Foto: „Es sagt, es liebt uns“ von Emre Akal am Nationaltheater Mannheim mit Elodie Theres Toschek (Tochter), Fabian Dott (MR01, Herr Lenz), Sarah Zastrau (MO-NI), Boris Koneczny (Vater). © Christian Kleiner
Text:Björn Hayer, am 1. Februar 2026
Im Auftragswerk „Es sagt, es liebt uns“ erschafft Hausautor Emre Akal am Nationaltheater Mannheim einen empathischen, nach Autonomie strebenden Roboter. Die Uraufführungsinszenierung von Dennis Duszczak steuert eine kluge Figurenanlage zwischen Witz und Melancholie bei.
Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen nahezu alles könnenden Roboter, der mit einem Mal Gefühle entwickelt, der eine Partnerschaft und überdies noch Autonomie anstrebt. Im wahren Leben mag diese Vorstellung – noch – Zukunftsmusik sein, in Emre Akals ingeniösem, neuem Stück „Es sagt, es liebt uns“, uraufgeführt am Nationaltheater Mannheim, ist sie längst Realität. Nachdem Erichs (Boris Koneczny) Frau gestorben ist, schaffen sich er und seine Tochter (Elodie Theres Toschek) einen Humanoiden (herausragend verkörpert von Sarah Zastrau) an, der Haushalts- und Pflegearbeiten übernehmen soll.
Gespür für Ambivalenzen
Mal spielerisch-neugierig, mal irritiert-verstörend verläuft die Annäherung zwischen den Dreien. Der Mann und der weibliche Roboter sprechen über Liebe und Alltag, die Tochter hat derweil die Trauer über den Verlust ihrer Mutter noch nicht überwunden, sodass die mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Maschine, übrigens genannt MO-NI, kurzerhand die Rolle von letzteren übernehmen will. Doch damit genug: Mehr und mehr begehrt die Allzweckdienerin gegen ihr Schicksal auf und fordert mit wütender Gebärde Freiheit ein – ein Aufstand mit fatalen Folgen.

„Es sagt, es liebt uns“ von Emre Akal am Nationaltheater Mannheim mit Fabian Dott (MR01, Herr Lenz), Boris Koneczny (Vater) und Sarah Zastrau (MO-NI). Foto: Christian Kleiner
Obwohl Dennis Duszczaks Inszenierung auch ob der immensen Textlänge streckenweise etwas zäh anmutet, gelingt die Uraufführung nicht zuletzt durch die kluge Figurenanlage, insbesondere von MO-NI. Akals Text beweist ein feines Gespür für Ambivalenzen, wodurch der Humanoid nie spröde und unmenschlich erscheint. Vielmehr kommt er uns durch seine Reflexionen über die eigene Fremdheit und Einsamkeit äußerst nah. Wir ertappen uns dabei, Mitgefühl ihm gegenüber zu empfinden. Dürfen wir das? Treten wir dabei nicht in eine Falle der Industrie, die mit solchen Modellen gut Geld verdient? Und wenn ja, welche ethischen Konsequenzen folgen daraus? Sollten Roboter (analog zur Tierethik) Rechte haben, weil sie leiden können? Ohne diese komplexen, moraltheoretisch relevanten Fragen explizit zu diskutieren, stellen sie sich die Zuschauer:innen automatisch, je länger sie dem Spiel beiwohnen.
Sorglos und rückständig
Tochter und Vater bemerken allerdings erst spät, was die Ähnlichkeit der Maschine zu ihnen bedeutet. Wohl auch dafür dürfte das Bühnenbild stehen (Kulisse: Thilo Ullrich). Wir blicken auf einen überdimensionalen Sessel. Wenn der Vater auf ihm schläft, dann verbildlicht dies zum einen seine anfängliche Sorglosigkeit und Bequemlichkeit. Zumal ihm MO-NI als billige Arbeitskraft gerade richtig kommt. Zum anderen könnte das schwere Mobiliar für die Entwicklungslosigkeit des Seniors stehen. Während sich die Welt weitergedreht und der technologische Fortschritt revolutionäre Dimensionen erreicht hat, wirkt er noch ganz dem analogen Zeitalter verhaftet. In Bewegung gerät jenes an sich statische Setting immer dann, wenn der Humanoid uns monologisch an seinen Gedanken teilhaben lässt und dabei der Sessel gedreht wird. Bemerkenswerterweise übernimmt diese Aufgabe zumeist Herr Lenz, der Unternehmensvertreter (Fabian Dott), der MO-NI produziert und verkauft. Er muss das Geschehen vorantreiben, zumal er damit Gewinne erzielt.
Sowohl Melancholie als auch reichlich Witz durchziehen diese stimmig durchkomponierte Bühnenrealisierung. Ihr Ende ist zwar tragisch, wird jedoch mittels zweier Kniffe aufgelockert. Zunächst stimmen die drei Menschen mit Flöten Enyas Song „Only Time“ an. Ironischer könnte es kaum zugehen, hätte sich doch der Konflikt mit der Maschine niemals durch bloßes Abwarten oder Hoffen auf bessere Tage, wie im Inhalt des Liedes, lösen lassen. Daraufhin zieht die Regie buchstäblich den Stecker. Wir hören den bekannten Sound, wenn Windows herunterfährt. Updates und Neustarts sind indessen zu erwarten. Nach der ausverkauften Premiere dürfte es bis zum Sommer noch einige Termine für dieses Stück geben, das vollends den Nerv der Zeit trifft.