Eine lebensgroße Puppe einer alten Person im Rollstuhl, daneben die eines Kinds mit rotblonden Haaren, dahinter zwei Spieler:innen

Perspektive eines Demenzkranken

Elena Langer: The Lion’s Face

Theater:Landesbühnen Sachsen, Premiere:22.01.2026 (DSE)Regie:Kai Anne SchuhmacherMusikalische Leitung:Jan Arvid PréeKomponist(in):Elena Langer

Die Landesbühne Sachsen zeigt die deutsche Erstaufführung von Elena Langers Oper „The Lion’s Face“ über den demenzkranken Mr. D.. In der Mischung aus Sprech- und Gesangsrollen, Puppen und Darstellenden versteht es Regisseurin Kai Anne Schumacher, die musikalischen in szenische Impulse umzuwandeln.

Das Thema ist schwierig, die Umsetzung faszinierend, das Publikum begeistert. Die Oper von Elena Langer, die die Welt aus der Perspektive eines Demenzkranken zeigt, erlebte in Radebeul ihre deutsche Erstaufführung. Kai Anne Schumacher hat das Libretto ins Deutsche übersetzt und bei der szenischen Umsetzung einen beeindruckenden, fesselnden Zugang gefunden. Bereits bei ihrer ungewöhnlichen und frappierend schlüssigen „Don Giovanni“-Interpretation vor zwei Jahren hatte sie gezeigt, dass sie Alter und Hinfälligkeit sensibel, einfühlsam und mit großem Respekt inszenieren kann.

Der Titel „The Lion’s Face“ leitet sich von oftmals ungerührt, maskenhaft erscheinenden Gesichtszügen dementiell erkrankter Menschen her. Mr. D. ist in einer Pflegeeinrichtung. Seine Frau, die Pflegerin und auch der Doktor können kaum zu ihm durchdringen. Die Oper zeigt alle Figuren aus dem Blickwinkel von Mr. D.. So wie seine Sprache „durcheinander“ ist, er bestimmte Dinge immer und immer wieder sagt, in den Gedanken unerwartet springt, er Dinge oft kurios und häufig unverständlich umschreibt, so ist auch die Sprache der anderen.

Sprechrollen und Gesangspartien

Der Kunstgriff der Inszenierung ist, dass Mr. D. eine lebensgroße Puppe ist, geführt von Christoph Levermann. Sein kindliches Alter Ego wird von Seth Cardillo-Tietze mit Leben gefüllt. Beide Puppen sind in ihrer Vielseitigkeit und Ausstrahlung so überzeugend, dass man ganz gefangen ist.

Antigone Papoulkas ist als Ehefrau so sehr von ihrer Trauer über den Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit ihres Mannes vereinnahmt, dass sie zwischen kalter Abweisung bis zu überfürsorglicher Zuwendung pendelt. Zorn, Ablehnung, Verhandlungstaktiken – alles, was man im Umgang mit Trauer kennt, bricht bei ihr auf. Während Mr. D. eine Sprechrolle ist, sind die anderen fordernde Gesangspartien. Die Sängerin der Pflegerin war kurz vor der Premiere erkrankt, so spielte die Regisseurin die Rolle auf der Bühne, während Sophie Klussman von der Seite gesungen hat. Diese besondere Situation hatte kaum Einfluss auf die Wirksamkeit der Szenen.

Eine lebensgroße Puppe links im Rollstuhl mit einem pinken Geschenk auf dem Schoß, dahinter zwei Puppenspieler:innen, rechts steht eine Darstellerin

Mr. D. übergibt der Tochter der Pflegerin (Anna Maria Schmid) ein Geschenk. Foto: René Jungnickel

Die Pflegerin, im Kostüm eher eine Ärztin, steht sich selber im Weg. Sie ist fasziniert vom Doktor, schwärmt so von ihm, dass sie ihre Tochter vernachlässigt. Paul Gukhoe Song spielt und singt den Doktor. Die Demenzerfahrung mit seiner Mutter treibt ihn an, die Krankheit zu erforschen, nach Behandlungsmöglichkeiten zu suchen. Dabei kommt die Bereitschaft, sich auf den Patienten einzulassen, zu kurz.

Gespiegelter Bühnenraum

Nur die Tochter der Pflegerin kann in ihrer kindlich naiven Art, die dem Kranken ohne Erwartungsdruck entgegentritt, einen Zugang zu Mr. D. finden. Anna Maria Schmidt singt und spielt das junge Mädchen ganz direkt, singt die extreme Partie mit schierer Selbstverständlichkeit und wirkt so authentisch. Genau das scheint der Schlüssel auch zu Mr. D. zu sein. Ihr kann er endlich das Geschenk übergeben, das er schon immer überreichen wollte.

Linda Triebel hat einen mit fahrbaren gebogenen Spiegeln strukturierten freien Bühnenraum geschaffen. Ihre charakterisierenden Kostüme verwandeln sich im Spiel in kuriose Figuren, die Alices Wunderland entsprungen scheinen. Jan Arvid Prée leitete die Musiker der Elblandphilharmonie Sachsen, zu dem auch der akustisch vervielfältigte, klangreine Knabensopran von Jakob Klein (Dresdner Kapellknaben) gehört. Die Musik bietet eine gute Basis für die Gefühle der Protagonisten. Sie trennt zwischen der harten Sprache der Erwachsenen, dem romantisch-melancholischen Grundton des Mr. D. und einer geradlinigen, fast liedhaften Musiksprache für die Tochter. Regisseurin Schumacher versteht es, die musikalischen in szenische Impulse umzuwandeln und daraus Energie für das szenische Spiel zu schöpfen.

Das Publikum war vom Gegenstand ergriffen und vom Spiel angerührt. Bleibt zu hoffen, dass alle Interessierten zu den wenigen Aufführungen finden.