Foto: „Nurejew“ Staatsballett Berlin. In der Inszenierung Kirill Serebrennikovs und der Choreografie von Yuri Possokhov. © Carlos Quezada
Text:Vesna Mlakar, am 22. März 2026
Mit „Nurejew“ gelingt dem Staatsballett Berlin und Intendant Christian Spuck ein Coup. Die aus Russland verbannte Hommage an den Jahrhunderttänzer wird in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov und der Choreografie von Yuri Possokhov zu einem feinsinnigen Gesamtkunstwerk mit höchstem tanztechnischem Anspruch.
Das Ballett bleibt. Politische Systeme wechseln. Machthaber kommen und gehen. „Nurejew“ – Kirill Serebrennikovs erstaunlich feinsinnig als Gesamtkunstwerk aus Tanz, Schauspiel und Ausstattungsexzess angelegte Hommage an den Jahrhunderttänzer in der Choreografie von Yuri Possokhov mit eigens komponierter Musik von Ilya Demutsky – ist weit mehr als ein bloß klar geschliffenes Ballett-Biopic. Hier zeugt alles in jeder Sekunde und Geste von Meinungsstärke. Ganz so, wie es sich für ein posthumes und zugleich zeitgenössisch inszeniertes Quasi-Comeback dieser herausragenden Persönlichkeit gehört, die Rudolf Nurejew (1938-1993) mit all seinen künstlerischen Stärken und charakterlichen Schwächen tatsächlich eben war.
Erzählerischer Ausgangspunkt sind – vergleichbar der ersten Szene von John Neumeiers „Die Kameliendame“ – jene zwei Auktionen, in denen 1995 in New York und London Nurejews Nachlass und private Kunstsammlung versteigert wurden. In die Rolle des nüchternen Auktionators stürzt sich der US-amerikanische Schauspieler Odin Lund Biron mit distinguierter Hingabe und brilliert auf Englisch, Französisch und Russisch gleichermaßen. Seine Auftritte sind sozusagen der Klebstoff, der die Produktion zusammenhält. Stets trifft er den richtigen Ton und artikuliert sich in den unterschiedlichen Sprachen fantastisch lupenrein. Ihm obliegt es auch, die faktischen Hintergründe zu Nurejews spektakulärer Flucht in den Westen 1961 verbal beizusteuern. Weiteres emotional-inhaltliches Gewicht verleiht dieser atmosphärisch zwar deutlich ausgestalteten, insgesamt jedoch eher knapp gehaltenen Szene der von einem Frauenchor gesungene Refrain „Man sucht sich sein Vaterland, seine Heimat nicht aus.“ Dies trifft schließlich nicht nur für den aus seiner russischen Heimat bei einem Paris-Gastspiel des damaligen Kirow-Balletts geflohenen Nurejew zu, sondern für uns alle.
Briefe an Nurejew
Wunderbar en passant übernimmt Odin Lund Biron wiederholt eine Vermittlerrolle zwischen Bühnengeschehen und Publikum, wenn er aus Briefen an Nurejew vorliest. So kommen im ersten Akt Charles Jude und Laurent Hilaire – beide Tänzer verdankten Nurejew die Ernennung zum Étoile an der Pariser Oper – zu Wort. Der Berliner Halbsolist Anthony Tette – besetzt als „Der Schüler“ – tanzt dazu auch mit emotionalem Aplomb ein schlicht sensationelles Solo. Im zweiten Akt flankieren Briefstellen von Nurejews einstigen Bühnenpartnerinnen Natalia Makarova und Alla Osipenko den choreografisch subtil vor allem innerlich aufgeladenen Auftritt der „Diva“ – eindringlich interpretiert von Polina Semionova.

