Aufführungsfoto von „Mein Freund Bunbury“ von Gerd Natschinski am Eduard-von-Winterstein Theater Annaberg-Buchholz. Ein Mann mit Herzchen-Regenschirm springt in die Luft. Im Hintergrund gestapelte Koffer und zwei Frauen, die Koffer zuklappen.

Alibi-Bunbury

Gerd Natschinski: Mein Freund Bunbury

Theater:Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, Premiere:07.02.2026Vorlage:The Importance of Being EarnestAutor(in) der Vorlage:Oscar WildeRegie:Oliver PauliMusikalische Leitung:Lukas NatschinskiKomponist(in):Gerd Natschinski

In außergewöhnlich emotionaler Besetzung auf der Bühne und am Dirigentenpult begeistert der DDR-Musicalhit „Mein Freund Bunbury“ von Gerd Natschinski am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz. Regisseur Oliver Pauli findet für die Oscar Wilde-Story über einen oft besuchten – nicht existenten – Freund das perfekte Timing.

In Berlin wurde der Allzweckfreund Bunbury Opfer einer Budgetkürzung – in Annaberg-Buchholz hat er jetzt einen großen Auftritt. Und zumindest das ist auch gut so. Sehr sogar. Das Eduard-von-Winterstein Theater in Annaberg-Buchholz ist längst eine der ersten Adressen für Operetten- und Musicalfreunde. Intendant Moritz Gogg hat es systematisch und mit Erfolg dazu gemacht. Vor allem mit lohnenden Ausgrabungen.

Das Musical „Mein Freund Bunbury“ des gebürtigen Chemnitzers Gerd Natschinski (1928-2015) ist natürlich keine Ausgrabung. Sondern das berühmteste, erfolgreichste Musical, das in der DDR komponiert wurde. Es ist aber nicht nur ein Erbe-Schmuckstück für Ostalgiker. Allein, dass es in London spielt, muss im Uraufführungsjahr 1964 per se subversiv gewirkt haben. Aber es ist eben auch eines der besten Exemplare der Gattung überhaupt. Die Geschichte, die die Librettisten Helmut Bez und Jürgen Degenhardt (von dem auch die Gesangstexte stammen) im komödiantischen Windschatten von Oscar Wilde gebaut haben, funktioniert perfekt, weil Natschinski dafür ein Feuerwerk an Hits eingefallen ist.

DDR-Musicalhit

Vor allem den im Osten Deutschlands sozialisierten Musicalfreunden dürften auf Anhieb die Melodien zu allen Nummern einfallen. Das fängt mit dem Titelsong „Mein Freund Bunbury“, den es gleich ein paar Mal gibt, an. Aber auch das schmachtende „So wie Du“, „Picadilly“ oder „Sunshine Girl, Sunshine Lady“ und die schmissigen 20er-Jahre Modetanznummern „Black Bottom“ oder „Charleston“ sind Ohrwürmer. Auf den alten DDR-Witz, der das seinerzeit gerne reklamierte Weltniveau mit der Frage …wo, wo? verlängerte, kann man im Falle von Bunbury getrost erwidern: na hier! Genau hier.

Im Stück gibt es den guten Freund Bunbury nicht wirklich. Jedenfalls nicht den, den sich zwei Freunde zurechtgeflunkert haben, um ihn als Ausrede zu benutzen, wenn sie sich mal für diverse Extratouren davonstehlen wollen: Jack (präsent in jeder Lage: Vincent Wilke) von seinem Job in der Heilsarmee. Krimiautor Algernon Moncrieff (mit all seinem hinreißenden Sunnyboy-Charme: Richard Glöckner) von diversen Partys der Londoner „Upper-Ten“-Gesellschaft. Aber nicht nur die Männer pflegen ihr Doppelleben.

Turbulente Doppelleben

Auch Cecily (Zsófia Szabó imponiert in Uniform und im Glamour-Outfit!) ist nicht nur bei der Heilsarmee, sondern als Sunshinegirl auch der Star der Music-Hall, in den sich Algernon verliebt. Da Gwendolen (mit Ironie, wenn sie die brave Tochter spielt, und Power, wenn sie bei sich ist: Magdalena Hallste) bei ihrer Partnerwahl den Ansprüchen ihrer Oberklassen-Tante Lady Bracknell genügen soll, muss sie sich einiges einfallen lassen, um ihren Jack zu kriegen. Der hat erst Aussicht auf eine Verbesserung seiner Finanzen, wenn sein Mündel Cecily zu ihrem 25. Geburtstag Zugriff auf ein hübsches Erbe erhält.

Aufführungsfoto von „Mein Freund Bunbury“ von Gerd Natschinski am Eduard-von-Winterstein Theater Annaberg-Buchholz. Im Hintergrund gestapelte Koffer. Ein Mann im schwarzen Anzug guckt eine ältere Frau seitlich sehr intensiv an, während sie in einem lila Anzug nach vorne spricht.

„Mein Freund Bunbury“ von Gerd Natschinski am Eduard-von-Winterstein Theater Annaberg-Buchholz mit Richard Glöckner (Algernon) und Gundula Natschinski (Lady Bracknell). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

Für Turbulenzen im Wer-ist-Wer der diversen Doppelleben ist reichlich gesorgt. Dass der Butler mit besonderer Gurkensandwich-Expertise sich tageweise als Jeremias hier oder dessen Zwilling Jean dort verkauft, tatsächlich Bunbury heißt, ist die Schlusspointe. Die folgt, wenn sich die Paare längst gefunden haben, die Tante ihren Segen gegeben und man den Alibi-Bunbury längst begraben hat. Leander de Marel macht das mit großartiger Butlerwürde, wobei ihm die Regie jedes Mal ein Donnern zum Auftritt gönnt. Ausstatter Martin Scherm hat als Pforte für den Übergang in die jeweils andere Job-Welt einen großen Schrankkoffer mitten im offenen Bahnhofshallenbühnenrund platziert. Das perfekte, temporeiche Timing wird so nie durch Umbauten ausgebremst, die Illusion von Bahnhof oder Salon aber im Handumdrehen auf die Bühne gezaubert.

Der Koffer wird rehabilitiert

Sogar das etwas in Verruf geratene Requisit Koffer wird hier mit Witz rehabilitiert. Selbstleuchtend imaginieren sie im Handumdrehen einen Zug. Aufgestapelt kann man sie für effektvolle Auftritte erklettern. Dass Oliver Pauli für Regie und Choreografie steht, ist das eine. Dass er mit dem gesamten Ensemble in Annaberg eine Truppe zur Verfügung hat, die ihm bei den kleinen Witzen und der großen Komödie willig und mit Lust folgt, macht den Abend zu einem Glücksfall.

Dieser Bunbury ist ein Gesamtkunstwerk, das als Wurf beim Publikum sofort zündet und sogar von einem zusätzlichen Hauch von Authentizität profitiert. Natschinskis Witwe Gundula ist die vor Energie sprühende Lady Bracknell, sein Sohn Lukas, entfesselt als Dirigent (übrigens mit Vater Gerds Taktstock) die gesamte Musicalkompetenz der Erzgebirgischen Philharmonie Aue. Ganz gleich, was im Stück selbst behauptet und aufgedeckt wird: Diesen Bunbury gibt es wirklich! Und er reißt mit, begeistert und lohnt die Reise ins Erzgebirge!