Klassiker von morgen
Foto: Komponist Wolfgang Böhmer © Jordana Schramm Text:Tobias Hell, am 15. Februar 2023
Zwei aktuelle Uraufführungen zeigen, wie der Komponist Wolfgang Böhmer das deutsche Musical vorantreibt. Seinen künstlerischen Ankerpunkt hat er an der Neuköllner Oper in Berlin gefunden.
Zwei Musical-Uraufführungen in zwei verschiedenen Städten, und das auch noch innerhalb einer Woche? Das ist selbst für einen so umtriebigen Komponisten wie Wolfgang Böhmer ein ordentliches Pensum. Und doch macht er nach dem kleinen Premierenmarathon mit „Frankensteins Braut“ in Ingolstadt und „Rockin’ Rosie“ in München einen ebenso entspannten wie zufriedenen Eindruck. „Dass das im Dezember so Schlag auf Schlag kam, hatte nichts mit verschobenen Pandemie-Altlasten zu tun. Beide Projekte waren lange im Voraus geplant. Und wenn ich eine Partitur abgegeben habe, halte ich mich eh gern aus den Proben raus. Man muss auch loslassen können.“
Beeindruckend ist dabei nicht nur die Produktivität des Komponisten, der 2022 gleich fünf neue Stücke herausbrachte. Angefangen von einem musikalischen Volksstück in sorbischer Sprache für Bautzen über den familienfreundlichen „Drosselbart!“ der Brüder-Grimm-Festspiele bis hin zum Chanson-Musical „Das kunstseidene Mädchen“. Eine stilistische Bandbreite, die sich in den jüngsten Werken fortsetzte. Während „Rockin’ Rosie“ als humorvolle Hommage an die wilden Siebziger daherkam, präsentierte sich „Frankensteins Braut“ als dichtes Familiendrama, in dem man durchaus Anklänge an den dystopischen Netflix-Hit „Black Mirror“ spüren konnte. Doch damit ist es schon wieder vorbei mit Assoziationen aus dem angloamerikanischen Raum. Denn obwohl die massenkompatiblen Titel, mit denen man auch bei uns die kommerziell ausgerichteten Unterhaltungstempel füllt, fast alle in London oder in den USA entwickelt wurden, liegt die Zukunft des deutschsprachigen Musicals für den Berliner Komponisten und virtuosen Arrangeur keineswegs in der Orientierung an den dortigen Traditionen. Wichtig ist für ihn die Suche nach einer eigenen Identität.

„Frankensteins Braut“ am Stadttheater Ingolstadt. Foto: Jochen Klenk
College of Hearts
Da schien bereits die erste Produktion der von ihm mit ins Leben gerufenen Theatertruppe College of Hearts im Jahre 1983 wie eine Kampfansage: „New York muss brennen – das letzte Musical vom großen Glück“. Eine schwarzhumorige Detektivgeschichte, in der Böhmer gemeinsam mit Thomas Pigor satirisch die Konventionen des Genres aufs Korn nahm. Bis 1996 brachte College of Hearts seine anarchischen Musicals im Westentaschenformat heraus, die in Berlin schnell Kultstatus erreichten. Und so manches vom Geist dieser wilden Jahre ist immer noch zu spüren. Selbst wenn viele, die damals aus der freien Szene rekrutiert wurden, mittlerweile „sesshaft“ geworden sind und sich mit der Neuköllner Oper eine feste künstlerische Heimat etabliert hat. Von der Operette bis zum Musical.
Mal nur neu arrangiert, mal im Kollektiv neu entwickelt. Die Grenzen sind hier fließend und werden sowohl von Autor Peter Lund als auch von Wolfgang Böhmer und seinem Komponistenkollegen Thomas Zaufke immer wieder ausgetestet. Meist mit „Themen, die auf der Straße liegen und mit denen sich die Menschen identifizieren können“. Ein Konzept, das sich nicht nur bei der Fachpresse, sondern auch beim Publikum großen Zuspruchs erfreut. Nicht ohne Schadenfreude mag man daran denken, dass 1999 das kleine, aber feine „Wunder von Neukölln“ dem millionenschweren Disney-Spektakel „Der Glöckner von Notre Dame“, das zeitgleich im frisch eröffneten Prestigebau am Potsdamer Patz herauskam, den Titel als Musical des Jahres wegschnappte.
Keine x-te Adaption
Inspiration bekommt das Erfolgsteam aus unterschiedlichsten Richtungen. Während „Rockin’Rosie“ von den Erinnerungen des Ensembles beeinflusst und der rote Faden in einem gemeinsamen Workshop gesponnen wurde, war „Frankensteins Braut“ eine Idee des Theaters. Wenn auch am Ende nur der Titel übrig blieb. „Peter Lund und ich wollten nicht die x-te Frankenstein-Adaption machen, sondern haben uns vielmehr gefragt, wie sich die Idee von Mary Shelley in unsere Zeit übersetzen lässt.“ Heraus kam so die Geschichte einer Frau, die ihren Gehirntumor zwar mit Hilfe eines neu entwickelten Implantats überlebt, nach der Behandlung jedoch nicht mehr derselbe Mensch ist wie zuvor.

