Foto: Jasper Talbot (Harry Wheatley), Rosamund Pike (Jessica Parks) und Jamie Glover (Michael Wheatley) in „Inter Alia“ am National Theatre London © Manuel Harlan
Text:Miguel Schneider, am 20. März 2026
Mit „Inter Alia“ zeigt das Wyndham’s Theatre im Londoner West End den Anschlusserfolg von Suzie Miller, die nach „Prima Facie“ gemeinsam mit Regisseur Justin Martin erneut zu Justiz, sexualisierte Gewalt und institutioneller Härte zurückkehrt. Im Zentrum steht diesmal keine Anwältin, die am Rechtssystem zweifelt, sondern eine Richterin, deren berufliche Strenge im Privaten plötzlich brüchig wird.
Emmy-Gewinnerin Rosamund Pike übernimmt die Rolle der Richterin Jessica Parks, die schon bei der Premiere am National Theatre nahezu pausenlos fordernd war. Der West-End-Transfer ist weitgehend die Übernahme jener Produktion, die im Sommer 2025 ihre Uraufführung hatte.
Der Verdacht, Miller liefere bloß ein zweites „Prima Facie“, liegt zwar nahe, greift aber zu kurz. Sie bleibt erneut im juristisch-moralischen Spannungsfeld. Den Konflikt erzählt sie diesmal aus der Perspektive einer Richterin, die Recht spricht und nicht selbst zum Opfer wird, sondern mit dem Vorwurf gegen den eigenen Sohn in eine andere Form der Verstrickung gerät.

Rosamund Pike als Richterin Jessica Parks. Foto: Manuel Harlan
Spannung aus Alltagsrealismus
Jessica Parks ist als Kronrichterin gewohnt, Entscheidungen mit Autorität zu treffen. Autorin Suzie Miller ergänzt diese souveräne Berufsfigur um eine private Ebene und zeigt Jessica zugleich als Ehefrau und Mutter in permanenter Überlastung. Denn als ihrem Sohn Harry der Vorwurf einer Vergewaltigung gemacht wird, kippt diese Balance abrupt.
Für das Stück hat Miller – die jahrelang selbst als Strafverteidigerin gearbeitet hat – mit Richterinnen, Juristinnen und Müttern von Söhnen gesprochen. Hinzu kam ihr Blick auf junge Männer, die ihre Vorstellungen von Nähe, Macht und Sexualität immer öfter aus dem Internet, der Pornografie und falschen Männlichkeitsbildern beziehen. Aus diesen Beobachtungen entwickelt sie den zentralen Handlungskonflikt. „Inter Alia“ fragt nicht nur, was strafbar ist. Es fragt, was im Alltag übersehen, entschuldigt oder zu spät verstanden wird und löst damit zugleich den Titel ein, dessen lateinische Bedeutung aus der Rechtssprache „unter anderem“ lautet.

Jessica Parks (Rosamund Pike) beruflich und privat in einer ständigen Performance. Foto: Manuel Harlan
Gerade darin liegt die Qualität des Textes: Miller beschreibt die Reibung zwischen feministischer Überzeugung, juristischer Praxis und mütterlichem Schutzreflex überaus präzise. Der Text ist auf Tempo hin gebaut, mit schnellen Wechseln, kurzen Zuspitzungen und einer auffällig verdichteten Sprache. Im zweiten Teil spricht Miller manches allerdings zu deutlich aus. Dadurch wird das Stück stellenweise erklärend, fast vortragshaft, und auch die musikalischen Zuspitzungen erzeugen nicht immer zusätzliche Spannung, weil der Konflikt längst stark genug ist.
Seine größte Stärke bringt „Inter Alia“ dort hervor, wo Widersprüche stehen und Situationen für sich sprechen. Ein sexuell aufgeladenes Gespräch kippt unvermittelt in Beklemmung, eine Familienszene wird aus dem Stand bedrohlich, ein komischer Moment bleibt nicht entlastend, sondern hängt nach. Gerade dieser Alltagsrealismus macht das Thema greifbar und setzt die Überforderung der Hauptfigur sehr genau in Form um. Das Drama zeigt, wie schnell Gewissheiten unsicher werden, wenn ein Fall aus dem Gerichtssaal in die eigene Küche rückt.

Rosamund Pike als Mutter Jessica Parks. Foto: Manuel Harlan
Liberales Selbstbild im Zerfall
Es ist ein Luxus, beim Schreiben eine Darstellerin wie Rosamund Pike im Zentrum zu wissen. „Inter Alia“ zieht daraus großen Gewinn. Technisch wie emotional ist das Schauspiel so gebaut, dass Pike die entscheidende Trägerin wird. Sie agiert nervös, schnell, körperlich wach und immer nur einen Moment vom Kontrollverlust entfernt.
Regisseur Justin Martin und Bühnen- und Kostümbildnerin Miriam Buether setzen auf eine Inszenierung, die den Abend von Beginn an überlagert. Schon der Auftakt hat etwas von Gerichtsszene, Rockauftritt und Reizüberflutung zugleich. Neon, Projektionen, Mikrofone, Schlagzeug und Gitarre markieren eine Welt, in der selbst richterliche Autorität Performance ist.

Rosamund Pike als Richterin Jessica Parks mit Live-Musik vor Gericht. Foto: Manuel Harlan
Jessica und ihr Mann Michael, selbst Jurist, wissen nur zu gut, wie selten Vergewaltigungen vor Gericht geahndet werden und welche Zweifel sich in einem Verfahren mobilisieren lassen. Gerade dieses Wissen bringt eine moralisch schwere Belastung mit sich, weil sich die Frage nach Schuld nicht nur auf Sohn Harry richtet, sondern auch auf die Eltern und ihren Umgang mit dem System.
Die Wohnung verwandelt sich in einen Raum zwischen Erinnerung und Bedrohung. Der Gerichtssaal verschwindet dabei nicht, sondern wirkt im Familienraum weiter. Gerade in diesem Realismus liegt eine besondere Wirkung, weil er das Publikum dazu verleitet, den Konflikt ins eigene Umfeld zu übertragen und unmittelbarer mitzudenken.

Jamie Glover als Michael Wheatley. Foto: Manuel Harlan
Am Ende bleibt kein durchgehend überzeugender Abend, aber einer, der in seinen besten Momenten große Präzision zeigt und dem Publikum durch seinen nüchternen, bisweilen unangenehmen Realismus nahekommt. Für die Olivier Awards 2026 ist das Stück als „Best New Play“ nominiert, Rosamund Pike zudem als „Best Actress“. Das Drama will wissen, was von Überzeugungen übrig bleibt, wenn die intime Realität sie prüft. Gerade darin liegt seine Verstörung. Nicht im Skandal. Nicht im Urteil. Sondern in der Einsicht, dass das, was vor Gericht verhandelt wird, längst zwischen Menschen beginnt.