Foto: Sylvana Schneider als Macbeth. © Ilja Mess
Text:Manfred Jahnke, am 1. Februar 2026
Das Theater Konstanz bringt mit Heiner Müllers „Macbeth“-Fassung, inszeniert von Abdullah Maria Karaca, viele eindrucksvolle Bilder auf die Bühne. Trotzdem bleiben am Ende einige Fragen offen.
In Heiner Müllers „Macbeth“-Fassung geht es blutig zu. Da erscheint nicht nur der „blutige Mann“ gleich zu Beginn des Stücks, sondern da sitzt König Duncan auf einem Thron von Leichen, da werden die schottischen Bauern gepiesakt, wie es nur geht. In der Inszenierung von Abdullah Maria Karaca findet sich wenig von der Grausamkeit gegen das Volk. Stattdessen gibt es eine machtpolitische Rangelei zwischen Macbeth und Malcolm, einem der Söhne König Duncans, der ein Recht auf den Thron Schottlands hat. Konsequent daher, dass die 23 Rollen bei Heiner Müller (ohne Lords, Bauern) auf fünf Schauspieler verteilt werden.
Besondere Besetzung
Angeregt von einem Essay der ungarischen Philosophin Agnes Heller wird Macbeth in Konstanz weiblich besetzt. Wie im Programmheft zu lesen ist, erwählt sie sich selbst zum Mann, „der zu allen Grausamkeiten bereit und fähig ist“. Das spielt Sylvana Schneider als Macbeth nicht aus. Sie bleibt in ihrer körperlichen Gestik und in der Gesichtsmimik sehr weiblich und weich. Man spürt ihr Leiden, aber leidet nicht mit ihr. Das hängt mit der Verknappung der Handlungen zusammen, die dem Macbeth etwas Entscheidendes wegnehmen.
Macbeth handelt und steht zugleich als selbstkritischer Beobachter seiner Handlungen neben sich. Diesen Prozess stellt Karaca aus, indem er Schneider oft einsam an der Rampe reflektieren lässt. Aber die Spielerin ist dann selbstversunken in einer Mischung aus Selbstmitleid und Lebensphilosophie. Dieser „Macbeth“ muss wirklich zum Handeln gepeitscht werden. Das kann aber nur gelingen, wenn sie auf eine starke Lady trifft, die sie vorantreibt. Jasper Diederichsen als Lady Macbeth bildet leider einen schwachen Gegenpol.
Im Mittelpunkt der Bühne
Obwohl Karaca auf ein rasantes Spieltempo setzt, erscheinen die Szenen gedehnt. Das liegt auch daran, dass die Regie immer verdeutlichen möchte, wer gerade im Mittelpunkt steht. Die betreffende Person sitzt oder steht immer vorne. Am Anfang trennt ein Gazevorhang hinten und vorne. Da sitzt Macbeth direkt vor dem Publikum, während König Duncan (Thomas Fritz Jung) hinten seine Lobesrede auf den Schlachtenlenker hält. Aber König Duncan verschwindet schnell aus der Handlung. Diese konzentriert sich auf die Auseinandersetzung zwischen Macbeth und Malcolm, dem Zoubeida Ben Salah mit blonden Locken Zunder gibt, ohne selbst wirklich tätig werden zu müssen – das Recht steht auf ihrer Seite.

Patrick O. Beck und Zoubeida Ben Salah vor dem rostfarbenen Turmgerüst. Foto: Ilja Mess
Konsequenterweise, wenn es um andere Figuren geht, spielt das Ensemble, zu dem noch Patrik O. Beck gehört, der auch den Banquo spielt, in silbrigen Masken mit Glitzerhaar. Das wirkt wie das Bühnenbild von Elena Schleicher sehr ästhetisch. Sie hat auf eine Drehbühne ein wandelbares Turmgerüst gebaut, mit rotrostigen Platten, die auch abgehoben werden können. Vor allen Dingen aber schafft sie die Voraussetzungen für einen schnellen Wandel der Szenen, die neue Örtlichkeiten definieren. Am Ende erinnert das Bühnenbild gar an die Jugendstilkunst eines Aubrey Beardsley. Auch wenn hier keine Salome den Kopf Johannes‘ des Täufers vor sich herträgt. Die Wände, auf die pflanzenhafte Strukturen projiziert werden, und ein Brunnen, in dem am Ende Macbeth eintaucht und plötzlich blutende Lippen bekommt, erinnern an Beardsley.
Karaca lässt eine fast märchenhafte Welt entstehen. Gut und Böse werden sichtbar in Weiß und Schwarz (Kostüme: auch Elena Schleicher) – und verwischen sich doch wieder. Und die Hexen? Sie erscheinen nicht, sie sind als Stimmen im Raum zu hören. Eine Überästhetisierung kennzeichnet diese Aufführung. Die Inszenierung von Karaca bringt viele schöne Szenen hervor. Aber was dieser „Macbeth“ erzählen will, hinterlässt viele Fragezeichen. Über allem stehen die sphärischen Klänge von Lutz Gallmeister.