Szene aus „Rockin’ Rosie“ am Münchner Gärtnerplatztheater. Foto: Jean-Marc Turmes
Seine eigene musikalische Sprache zu beschreiben fällt Böhmer – der sich in verschiedensten Genres austobte und dessen Werkverzeichnis ebenso drei Opern vorweist – nicht leicht. Den früher einmal geäußerten Vorwurf, er würde wie Broadway-Ikone Stephen Sondheim komponieren wollen, sieht er eher als Kompliment. „Wenn, dann ist eher seine Herangehensweise an Stoffe ein Vorbild, das ich für mich adaptiere.“ Wie Sondheim geht es auch ihm nicht vordringlich um das Pflegen eines persönlichen Stils. Auch wenn der natürlich immer durchscheint. Den passenden Tonfall diktiert jedoch die Geschichte selbst. Etwa die Protagonistin aus „Rockin’ Rosie“, die anlässlich ihres 70. Geburtstags ihre wilde Phase in den Schwabinger Szeneclubs Revue passieren lässt. Oder die Ost-West-Thematik in „Der geteilte Himmel“.
Cashcow Musical
Für die Christa-Wolf-Vertonung, die Anfang 2023 ihre Uraufführung in Schwerin erlebt, tauchte Böhmer tief in das Lebensgefühl der 1960er ein und verweist im Gespräch auf Gerd Natschinski, der sich bereits zu DDR-Zeit anschickte, dem angloamerikanischen Musical mit Komödien wie „Messeschlager Gisela“ etwas Eigenes entgegenzusetzen: „Die waren damals schon auf dem richtigen Weg. Da gab es einige extrem gute Sachen, die man heute leider fast vergessen hat. Wir können aber nicht immer nur die obersten zwei Prozent vom Broadway abschöpfen und dann hoffen, dass das auch bei uns funktionieren wird.“ Und genau deshalb wünscht er sich mehr Mut von den Theatern.
„Leider ist es ja immer noch eher die Regel, dass das Musical vor allem die ‚Cashcow‘ im Spielplan ist, mit der man Experimente im Schauspiel oder in der zeitgenössischen Oper im Budget absichert. Aber auch wir müssen das Risiko eingehen dürfen, neue Stücke zu entwickeln und dabei vielleicht mal einen Misserfolg zu produzieren.“ Denn auch im Musical lassen sich relevante Themen verhandeln und durch das unterhaltende Format womöglich sogar breitenwirksamer kommunizieren – wie die konsequente dramaturgische Linie der Neuköllner Oper gezeigt hat. Potenzial sieht der Komponist in der deutschen Musicalszene genug. Aber ebenso den Bedarf, sich mit dem reichhaltigen Repertoire, das hier in den letzten Jahren aufgebaut wurde, weiter kreativ auseinanderzusetzen. Da gilt es, ganz im Sinne der Nachhaltigkeit, Stücke mit neuen szenischen Interpretationen auf ihre Lebensfähigkeit hin zu überprüfen oder durch den Blick von außen Facetten zu entdecken, die man selbst beim Schreiben womöglich gar nicht bewusst im Hinterkopf hatte.
Segen und Fluch zugleich
Dass neue deutschsprachige Stücke hierzulande nur selten nachgespielt werden und Häuser um der Publicity willen wenn, dann meist lieber eigene Uraufführungen herausbringen, ist da Segen und Fluch zugleich. Wobei Böhmers „Stella“, für die er und Peter Lund 2016 den Deutschen Musicalpreis erhielten, ein sich langsam doch anbahnendes Umdenken zu bestätigen scheint. Immerhin wird diese unter die Haut gehende Geschichte aus der NS-Zeit nach einer gefeierten Neudeutung am Stadttheater Ingolstadt demnächst ebenfalls vom Theater für Niedersachsen in Hildesheim zur Diskussion gestellt. Bleibt zu hoffen, dass sich mehr Häuser von dieser Neugier anstecken lassen und in Sachen Musical nicht immer nur auf Nummer sicher gehen. Die Zeit ist reif für die Klassiker von morgen.
Wolfgang Böhmer ist als Komponist, Arrangeur und Librettist vorwiegend im Bereich Musiktheater tätig und hat an der Neuköllner Oper in Berlin zusammen mit dem Autor und Regisseur Peter Lund eine Reihe sehr erfolgreicher Musicals herausgebracht. Geboren 1959 in Westfalen. Nach dem Lehramtsstudium Komponist und Akteur im politischen Kabarett Fortschrott. Komponist und Akteur in der Berliner Underground-Musicaltruppe College of Hearts. Parallel Arbeit an öffentlichen Theatern, unter anderem: Deutsches Theater, Berliner Ensemble, Maxim-Gorki-Theater, Komödie am Ku’damm.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.2/2023.