Foto: Ensembleszene aus dem 2. Akt der „Fritjof-Saga”. © Matthias Jung
Text:Andreas Falentin, am 8. Februar 2026
Entdeckung oder historische Fußnote? „Die Fritjof-Saga“ aus dem Jahr 1895 wird am Aalto Musiktheater Essen in großer musikalischer Qualität aufgeführt. Regisseurin Anika Rutkofsky und Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann erzählen den Versepos nach einer Wikinger-Saga bunt, spektakulär und assoziativ.
Es ist eine „neue“ romantische Oper, 1895 in Schweden entstanden und jetzt in Essen aufgeführt, geschrieben von der Organistin Elfrida Andrée und der Schriftstellerin Selma Lagerlöf, der ersten weiblichen Nobelpreisträgerin für Literatur. Eine Entdeckung oder eine historische Fußnote?
Im Prinzip beides. Zunächst beeindruckt die Ouvertüre, ein geschlossenes Orchesterstück mit einer starken Steigerung am Ende und mit vielen ungewöhnlichen Farben, etwa den Stößen der Trompeten, später auch der Klarinetten. Der Rest der Oper ist musikalisch weniger originell, mit wenig Innovation im motivischen oder harmonischen Bereich. Die Musik scheint her- und hinzuwogen, die Singstimmen heben sich davon ab, wirken der menschlichen Prosodie abgerungen. Die Stärken der Partitur sind die Chorpassagen, hier sehr gut gesungen, sowie die Orchesterfarben, etwa die geteilten Streicher oder die Harfeneinsätze. Das ist alles schön anzuhören, aber nicht neu: Es erfreut, reißt aber nicht vom Hocker.
Anders ist es mit der Erzählung, der Geschichte. Sela Lamgerlöf hat die „Fritjof-Saga“ bearbeitet, ein Versepos nach einer Wikinger-Saga, das 1825 in Schweden erschien und ein Bestseller war. Lagerlöf hat den Stoff gegen den Strich gebürstet, die zusätzliche Figur Guatemi eingeführt und die Handlung ohne Längen, aber sehr genau vermittelt. Vor allem stellt sie Menschen auf die Bühne, keine Mythen.
Menschen statt Mythen
Wenn sich beispielsweise Ingeborg und Guatemi, die Schwester und die Frau des schwachen Königs Helge, begegnen, erzählt Guatemi von ihrer Einsamkeit. Sie ist aus den finnischen Wäldern in diese Männerwelt gekommen, in der Frauen nur Dinge sind. Helge brauchte sie, um einen Gott positiv zu stimmen, bietet ihr aber keinen sozialen Anschluss. Ingeborg hingegen ist ebenfalls allein, weil ihr Geliebter Fritjof von Helge aus Eifersucht weggeschickt wurde. Dieses Gespräch findet leise, fast zart statt, ein Tasten nach dem Mitmenschen.
Die Männer dagegen sind echte Wikinger-Gestalten – mit Frauenaugen gesehen, fast Parodien. Fritjof ist ein Held, sozusagen als Beruf – und wenn er frei hat, kümmert er sich um die Frau. Helge ist ein Jammerlappen, der andere für sich arbeiten lässt und trotzdem ein großer König sein will. Und König Ring, der Helges Land mit Krieg überzieht, weil der Held abwesend ist, ist ein alter, ehrlicher Mann, der alles tut, was für sein Land und Volk das Beste ist. Stereotypen sind es, die aber nicht stereotyp handeln.
Fritjof sieht am Ende ein, dass es kein Leben ist, immer nur nach Ehre und Rache zu dürsten. König Ring freit um Ingeborg, obwohl er weiß, dass sie einen anderen liebt. So bleiben die Figuren spannend, was natürlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass das Publikum dieses Stück nicht kennt.
Krieg ohne Schlachten
Auch der Anfang ist speziell: Es ist Krieg zwischen Ring und Helge, aber wir sehen keine Schlachten, sondern Frauen, die sich ängstigen. Die Regisseurin Anika Rutkofsky lässt die Situation in einem Bunker spielen, der nach der Szene verschwindet und einem Wald Platz macht. Die Bühnenbilder von Frank Philipp Schlössmann und die Kostüme von Bente Rolandsdotter sind durchweg bunt, spektakulär und assoziativ. Sie lassen an vieles denken, etwa die Kostüme an den Film „Braveheart“ oder der Wald an den Stummfilm „Die Nibelungen“ von Fritz Lang. Vor allem passt alles zusammen. Die Personenführung von Rutkofsky dagegen ist unspektakulär genau, mit leichter Überzeichnung bei den Herren – was die Frauen noch stärker ins Zentrum rückt.
Dass „Die Fritjof-Saga“ letztlich doch als Entdeckung gelten kann, liegt an der musikalischen Qualität der Essener Aufführung. Der Erste Kapellmeister Wolfram-Maria Märtig und die Essener Philharmoniker verströmen Glanz und bringen die stellenweise merkwürdig fragmentierte Partitur in einen guten Fluss.
Ann-Kathrin Niemczyk als Ingeborg ist ein strahlender Mittelpunkt der Bühnenaktion mit klarer, textverständlicher Mittellage, tollem, substanzreichem Piano und genug Kraft für die Ausbrüche. Andreas Hermann ist ein zu Herzen gehender König Ring mit tiefem Heldentenor und ausdrucksstarkem Spiel. Friedemann Röhlig steigt als König Helge eindrucksvoll in die Bass-Tiefe hinab. Deirdre Angenent müht sich als Guatemi mit großer Stimme und vielen tiefen Tönen um eine Rolle, die sich musikalisch nach Grand opéra anhört. Mirko Roschkowski versprüht als Fritjof viel Charme und müht sich, nicht immer mit Erfolg, um die vielen sehr hohen Töne seiner Partie. Und Almerija Delic (als alte Frau) und Baurzhan Anderzhanov (als Hilding) ergänzen das Ensemble.
ich habe die „Fritjof-Saga“ gern gesehen. Fast keine Geschichte, keine Mythen, nur Menschen. Und die sind bemerkenswert modern. Und das ist viel für eine romantische Oper.