Drei Schauspielende auf einer Bühne, der mittlere stehend mit den Armen auf einem Stuhl abgestützt, der vor ihm steht

Smarter Boulevard-Krimi

Bernd Schmidt: Achtsam Morden

Theater:Landesbühne Rheinland-Pfalz, Premiere:16.01.2026Vorlage:Achtsam mordenAutor(in) der Vorlage:Karsten DusseRegie:Pascal Breuer

Pascal Breuers Inszenierung des Bestseller-Krimis „Achtsam morden“ im Schlosstheater Neuwied zeigt, wie anschlussfähig Boulevard sein kann. Eine pointierte Textfassung und austarierte Regie bringen dem Publikum Lachen und leises Unbehagen gleichermaßen.

Die Bühnenfassung von Karsten Dusses Bestseller „Achtsam morden“ erweist sich im Neuwieder Schlosstheater als erstaunlich wendiger Hybrid aus Krimikomödie, Satire und klassischem Boulevard. Die Inszenierung von Pascal Breuer setzt dabei auf Türenklamauk, Tempo, Rollenwechsel und jede Menge pechschwarzen Humor. Aber auch der Lokalkolorit kommt nicht zu kurz.

Im Mittelpunkt steht der überforderte Strafverteidiger Björn Diemel, der zwischen Großkanzlei, Ehekrise und Kita-Platz-Suche aufgerieben wird und von seiner Frau in ein Achtsamkeitsseminar geschickt wird. Was als Anleitung zur Work-Life-Balance beginnt, schlägt rasch in eine Mordinstruktion um: Diemel entledigt sich seines wichtigsten Mandanten, des Mafiaboss Dragan, mit einer Mischung aus tiefer Atmung, juristischem Pragmatismus und Kofferraum – und gewissermaßen „aus Versehen“, kann ja mal passieren. Dann fangen die Verwicklungen aber erst richtig an.

Rasanter Rollenreigen

Der Abend bleibt konsequent auf der Spur der Groteske: Moralische Skrupel werden zur Pointe, wenn der Anwalt etwa das Schwarzgeld des von ihm beseitigten Gangsters mit dem Hinweis rechtfertigt, dafür hätten Prostituierte und Dealer „ehrlich und hart gearbeitet“. Die Inszenierung trifft damit den Nerv jener Mittelschicht, die zwischen Selbstoptimierung, Karrierezwang und familiären Ansprüchen latent am Rand des Kontrollverlusts operiert.

Regisseur Pascal Breuer legt die Vorlage als rasanten Rollenreigen an, in dem der Weg vom Meditationsmantra zur Motorsäge nur wenige Szenen dauert. Bildstarke Einfälle – etwa das Auftreten Björns im blutbefleckten Overall mit Kreissäge oder Häcksler-Anspielungen – verleihen der Inszenierung einen Splatter-Einschlag, der jedoch stets in komödiantischer Überhöhung und theatralisch angemessen dezent bleibt.

Schauspielerische Virtuosität

Bemerkenswert ist, wie konsequent Breuer auf Verdichtung setzt: Statt Krimiplot und Liebesgeschichte parallel zu bedienen, konzentriert er sich auf das Zusammenspiel von Achtsamkeitsrhetorik und Unterweltlogik, wodurch eine böse, oft treffsichere Satire auf Ratgeberkultur und Krimiserien entsteht. Die Grenze zwischen moralischem Handeln und kalkuliertem Durchgreifen verschwimmt dabei bewusst und bildet den eigentlichen Reiz des Abends.

René Heinersdorff trägt den Abend als Björn Diemel mit präziser Sprache und einem Spiel, das gekonnt zwischen Erzähler, Getriebenem und zunehmend abgebrühten Strippenzieher changiert. Seine direkte Ansprache des Publikums macht die Zuschauer zu Mitwissern und, nicht zuletzt, zu augenzwinkernden „Mittätern“. Yael Hahn und Miguel Abrantes Ostrowski stemmen im Duett nahezu das gesamte Personal der Unterwelt und des bürgerlichen Alltags – vom Mafiaboss über die Ehefrau bis zum Kindergartenkind und zur Polizistin – und wechseln in Sekunden Kostüm, Stimme und Körperhaltung. Die Vielzahl blitzschneller Umzüge, gelegentlich sichtbar auf offener Bühne, erzeugt ein bewusst kontrolliertes Chaos, das den temporeichen Slapstick-Charakter der Inszenierung unterstreicht und zugleich die schauspielerische Virtuosität des Duos deutlich macht.

Pointierte Textfassung

„Achtsam morden“ zeigt, wie anschlussfähig Boulevard sein kann, wenn er aktuelle Diskurse – hier Achtsamkeit, Coaching, True-Crime-Ästhetik – mit Genre-Mustern der Mafia-Serie verbindet. Die Anklänge an Formate wie „Breaking Bad“ und gängige Streaming-Krimiserien sind unverkennbar, werden jedoch mit einem klaren Gespür für Theatralik und Publikumsnähe übersetzt.

Dass der Abend ohne romantische Verwicklungen auskommt und dennoch ein „Mordsspaß“ bleibt, ist das Verdienst einer pointierten Textfassung und einer Regie, die Tempo, Brutalität und Leichtigkeit sorgfältig austariert. So entsteht ein zweistündiger Theaterabend, der das Genre Boulevard nicht neu erfindet, ihm aber einen zeitgemäß bissigen Ton verleiht – und das Publikum gleichermaßen zum Lachen und zum leisen Unbehagen bringt.