Savakar und Curzon Wyllie stehen sich im Indie House direkt gegenüber. Hinter Savakar stehen die restlichen indischen Freiheitskämpfer und beobachten bestürzt die Auseinandersetzung.

Antikolonialismus unter Zeitdruck

Mithu Sanyal: Antichristie

Theater:Theater Dortmund, Premiere:29.11.2025 (UA)Regie:Kieran Joel

Am Theater Dortmund inszeniert Regisseur Kieran Joel die Uraufführung von Mithu Sanyals antikolonial-zeitreisendem Detektivroman „Antichristie“. Ein Abend, der über Kolonialismus aufklärt, dabei bestens unterhält, zeitweise aber auch zu viel auf einmal will.

Antichristie“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mithu Sanyal, ist ein auf historischen Ereignissen basierendes Spektakel der Vielschichtigkeit. In dessen Zentrum steht die 50-jährige Kölnerin Durga Chatterjee. Tochter der kürzlich durch eine Bahn überrollten Duisburger Aktivistin Lila Chatterjee, Drehbuchautorin für eine antirassistische Agatha-Christie-Verfilmung in London und nicht zuletzt überraschte Zeitreisende zu den unter der britischen Kolonialmacht aufbegehrenden indischen Freiheitskämpfern. Ganz schön viele Baustellen für einen Theaterabend. Wobei Regisseur Kieran Joel, der auch schon Sanyals Debüt-Roman „Identitti“ am Düsseldorfer Schauspielhaus inszenierte, sogar ein paar Charaktere aus dem Buch komplett gestrichen hat. Durgas Partner Jack oder ihr Vater Dinesh kommen gar nicht erst vor. Um die Handlung zusätzlich optisch etwas zu strukturieren, lässt Joel die einzelnen Stränge auf verschiedenen Ebenen, vor allem auch über Video passieren.

Auf der Drehbühne im Dortmunder Schauspielhaus hat Justus Saretz (Bühne) vier Blöcke angeordnet, die das Ensemble zu zwei Orten zusammenstecken kann. Da gibt es einmal das in rote Farbe getunkte India House. Ein von Revolutionsgedanken durchtränktes Zentrum in London um 1909. Hier planen Vinayak Damodar Savarkar (Entwickler der hindunationalistischen Ideologie Hindutva) und Student Madan Lal Dhingra ein Attentat auf den britischen Regierungsbeamten Curzon Wyllie. Dann gibt es den im Vergleich sehr beige-weißen Writers Room im Jahr 2022. Hier erfährt Durga gemeinsam mit dem Agatha-Christie-Team vom Tod der Queen, während sie am Drehbuch feilen. Verbunden werden diese beiden Ebenen, wenn Durga durch die Zeit reist und sich im Körper des indischen Freiheitskämpfers Sanjeev Chattopadhya wiederfindet.

Ambivalenzen von Gewalt

Sanjeev kommt neu ins India House und trifft dort auf Savakar und Madan. Der charismatische und belesene Savakar, gespielt von Luis Quintana, spricht viel über das Leid und die Ausbeutung Indiens durch die Briten. Dabei findet er immer mehr Rechtfertigungen, zurückzuschlagen. Savakar zitiert frei nach Frantz Fanon, „In der Logik der Kolonialisten werden wir erst zu Subjekten, wenn wir Gewalt anwenden“, und übt immer mehr Druck auf seine Mitstreiter, vor allem aber Madan aus. Seine Gewaltbereitschaft wird drastischer, seine Gesten dafür immer fürsorglicher und manipulativer. Er ist es, der Madan dazu bringt, Wyllie zu töten.

Schauspielerin Puah Abdellaoui schafft hier als Madan einen der wenigen emotionalen Momente des Stücks, der nicht durch eine Pointe aufgebrochen wird. Sie lässt das Publikum an den Gewissensbissen und der Ausweglosigkeit Madans teilhaben. Für ihn ist klar, „der Kolonialismus ist nicht nur ein System. Er ist eine Sprache.“ Und diese Sprache sprechen vor allem die, die sie still anerkennen. Wer tatenlos danebensteht, macht sich mit schuldig.

Geplante Überforderung

Gerade zu Beginn des Stücks wechseln die Szenen sehr schnell hin und her. Stellenweise lässt Kieran Joel das India House und den Writers Room gleichzeitig erscheinen, indem er den zweiten Ort via Video (Leon Landsberg) an die Wände projizieren lässt. Das ist eine gute Lösung, um viele Umbauten zu vermeiden und bietet die Möglichkeit für schöne Übergänge im Writers-Room-Video besprochenes Buch taucht in Sanjeevs Händen im India House auf – die schnellen Wechsel bergen aber auch die Gefahr, dass die Szenen ihre Wirkung nicht vollständig entfalten können und die Inhalte das Publikum überfordern.

Ensemble und Regie sind sich dessen bewusst, sprechen diese Überforderung konkret an. Mehrmals durchbrechen sie die Handlung mit Live-Videos, nach der Pause sogar mit einer interaktiven Quizshow, um das Geschehene zu rekapitulieren und die offen klaffenden geschichtlichen Wissenslücken in der Gesellschaft anzusprechen. „Wer weiß etwas über die Hindu-German-Conspiracy?“, fragt eine Quizmoderatorin. Die Antwort aus dem Publikum bleibt aus.

Unterhaltsamer Fiebertraum

„Antichristie“ fühlt sich ein wenig  an, wie ein Theaterstück auf Geschwindigkeit 2.0. Trotz der Länge von rund drei Stunden gibt es für Ensemble und Publikum wenig Zeit zum Durchatmen. Die Texte sind schnell, gespickt mit Pointen, historischen Details und Eastereggs. Währenddessen sind viele Rollen doppelt besetzt, es gibt Musikeinlagen, einmal schwebt Katharina Dalichau als Durgas Mutter aus dem Jenseits von der Decke und zum Schluss tritt auch noch Sherlock Holmes auf, um den Fall von Curzon Wyllie zu lösen. Ein buntes Durcheinander also, das sehr viel auf einmal will. Wer sich aber darauf einlassen kann, erfährt einen Abend bester Unterhaltung.