Aufführungsfoto von „Coming Up for Air“ von Bernd Franke an der Oper Leipzig. Ein Mann kniet mit einer Gipsmaske in den Händen vor einem kleinen Jungen in zu großen Gummistiefeln, der ihn anschaut.

Auftauchen, aufatmen

Bernd Franke: Coming Up for Air

Theater:Oper Leipzig, Premiere:14.03.2026 (UA)Vorlage:Das Geschenk des LebensAutor(in) der Vorlage:Sarah LeipcigerRegie:Florentine KlepperMusikalische Leitung:Matthias ForemnyKomponist(in):Bernd Franke

An der Oper Leipzig verbindet die Uraufführung „Coming Up for Air“ von Bernd Franke drei Schicksale über drei Jahrhunderte, in denen die Luft zum Atmen fehlt. Trotz etwas willkürlicher Setzung überzeugt das Auftragswerk mit schönen Klangfarben und herausragendem Ensemble.

Die Oper Leipzig produziert nicht nur Oper und Ballett, sondern gelegentlich auch Schlagzeilen. Dem städtischen Kulturetat (also auch der Oper) droht gerade der Pleitegeier, mindestens aber der kommunale Rotstift. Wobei sich niemand vorstellen kann, dem Haus wirklich die Luft zum Atmen zu nehmen. Endlich hat im zweiten Anlauf, auch die Suche nach einem Nachfolger für Tobias Wolff geklappt. Peter Heilker wird von Wien nach Leipzig wechseln und 2028 das Intendantenamt antreten.

Die gute Nachricht betrifft aber das Kerngeschäft des Hauses am Augustusplatz, zu dem mehr oder weniger (in den letzten Jahren eher weniger) Novitäten gehören (sollten). Dort wurde jetzt das Auftragswerk und Dreiakter „Coming Up for Air“ des Leipziger Komponisten Bernd Franke (*1959) mit Erfolg uraufgeführt. Es mag Zufall sein, dass es auch da um die Luft zum Atmen geht. Metaphorisch und ganz direkt in der Geschichte.

Luft holen

Der nicht sehr geschmeidige Titel meint Auftauchen, um Luft zu holen. Wobei das schon eine Gegenreaktion auf das Abschnüren der Luft zum Atmen, die Bedrohung von Leben meint.

Das Libretto von Jessica Walker folgt dem Roman „Das Geschenk des Lebens“ von Sarah Leipciger. Dass es auf Englisch verfasst ist, gehört zu dem Wechsel auf die künftige Rezeption, mit der der weltläufige Komponist wohl mehr als nur den deutschen „Markt“ im Blick hat. In etwas weniger als zwei Stunden Spieldauer werden drei ums Thema kreisende Geschichten und Zeiten mit einer solchen Freiheit oder auch Willkür miteinander verknüpft, wie sie das Genre bereithält. Und wie sie vom Strom der Musik getragen werden.

Drei Geschichten

Der erste Akt führt ein und stellt vor: Im Paris 1898 geht es um jene Unbekannte aus der Seine, deren Totenmaske ein Nachleben als Kunstobjekt beschieden war. Hier bekommt diese Unbekannte eine Geschichte, die zu ihrem Selbstmord führte. Die Totenmaske findet sich in der zweiten Geschichte bei dem Puppenbauer Pieter in Norwegen Anfang der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wieder. Er wird den Tod seines kleinen Sohnes durch Ertrinken auch dadurch verarbeiten, dass er die Wiederbelebungspuppe erfindet, und mit dem schönen Gesicht jener Unbekannte ausstattet. Die dritte Geschichte führt schließlich ins Jahr 2015, wo die an Mukoviszidose leidende Journalistin Anouk in einem kanadischen Krankenhaus auf eine Lungentransplantation wartet, weil ihr die Krankheit die Luft zum Atmen nimmt.

Aufführungsfoto von „Coming Up for Air“ von Bernd Franke an der Oper Leipzig. Eine Frau sitzt Tee trinkend auf einem alten Sofa. Hinter dem Sofa hält ein Mann eine Frau fest.

„Coming Up for Air“ von Bernd Franke an der Oper Leipzig mit Samantha Gaul (L’Inconnue), Einar Dagur Jónsson (Nicolas), Ulrike Schneider (Madame Debord). Foto: Kirsten Nijhof

Florentine Klepper (Regie) und Dirk Becker (Bühne) haben diese Dreiteilung zur Vorlage für einen entsprechend segmentierten Raum auf der Drehbühne gemacht. Von der Krankenhaussterilität, über nordisches Tüftlerinterieur bis hin zum von Anna Sofie Tuma üppig kostümierten Paris der 1890er Jahre.

Durchlässige Räume

Wenn sich in jeder der Geschichten die Katastrophe anbahnt, werden die Räume durchlässig, verschränken sich musikalisch und als Handlung. Die Unbekannte geht eine Liebesbeziehung mit der ehrgeizigen Axelle ein, wird von Nicolas erwischt, erpresst und vergewaltigt. In Norwegen ist Pieter so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht bemerkt, wie sein kleiner Sohn einen versprochenen Ausflug allein beginnt und ertrinkt. Anouk schließlich hat bei ihrer Lungen-OP einen Herzstillstand, samt Nahtoderfahrung. Am Ende hat sich die Unbekannte – trotz ihres inzwischen geborenen Kindes – in der Seine ertränkt, hat Pieter seine segensreiche Wiederbelebungspuppe erfunden und die wieder ins Leben zurückkehrende Anouk zeichnet auf, was Ende des 19. Jahrhunderts und in den Fünfzigerjahren passiert ist. Die Geschichte kommt so zu sich selbst. Und endet bei aller Beklemmung tröstlich.

Die Komposition von Bernd Franke, der sich nicht in eine Neue Musik-Schublade stecken lassen will, ist ein kraftvoll wogender Strom, der mit zum Teil betörend schönen Klangfarben auf das große Orchester setzt, es nutzt und dabei gut singbare Rollen bereithält. Dafür, dass all das beim Publikum ankommt, sorgen Matthias Foremny und das Gewandhausorchester im Graben, der von Thomas Eitler de Lint und Franziska Kuba einstudierte Chor und ein handverlesenes Protagonisten-Ensemble. Es ist (nur beim Zuhören) atemberaubend, wie Sopranistin Samantha Gaul die Verletzlichkeit der Unbekannten glaubhaft macht, wie Bariton Franz Xaver Schlecht seine Verzweiflung über den Tod seines Sohnes gestaltet und wie sich die litauische Mezzosopranistin Gabrielė Kupšytė in die kämpferische Anouk hineinsteigert. Am Ende gab es sogar stehende Ovationen.