„Nurejew“ Staatsballett Berlin. In der Inszenierung von Kirill Serebrennikov und der Choreografie von Yuri Possokhov mit David Soares und Ensemble. Foto: Carlos Quezada
Margot Fonteyns Bedeutung für Nurejews Karriere findet dagegen rein tänzerisch einen eher skizzenhaften Ausdruck: in einem Pas de deux mit Iana Salenko (einer weiteren unvergleichlich individuellen Künstlerin des Berliner Ensembles), der Motive aus Frederick Ashtons „Marguerite and Armand“ aufnimmt. Menschlich noch ergreifender hat Yuri Possokhov die Begegnung von Nurejew mit dem dänischen Tänzer Eric Bruhn angelegt. Dessen Eleganz als ketterauchender Danseur noble lässt Martin ten Kortenaar eindrucksstark wiederaufleben.
Zitate und Querverweise
Dieses mehr als zweistündige, engmaschig aus Ballett, Oper und Schauspiel gewobene Bühnenwerk wurde von Serebrennikov, der auch für das Libretto verantwortlich zeichnet, mit Zitaten und Querverweisen gespickt. Um nur einen Bruchteil davon aufzudröseln, muss man das Stück gewiss öfter sehen. Die vielschichtige Produktion spielt mit Assoziationen wie Erinnerungen und steckt voller grandioser Phantome. Immer wieder als romantisch-blasses, ältliches Geschöpf vergangener Zeiten szenisch präsent: vermutlich die russische Tänzerin und Ballettpädagogin Agrippina Waganowa, Gründerin der gleichnamigen berühmten Ballettakademie in St. Petersburg. Dort hatte Rudolf Nurejew während seiner Ausbildung im Lehrer Alexander I. Puschkin einen wichtigen Mentor gefunden. Eine weitere Besonderheit des Abends: Alle Besucher der inszenierten Auktionen sind ehemalige Berliner Tänzerinnen und Tänzer, die für ihre spritzigen, wie Champagnerbläschen plötzlich aus dem Gesamtbild aufsteigenden, Mini-Einlagen eigens gecastet wurden.
Biografisches wird vom regielichen Ansatz her konsequent und geschickt mit der Rahmenhandlung einerseits und den unterschiedlichen charakterlichen Eigenschaften Nurejews andererseits kombiniert. Nachteil dabei ist, dass dem Interpreten der Titelpartie David Soares letztlich zu wenig Spielraum bleibt, um die Nurejew-Figur, die ganz am Schluss noch direkt mit dem Publikum interagieren darf, zu entwickeln. Umso bewundernswerter ist Soares’ künstlerische Leistung, sich Szene für Szene prompt und neu in Nurejews unterschiedlichste Facetten und widersprüchliche Verhaltensweisen, in seine narzisstische Dominanz (inklusive längerem Nacktauftritt), Homosexualität, Promiskuität, Verletzlichkeit und zuletzt von Krankheit gezeichnete Gebrechlichkeit einzufühlen.
Lebensstationen mit Tempo
Tanztechnisch höchst anspruchsvoll und mit großem Ensemble werden Nurejews Lebensstationen anhand permanenter Rückgriffe in einem sich kontinuierlich verändernden und von den Mitwirkenden bzw. von Bühnenarbeitern manuell umgestalteten Setting referiert. Mit turbo-dynamischem Tempo rast Possokhovs Choreografie – vergleichbar einem Gedankenstrom – mit unbeschreiblicher Leichtigkeit dahin – leider auch über szenische Momente hinweg, in denen man länger hätte verweilen wollen oder können. Am Höhepunkt seines beruflichen Lebens stellt das Kreativteam Nurejew in einer pompösen Szene sogar dem französischen Sonnenkönig gleich.
Dass die Premiere „Nurejew“ beim Staatsballett Berlin das Zeug zum Spielzeit-Ereignis Nummer Eins hat, war von vornherein klar. Überraschenderweise ist die Produktion inhaltlich weniger ausufernd oder opulent geraten als zu erwarten gewesen wäre. Jedes Detail – bis hin zum ungewöhnlichen Auftreten des musikalischen Leiters Dominic Limburg über die erste Parkettreihe in den Orchestergraben – ergibt am Ende jedoch Sinn. Ballettintendant Christian Spuck ist ein Coup gelungen: Nach dem traurigen Aus der Moskauer Uraufführungsversion hat „Nurejew“ nun eine veritable Chance, dauerhaft Teil des weltweiten Ballettrepertoires zu werden.