmal noch alle beruhigt, vorgeblich den Überblick behält, ergreift ihn im letzten Moment die Angst. Er lässt die Familie zurück und bringt sich allein in Sicherheit. Stellt sich heraus: Es war nur Schneestaub der Lawine, der kurze Zeit alles in Weiß vernebelt und sich dann legt.

Johanna Bantzer, Clara Hennig, Matt Stein, Mohamed Achour. Foto: Jörg Brüggemann, Ostkreuz
Was Fritzi Wartenberg in ihrer Inszenierung in Hannover fein herausarbeitet, sind die im Film angelegten Erwartungen an geschlechtliche und soziale Rollen sowie emotionale Konflikte in (non)verbaler Kommunikation, die in unangenehmem Verhalten entlarvt werden. Regelmäßige Lacher im Publikum folgen gelingender skurriler Komik. Einen aktiveren Part hat in der Inszenierung die Figur der Reinigungskraft, Max Landgrebe, der als stiller Beobachter und Bewerter in die Intim- und Privatsphäre der Gäste Einblick hat, der das mitbekommt, was nicht zum öffentlichen Betragen gehört.
Charmante Unterhaltung
Mohamad Achour spielt Tomas lang als wissenden Erklärbär, Mansplaining vorprogrammiert, ein Mann, der schon alles regelt, der alles regeln muss. Ebba, Johanna Bantzer, ist die Ehefrau, die eine Vorstellung an ein Familienbild, das nicht dem lächelnden Werbeplakat entspricht, verunsichert. Die Lawine hat vor allem innerliche Massen gelöst, der gesellschaftlich konforme Putz bröckelt. Der Abend macht auch wegen Clara Hennig und Mats Stein viel Spaß, die die Kinder mit einer guten Portion sozialer Intelligenz spielen. Die Inszenierung lebt auch vom Spiegel des Verhaltens der umgebenden Figuren: Anja Herden als umkonforme Lebens-Genießerin, Abel Haffner als Abzocker-Fotograf fürs perfekte Familienbild, oder Jan Meeno Jürgens und Frida Lang als befreundetes Paar, die den Konflikt ins eigene Hotelzimmer weitertragen.
Was der Film durch Langszenen an unangenehmem Gefühl ausdehnt, folgt in der Inszenierung einer Taktung von Szenen, die durch narrative Unterbrüche unterteilt ist, die Raum zum Atmen – treibende Musik sorgt hier auch für einen anhaltenden Spannungsbogen (Fabian Kalker) – und für innere Konflikte lassen: Da ist beispielsweise Edda, die den Horror, ihre Kinder allein gelassen zu sehen und sie nicht zu erreichen, als Backflash mit eingespielten Echostimmen erlebt. Und auch wenn Tomas hier der Konflikttragende ist, bekommen bei Wartenberg schließlich alle ihr Fett weg. Auch das ist ein Grund, warum der Abend eine:n gut unterhalten entlässt.