Foto: „Macbeth“ von der Choreografin Alessandra La Bella an den Landesbühnen Sachsen mit Angelo Minacori, Lorenzo Capecci und Karolien Wauters (v. l.). © Julius Zimmermann
Text:Torben Ibs, am 22. März 2026
Choreografin Alessandra La Bella formt an den Landesbühnen Sachsen aus Shakespeares „Macbeth“ ein Tanztheater mit militärischem Drill, Machtgehabe und Brutalität. Dem Sturz in den Abgrund fehlt jedoch der Rhythmus und nimmt dem Abend die Kraft.
Wasser und Blut, über diese zwei Kerngegensätze lässt sich die Geschichte von Macbeth im Kern erzählen. Choreografin Alessandra La Bella nutzt diese Bilder vom Blut und dem Abwaschen des Blutes in ihrer Tanztheaterinszenierung des Shakespeare-Dramas als Leitmotiv, während sie ansonsten an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul vor allem den Kasernenton der Militärdiktatur des schottischen Putsch-Königs herausarbeitet.
Dieser Endzeitdrill schlägt sich bereits im Bühnenbild nieder. Bühnen- und Kostümbildner Ralph Zeger hat einen braunen Bunker auf die große Bühne gesetzt, schäbig und abgeranzt mit mehreren Waschbecken und Leuchten, wie man sie eben aus Kellern kennt. Doch die Oberflächen sind nicht glatt, sondern mit Tuchen verhangen und zumindest die Rückseite dient hier und da als Projektionsfläche für Live-Kameraeinsätze.
Groteske Körpermaschine
Die Tänzer*innen stecken in militärisch anmutenden Röcken, lediglich Lady Macbeth (Lilla Jenei) darf im rückenfreien Kleid vor sich hin glänzen. Eine weitere Ausnahme ist die Hexe in einem weißen Buckelkostüm, in dem Karolien Wauters mit Soyoung Ko als unförmiges Hinterteil stecken. Die beiden fegen mit maximalem Krückeneinsatz als gut geölte groteske Körpermaschine über die Bühne und wenn immer wieder überzählige Gliedmaßen an den unmöglichsten Stellen auftauchen, sorgt das für befreiende Lacher. Sie dürfen Macbeth (Lorenzo Capecci) die Zukunft verrätseln, der zunächst im triumphalen Einmarsch mit seiner Entourage mit maximalen Männlichkeitsgesten auf die Bühne stürmt.

„Macbeth“ von der Choreografin Alessandra La Bella an den Landesbühnen Sachsen. Foto: Julius Zimmermann
Diese Ordnung bestimmt das Geschäft: militärischer Drill (immer wieder werden wie in Exerzitien die gleichen Schrittfolgen wie beim Marschieren aufgeführt), Dominanzgehabe und schließlich brutale Gewalt in Form von Massenerschießungen prägen den Abend. Macbeth entwickelt sich rasant vom geliebten Militärführer zum Widerspruch im Keim erstickenden Diktator. Schon der zweite Mord an Banquo (Angelo Minacori) findet per Videobeweis in den Folterkellern der schottischen Burg statt. Dagegen steht das gemeinsame Spiel von dem König und seiner Lady. Beide gieren nach Macht, stacheln sich an, doch schon nach dem Mord an König Duncan dringt Panik und Verwirrung in die beiden, wenn sie mit ihren blutverschmierten Händen über die Bühne irren, um sie an einem der Wasserhähne zu waschen, was nur leidlich gelingt.
Kaum ein Durchatmen
Was nun einsetzt, ist eine Geschichte der Entfremdung. Macbeth nimmt seine Frau kaum noch wahr, schließt sich ein in seine Paranoia, die nur durch mehr und mehr Blut abgesichert werden kann. Schroff weist er sie ab, ignoriert sie, um dann, wenn er es braucht, in ihre Arme zu fliehen. In ihr aber gärt es und wenn Lilla Jenei im zweiten Teil mit einer Badewanne hereinfährt und den Wahnsinn namens Welt, der sie umgibt, nicht mehr erträgt, kommt es zum emotionalen Höhepunkt dieses dichten Abends. Sie will einmal mehr ihre Schuld abwaschen, wälzt sich im nun weißen Nachthemdkleid am Boden, springt und fleht. Doch aus den Wasserhähnen kommt bald kein Wasser mehr, sondern Blut. Sie ertränkt sich in der Badewanne, wo dann nur noch ihr Oberarm formschön aus der Wanne ragt.
Alessandra La Bella inszeniert hier Tanztheater, keinen reinen Tanz. Doch hastet sie in diesen 75 Minuten, die das Stück dauert, arg kurzatmig durch den Shakespeare-Stoff. Hinzu kommt ein von Tommaso Bucciero editierter permanenter Soundteppich, der zwischen Bach, Schostakowitsch oder Talking Heads und vielem anderen dahin springt. Wilde Streicherorgien wechseln mit Avantgarde-Pop: „Do you remember anyone here? No, you don’t remember anything at all.“
Kaum ein Durchatmen, es fehlt ein Rhythmus, der diesen Sturz in den Abgrund gliedert. Alles wird fortgerissen und das nimmt dem Abend die Kraft. Zumal der Verzicht auf Sprache, gerade auch bei der zweiten Hexenprophezeiung einiges an Vorkenntnissen voraussetzt, um dem Bühnengeschehen folgen zu können. Am Ende steht dann auch noch eine geradezu christlich anmutende Schlussszene, in der der blutverschmierte Macbeth bei all seinen Opfern um Vergebung bittet, um sich dann selbst zu säubern. Mit Wasser aus dem Eimer natürlich.