Foto: Thomas Walker, Mari Eriksmoen und Alexander Chance in: „Tamerlano“ von Georg Friedrich Händel am Badischen Staatstheater Karlsruhe. © Felix Grünschloß
Text:Richard Lorber, am 21. Februar 2026
Das Badische Staatstheater Karlsruhe eröffnet die 48. Internationalen Händel-Festspiele mit der Barockoper „Tamerlano“. Musikalisch überzeugt die Produktion, die Regie von Kobie van Rensburg dominieren filmische Elemente, die große Nähe schaffen, aber auf Dauer ermüden.
Wer eine Barockoper auf die Bühne bringt, muss sich die Frage nach der historischen Aufführungspraxis stellen. Für die musikalische Seite ist die Frage zumindest bei den Karlsruher Händel-Festspielen beantwortet. Es musiziert das Originalklangorchester und die Dirigenten studieren mit den Protagonisten die historischen Gesangstechniken ein. So auch bei der Premiere von Händels „Tamerlano“ mit René Jacobs am Pult.
Auf der szenischen Seite ist die Frage, ob moderne oder historische Regie immer offen. 2009 präsentierte die Choreografin und Regisseurin Sigrid T’Hooft im Betonbau des Badischen Staatstheaters Händels „Radamisto“ erstmals in einer an die historische Theaterpraxis angelehnten Inszenierung mit den barocken Bühnengesten, Kostümen und echtem Kerzenlicht.
Bluescreen und Stummfilmästhetik
Bei der diesjährigen Neuproduktion der Festspiele war der Regisseur Kobie van Rensburg davon denkbar weit entfernt. Hier fühlte man sich eher in eine Fernsehproduktion versetzt, bei der das Szenenbild erst nachträglich durch Bluescreen-Technik hinzugefügt wird. Da man aber in der Oper ist, möchte man schon echte Darsteller auf der Bühne haben. Sie agieren unten in einem Studio, während direkt über ihnen im Großformat Nahaufnahmen in Schwarzweiß eingespielt werden. Dort läuft in orientalischen Palästen die Geschichte von dem gewaltsüchtigen und machtbesessenen Herrscher Tamerlano ab, der die Tochter Asteria seines Rivalen Bajazet begehrt. Obwohl er mit Irene verlobt ist und Asteria eigentlich dem byzantinischen Prinzen Andronico zugetan ist.
Während in der Oper sonst große Gesten nötig sind, um die Distanz des Orchestergrabens zu überbrücken, sind die Kameras hier ganz nah dran. Kobie van Rensburg hat ein Theater des Mienenspiels inszeniert und sich dabei auch von der Stummfilmästhetik leiten lassen. Dazu kommt der hochartifizielle Barockgesang, der sich in einer überraschend geschmeidigen Weise in diese Grimassen-Virtuosität fügt, etwa wenn der finstere, bärtige Tamerlano in seiner Arie „A dispetto d’un volto ingrato“ seine innere Unruhe durch äußerliche Wut bändigt, ausgedrückt schon durch die Gesichtsanspannung beim Singen. Der Countertenor Christophe Dumaux tut dies mit gestochenen Koloraturen und in einem eher engen Timbre seiner Stimme, das aber gut zur Rolle passt.
Große darstellerische Disziplin
In dieser Weise liest man die jeweiligen Affekte wie üblich aus der Musik, aber gleichzeitig auch aus den Gesichtern. Das über die gesamte Länge einer Barockoper durchzuhalten, erforderte große darstellerische Disziplin von allen Beteiligten. Den Betrachter ermüdete es aber allmählich. Denn die orientalischen Paläste sind eben doch nicht auf der Bühne gebaut, sondern wirken immer gleich, und die Personen sind immer nur bis zur Hüfte zu sehen. Man ist auch nicht im 3D-Kino. Selbst die gelegentlichen komischen Effekte lockern nur für den Moment auf, etwa wenn die Braut Irene auf einem Teppich hereinschwebt, Tiger die Zähne fletschen oder Andronico auf einem Streitwagen fährt.
Barockoper ist – gerade bei Händel – vor allem Belcanto, worauf sich vor allem Alexander Chance als Andronico verstand. Selten gibt es einen Countertenor, der so warme und runde Töne mit Volumen im Raum entfalten kann ohne Einschränkungen in der Koloraturbeweglichkeit wie in seiner Arie „Benché mi sprezzi l’idol che adoro“. Hier untermalt das Orchester im wiegenden Dreierrhythmus die Gesangslinie, garniert durch Oboen und auch Traversflöten, was eine aparte Wirkung erzeugte.
Musikalisch überzeugend
Unter René Jacobs gestaltete das Freiburger Barockorchester die Phrasen oft in weitgeschwungenen Linien, ohne die kleinen Figuren zu vernachlässigen und bettete alles in einen seidenweichen und doch durchhörbaren Klang. Mari Eriksmoen verkörperte die Asteria als leidende, aber auch entschlossene Tochter von Bajazet. In dieser Tenorrolle des gefangenen Sultans, der lieber in den Tod geht, als sich begnadigen zu lassen, zeigte Thomas Walker, der am Premierenabend etwas indisponiert wirkte, einen unruhigen, gehetzten Menschen. Während Kristina Hammarström als Irene anstelle der leichten Koketterie, die auch in dieser Rolle liegt, eher einen damenhaft gesetzten Charakter verkörperte.
Große Zustimmung beim Publikum nach fast viereinhalb Stunden für eine musikalisch überzeugende und szenisch mindestens interessante Produktion.