Mich interessieren die dunklen Seiten des Lebens
Foto: „Liebes Arschloch“ am Theater Münster. © Sandra Then Text:Martina Jacobi, am 15. November 2024
Der israelische Regisseur und Bühnenbildner Ran Chai Bar-zvi begegnet schweren Themen in seiner Theaterarbeit mit Leichtigkeit. Auch in seiner aktuellen Inszenierung „Liebes Arschloch“ am Theater Münster stehen menschliche Begegnung und Identität im Zentrum.
Diese Weirdness bitte ein bisschen länger!“, ruft Ran Chai Bar-zvi aus dem Zuschauerraum. Es ist eine Probe zu „Liebes Arschloch“ nach Virginie Despentes’ Roman am Theater Münster. Raphael Rubino und Agnes Lampkin aus dem Münsteraner Ensemble stehen sich auf der Bühne gegenüber, von links nach rechts Bad, Küche, Wohn- und Schlafzimmer: das natürliche Coronahabitat, in dem sich die beiden nach langem Mailverkehr zum ersten Mal in Fleisch und Blut begegnen. Da ist plötzlich ein anderes gegenseitiges Wahrnehmen und Verstehen. Wie teilen sich diese zwei Menschen – er mit #MeToo-Vorwürfen am Hals, sie eine mit Stereotypen kämpfende Schauspielerin – einen Raum?
Gegensätze ziehen Bar-zvi an, „ich genieße das“, sagt der Israeli nach der Probe. Draußen sind gute 30 Grad, Schorle und Apfelsaft bringen Abkühlung, und Bar-zvis lebhaftes Erzählen ist ansteckend. Mit Despentes’ „Liebes Arschloch“ inszeniert er in Münster wieder nach einer sprachlich starken Textvorlage, erst in der letzten Spielzeit führte er Regie bei Kim de l’Horizons „Blutbuch“ am Schauspiel Hannover, einem poetischen, auch brutalen Text. In den Vorlagen sucht Bar-zvi für seine Bühnenversionen einen Bruch, „den Moment, in dem ich einen Widerspruch in einer Figur spüre, ein Fragezeichen, das nicht so leicht zu beantworten ist“. Und daraus entwickelt er dann sein eigenes Erzählgerüst.
Theater als Mittel für Dialog
Heute ist Bar-zvi Regisseur, studiert hat er aber von 2012 bis 2019 Kostüm- und Bühnenbild an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Theater war schon in seiner Kindheit präsent: 1989 in Jerusalem geboren, wuchs er mit den Chanukka-Spielen auf, der israelischen Version der Weihnachtsmärchen, und spielte mit anderen Kindern säkularer Familien und welchen aus religiösen ein Schauspielprojekt: Theater als Mittel für Dialog. Dabei wollte Bar-zvi damals eigentlich gerne Tänzer werden, machte Volkstanz und Ballett. Mit 14 hörte er auf, in der Schule wurde er als „Schwuchtel“ bezeichnet. Darüber kann er heute lachen, und dass er Tanz nicht studiert hat, bereut er nicht.

Ran Chai Bar-zvi. Foto: Sandra Then
Einen initialen Theatermoment hatte der Bühnenbildner und Regisseur, als er 2007 nach dem Abitur eine Berlinreise unternahm. Am Deutschen Theater lief gerade Jürgen Goschs „Ein Sommernachtstraum“, und der Vorstellungsbesuch hinterließ einen starken Eindruck. „Ich war schockiert. Das war eine Art von Theater, die ich noch nie gesehen hatte!“, erinnert er sich. In dem Moment war klar, dass Bar-zvi zum Studieren zurück nach Deutschland kommen würde. Gleichzeitig wollte er Israel nach dem verpflichtenden Militärdienst verlassen, das war 2011. Zu wenige Chancen warteten dort: „Regie oder Bühnenbild konnte man damals nicht studieren.“
Individueller Vorstellungsraum
Bar-zvi prägt ein breites künstlerisches Interesse – Tanzen, Schauspielen, auch Malen, all das ist die Basis für seine heutige Theaterarbeit. Seine Bühnenbilder prägt eine abstrakte Bildsprache, die mit wenigen, starken Elementen auskommt. Eine dominante Drehbühne für „Die Krise des jungen Törleß“ in Stuttgart als Schleife von Grausamkeit und Identitätskrise, für de l’Horizons „Blutbuch“ in Hannover die Blutbuche als schmerzhaft-verbindender Familienstammbaum, in der Inszenierung „Das große Heft“ in München über Krieg sind es die Bühne dominierende Panzersperren. Die Szenerien sind Leitfäden, lassen für das Publikum aber individuellen Vorstellungsraum. Bar-zvi möchte in seinen Inszenierungen Raum für Spontanität generieren, wie in einer Improvisation oder Performance. „Die Performance lebt aus dem Hier und Jetzt und das Sprechtheater vom Reproduzieren des Lebens“, findet er. „Blutbuch“ in Hannover beginnt mit einer Impro-Dragshow im Ballhof Café des Theaters.

