Aufführungsfoto von „Anfang – kein Ende“ von Juliane Hendes am Theater Lüneburg. Eine Frau mit kurzen Haaren im Vordergrund. Im Hintergrund steht ein Mann im Anzug in einer großen Spirale.

Anklage gegen das Wegsehen

Juliane Hendes: Anfang - kein Ende

Theater:Theater Lüneburg, Premiere:13.02.2026 (UA)Regie:Juliane Hendes

Mit „Anfang – kein Ende“, in dessen Zentrum der Prozess gegen den SS-Mann Oskar Gröning und die lokale Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit steht, fragt Juliane Hendes am Theater Lüneburg nach der deutschen Erinnerungskultur. Kein leichtes Unterfangen, doch statt Gefühlen wird doziert – mit zweifelhaftem Bezug ins Heute.

Im Theater Lüneburg wird die deutsche Erinnerungskultur kritisch hinterfragt und Anklage erhoben: Die Lüneburger – sinnbildlich für Gesamtdeutschland – sind gar keine „Erinnerungsweltmeister“, sondern Meister im Wegsehen. „Anfang – kein Ende“ stellt sich einer schwierigen Thematik mit einigen guten Ideen, zieht jedoch am Ende eine fragwürdige Verbindung zur heutigen Aufrüstungsdebatte.

Eine junge Frau (Hannah Rang) macht sich auf die Suche nach der deutschen Erinnerungskultur – und das direkt vor Ort, in einer hübschen, kleinen Stadt namens Lüneburg. Sie befragt Menschen, die beruflich mit dem Erinnern an den Holocaust zu tun haben, etwa einen Archivar (souverän: Leonardo Lukanow) oder einen Antifaschisten (Kolja Schumann): Was haben die Lüneburger getan, um die unvorstellbaren Menschheitsverbrechen, die nicht weit entfernt im Konzentrationslager Bergen-Belsen stattfanden, aufzuarbeiten? Wo waren sie, als die Nazis ihre Nachbarn abtransportierten?

Der Prozess um Oskar Gröning

Lüneburg steht in „Anfang – kein Ende“ für ganz Deutschland. Kernthese der Inszenierung: Die Lüneburger – ebenso wie die Deutschen generell – haben auch nach 1945 gern weggesehen. Sie waren ja auch so beschäftigt: mit dem Wiederaufbau, dem Wirtschaftswunder und dem Helmut-Kohl-Wählen. Ein Prozess wie der gegen den SS-Mann Oskar Gröning im Jahr 2015, der im Zentrum des Theaterabends steht, wirkt da wie eine Störung im laufenden Betrieb.

Aufführungsfoto von „Anfang – kein Ende“ von Juliane Hendes am Theater Lüneburg. In der Mitte eine metallene Spirale. Zwei Männer stehen rechts davon. Eine Frau dahinter und ein Mann links davon, der auf die zwei Männer zeigt. Im Hintergrund schwarz-weiß Fotos auf Leinwänden.

„Anfang – kein Ende“ von Juliane Hendes am Theater Lüneburg. Foto: Nicolai Stephan

Es ist nicht einfach, für diese Thematik die richtigen Worte und Mittel zu finden. In Lüneburg gelingt beides nur teilweise. Es gibt einige beeindruckende Passagen: etwa, wenn Darsteller Jan-Philip Walter Heinzel (sticht im Ensemble deutlich hervor) mit rezitierten Statements von Opfern und Tätern im Gröning-Prozess die Grausamkeit sowie das Leid erfahrbar macht. Bereichernd sind auch die historischen Filmaufnahmen, die auf von der Decke baumelnden weißen Planen projiziert werden (klug reduziertes Bühnenbild von Barbara Bloch). Einmal sehen wir dort Lüneburger Bürger, die die Alliierten 1945 auf dem Marktplatz begrüßen – ohne dabei eine Miene zu verziehen.

Kein Platz für Wut und Scham

Was dieser Anklage gegen das Wegsehen jedoch fehlt, ist paradoxerweise echte Wut: auf die Verbrecher, auf diejenigen, die von nichts gewusst haben wollen und auf diejenigen, die heute den Nationalsozialismus einen „Vogelschiss in der Geschichte“ nennen. Für echte Wut, aber auch für empfundene Schuld und Scham, wird auf der Bühne einfach zu viel doziert. Gedenken funktioniert nicht nur über das Denken, sondern auch über das Mitfühlen. Das Theater ist ein idealer Raum für das Aushandeln dieser oft widerstreitenden Empfindungen. Regisseurin Juliane Hendes lässt diese Chance ungenutzt.

Stattdessen herrscht am Ende ein Gefühl der Überforderung, das sich die Inszenierung selbst einbrockt: Da tritt ein überheblicher General auf, der über die Notwendigkeit von Kriegsdenkmälern referiert für eine Gesellschaft, die sich nach außen verteidigen muss. Dieser unsympathische Typ soll als Warnung dienen: vor Militarisierung, Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit. Genau an diesem Punkt kommt die Kernbotschaft gefährlich ins Rutschen: Es ist mehr als fragwürdig, die aktuelle Aufrüstungsdebatte in einen Zusammenhang mit der NS-Geschichte zu stellen – vor allem, wenn man bedenkt, dass es Soldaten aus „kriegstüchtigen“ Armeen waren, die Deutschland vom Nationalsozialismus befreiten. Die deutsche Erinnerungskultur beruht darauf, immer weiter Fragen zu stellen. Aber es sollten schon auch die richtigen Fragen sein.