Foto: Hagen Ritschel thront als Fuchs Volpone in seiner Gondel. © Ove Arscholl
Text:Gunnar Decker, am 8. Februar 2026
Jule Kracht inszeniert Ben Jonsons „Volpone“ am Volkstheater Rostock als tierische Fabel. Mit „Volpone oder der Fuchs“ gelingt ein Theaterabend über Superreiche, Intrigen und die Gier nach mehr.
Es gurren die Tauben und wir wissen sofort, wo wir hier sind: in Venedig, dort, wo der Kapitalismus erfunden wurde. Dessen Motor ist die Gier nach Geld und immer mehr Geld. Es bleibt also nicht bei den Tauben (die schlimmer sind als ihr sanftmütiges Image, das ihnen Picasso mit seiner Friedenstaube verpasste). Es folgen Krähen und Geier, nicht zu vergessen wenig weise Hühner als Richter ganz am Ende. Regisseurin Jule Kracht verwandelt Ben Jonsons „Volpone“ von 1605 geradezu in eine Orwell’sche „Farm der Tiere“.
Heimliche Hauptperson aber ist Mosco, die Fliege. Volpones Diener, dem Katharina Paul eine wunderbar verdreht-dynamische Beweglichkeit gibt. Am liebsten trinkt sie aus Volpones Nachttopf. Womit sofort klar wird, dass ihr hier niemand das Wasser der Lagune reichen kann. So weit wie sie gehen sie hier alle nicht, die betrogenen Betrüger rund um den größten der Betrüger, Volpone.
Opfer der Verkommenen
Die Inszenierung bekommt in ihrer konsequent historisierenden Form etwas von einem Panoptikum. Gediegenheit der Ausstattung trifft auf Verkommenheit der Charaktere. Mosco bekennt plötzlich: „Ich habe mich verliebt – in mich selbst.“ Denn sie hat ungeahnten Erfolg mit ihren Intrigen im Auftrag Volpones und bemerkt voll wohligem Schauder, dass der Erfolg schamlos macht. Die Kraft der Schmeichelei scheint ungebrochen und die Leichtgläubigen werden immer zu Opfern. Da liegen Posse und Mummenschanz nahe, die alle Beteiligten vom Sockel ihrer angemaßten Bedeutsamkeit stoßen.
Bühnen- und Kostümbildnerin Nora Lau setzt Volpone dann auch in leuchtend rotem Samtgewand in ein schwarzes Gehäuse, das halb Sarg, halb venezianische Gondel ist. Die Silhouette einer Brücke, unter der das trübe Wasser des Canal Grande träge fließt, schimmert im Hintergrund. Der Kunstgriff in Jule Krachts Regie ist nun, dass sie das Historienstück derart auf die groteske Spitze treibt, dass die Parabel hervorbricht. Kurz gesagt: Gier tötet die Gierigen. Aber bis dahin richten diese noch beträchtlichen Schaden an. Ist das ein Stück von gestern?
Reichtum der Absurden
Hagen Ritschel ist ein Volpone, der offenbar eher aus Langeweile als aus Gier den Sterbenden spielt, um sich am Schauspiel der Erbschleicher, die sich immerfort einstellen, zu ergötzen. Er lässt sich von reichen Venezianern üppig beschenken. Das ist dann auf skurrile Weise unterhaltsam, etwa wenn der Anwalt Voltone (Ulrich K. Müller) eine riesige Goldmünze herbeirollt, um Volpone dazu zu bringen, ihn zum Alleinerben einzusetzen. Aber die überdimensionierte Goldmünze scheint nicht durch die Tür zu passen – von solchen Havarien lebt die lapidare menschliche Komödie. Die Dinge haben offenbar ein Eigenleben und Pläne (der erste wie der zweite) haben, wie wir seit Brecht wissen, die Eigenschaft, nicht zu funktionieren.
Ähnlich ergeht es dem greisenhaft gespensternden Corbaccio (grandios im boulevardesken Mut zur Überzeichnung: Frank Buchwald). Dem redet Mosca ein, er müsse, um sich als Erbe Volpones zu qualifizieren, zuerst seinen eigenen Sohn Bonario (Carl Peter Radestock) enterben. Und vom eifersüchtigen Corvino (Joshua Walton), der seine Frau Celia (Marie-Luise Kuntze) gefangengesetzt hat, verlangt die böse Fliege mit Erfolg, dass er sie Volpone zuführe.

Zweigespann Volpone (Hagen Ritschel) und Mosca (Katharina Paul). Foto: Ove Arscholl
Die Intrigen kulminieren schließlich auf chaotische Weise. Es wird Gericht über alle Anwesenden gehalten, mit dem Versuch, so etwas wie die Ordnung wiederherzustellen. Das jedoch führt nun erst recht zu einem exzessiven Showdown. So unverhältnismäßig überbordend, als sei dies eines von Shakespeares Königsdramen. Ist es auch – wenn auch nur fast.
Etwas so nicht Erwartetes lässt sich bei „Volpone oder der Fuchs“ nicht übersehen. Jonsons Stückvorlage scheint nicht halb so gut wie ihr legendärer Ruf. Darum gibt es hier nun zur Überleitung zwischen den Szenen moritatenhafte Gesänge (Musik und Liedtexte: Jan Maihorn). Denn die Handlung kommt über zwei Stunden lang nie recht von der Stelle. Sondern sie kreist um einen Volpone, der sich keineswegs mit dem großen Manipulator Tartuffe von Molière messen kann. Er ist eigentlich ziemlich hohl, freut sich bloß immer wieder aufs Neue, dass es ihm gelungen ist, die erbschleicherischen Besucher zu täuschen und ihnen den sterbenden Greis vorzuspielen. Abendfüllend ist das nicht.
Bezüge zur Gegenwart
Ja, gierig sind sie, die Venezianer um 1600, ebenso wie die Superreichen heute überall auf der Welt. Was sie über die Zeiten hinweg verbindet, ist der Irrtum, alles in der Hand zu haben. In Wahrheit aber liegt der Herr bloß in seinem Gondel-Sarg und lässt seinen Diener Mosca für sich die schmutzige Intrigenarbeit machen. Aber da zeigt sich jene hegel’sche Dialektik von Herr und Knecht aus der „Phänomenologie des Geistes“, an die man heute wieder allerorten nachdrücklich erinnert wird. Diese besagt, dass der aktive Knecht mit seinem passiven Herrn die Rollen tauscht – und so zum eigentlichen Herrn wird. Und das, obwohl Mosca, die Schmeißfliege, statt Wein aus venezianischen Gläsern lieber Fäkalien aus Nachttöpfen trinkt.
Das ist der schmutzige Anstrich jeder sich anbahnenden Revolte, sogar hier im pittoresk-edlen Bühnenbild, das aber doch eine zusammengezimmerte Kulisse bleibt. Und überall schimmert die Gegenwart durch.