„Blutbuch“ von Kim de l’Horizon am Schauspiel Hannover. Foto: Kerstin Schomburg
Während der Probe in Münster bleibt Bar-zvi nie lange in einer Position, beobachtet die Interaktion der Schauspieler:innen von verschiedenen Positionen und ist oft selbst auf der Bühne, um besser zeigen zu können, was er sich wie vorstellt. Seine Anweisungen kommen schnell und klar. Ein großes Anliegen ist dem Regisseur, dass sich das Publikum in den Figuren wiedererkennen kann. Identität zieht sich als verbindendes Thema durch Bar-zvis Arbeiten. Während seiner Zeit an der Weißensee Kunsthochschule entwickelte er die Performance „Expat“ als Israelreise in Berlin – „Expat“ steht für „expatriate“ als Bezeichnung für Personen, die vorübergehend oder dauerhaft in einem anderen Land, einer anderen Kultur leben. Er beschreibt darin, wie er im Berlin-Alltag ein Heimatgefühl wiederfindet, Bezugspunkte sucht.
Leichtigkeit als Zugang für Auseinandersetzung
Bar-zvi war als Bühnen- und Kostümbildner unter anderem am Münchner Volkstheater, bei Rimini Protokoll, der Ruhrtriennale und am Schauspiel Stuttgart tätig. Noch während der Arbeit in München als Bühnenbildner sammelte Bar-zvi Interviews mit Schwulen, trans* Frauen und Männern für die Stückidee zu „Dark Room“ – inspiriert von in den 1970ern auftauchenden Clubs, die als homosexuelle Fetischkeller galten. Einem Dramaturgen gefiel das Konzept. Als er ans Schauspiel Hannover wechselte, nahm er die Idee mit zu Intendantin Sonja Anders. Und 2019 feierte Bar-zvi dort mit „Dark Room“ sein Regiedebüt.
Die Inszenierung handelt von Sexualität, verbotener und auch gefährlicher, Sexualität in ungeschützten Räumen. „Ich glaube nicht, dass es absolute Safe Spaces gibt“, sagt Bar-zvi. Leichtigkeit und Humor sind bei aller Schwere seiner Stückstoffe dennoch ein Wesensmerkmal des Regisseurs, das auch die Probe zu „Liebes Arschloch“ prägt, im Team wird viel gelacht. Und die Leichtigkeit ist auf der Bühne ein Zugang für Auseinandersetzung. „Ich bin ein Mensch mit Konflikten, und mich interessieren die dunklen Seiten des Lebens“, erzählt er. Die Herausforderung sieht er gerade darin, schwierigen Themen mit „Humor, Zärtlichkeit und Poesie“ zu begegnen.
Bildungsort Theater
In Aachen führte Bar-zvi in der letzten Spielzeit Regie bei der Musiktheaterproduktion „Zaïde/Adama“, einer Liebesgeschichte zwischen einer israelischen Frau und einem palästinensischen Mann. Die Komponistin Chaya Czernowin hat Wolfgang Amadeus Mozarts Fragment gebliebenes Werk „Zaïde“ zu „Zaïde/Adama“ erweitert. Wieder gibt es zwei Seiten, einen Bruch zwischen zwei Menschen. Sympathie ist für Bar-zvi das Bindemittel – und eine politische Agenda: „Mir ist immer wichtig, die Menschlichkeit im anderen zu sehen. Frieden macht man mit Feinden, nicht mit Freunden, und ich muss das Theater immer noch als eine Chance für Aufklärung sehen, als Bildungsort.“
Eine prägende Arbeit war „Das große Heft“ am Volkstheater München, ein Stück nach dem Buch von Ágota Kristóf über ein im Krieg lebendes Zwillingspaar. Diese erste Regiearbeit in München wurde zum Festival Radikal jung 2024 eingeladen. „Ich bin natürlich nicht im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, aber ich konnte mich und mein Umfeld in vielem wiedererkennen“, erzählt Bar-zvi. In die Inszenierung hat er Eindrücke aus Erzählungen seiner Großmutter und seines Vaters vom Krieg in Israel einfließen lassen. Die Premiere fand am 1. Oktober 2023 statt, nur eine Woche vor dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Vor der nächsten Vorstellung gab es im Team einen Austausch über die Berechtigung, das Stück weiterhin auf die Bühne zu bringen, erzählt Bar-zvi.

„Das große Heft“ nach dem Buch von Ágota Kristóf am Volkstheater München. Foto: Gabriela Neeb
Wunsch nach stärkerem Zusammenhalt
Gerade im Hinblick auf den Erfolg der AfD in Thüringen bei den Landtagswahlen findet Bar-zvi, dass Theater durchaus etwas bewirken kann. Er wünscht sich bei politischem Druck einen stärkeren Zusammenhalt aller Häuser in Deutschland als Unterstützung füreinander. Was seine eigene Arbeit betrifft, will er auf aktuelle Ereignisse auf verschiedenen Ebenen reagieren: „Ich frage mich als linker Israeli, der seit zwölf Jahren in Deutschland lebt, ob ich auf politische Ereignisse reagieren muss, ob ich das soll, und dann, ob ich das kann.“
Theater sieht Bar-zvi als rationales Medium mit einer gesunden Distanz zum Inhalt, das Gefühle reproduzieren kann. „Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen im Saal sich in denen auf der Bühne wiedererkennen können.“ In der Probe von „Liebes Arschloch“ lässt der Regisseur die Darsteller:innen zehn Minuten stumm miteinander agieren und aufeinander reagieren, Distanz überwinden. Bar-zvi bewundert Theater, das zum Lachen und zum Weinen bringen kann. Und als Musiktheater- und Schauspielregisseur, Bühnen- und Kostümbildner und Tanzerfahrener zieht er keine genauen Genregrenzen: „Wenn alle Mittel zusammenarbeiten, kannst du Menschen zum Mitfühlen bringen. Das sind diese 30 Zentimeter vom Herzen zum Hirn.“
Ran Chai Bar-zvi wurde 1989 in Jerusalem geboren und absolvierte die Jerusalem High School of Arts. 2012 bis 19 studierte er Kostüm- und Bühnenbild an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. 2019 hatte Bar-zvi mit „Dark Room“ sein Regiedebüt am Schauspiel Hannover. Die Inszenierung „Das große Heft“ am Münchner Volkstheater wurde zum Festival Radikal jung 2024 eingeladen.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.6/2024.