Konsequent treibt Philipp Löhle daraus eine Horrorstory hervor. Denn bald muss Leonard der gesamten Familie sexuell zu Willen sein. Solche Brauchbarkeit stachelt zunächst den Sohn des Hauses und später die Eheleute dazu auf, ihn zusätzlich als Objekt ihrer Gewaltfantasien zu erproben. Familie Wagner stopft Exkremente in ihn hinein, traktiert ihn mit Taser und Messer. Unerbittlich verwandelt Löhle sukzessive soziales Engagement in sexuelle Ausbeutung und später Folter. Die Grausamkeit der Wagners hätte Caligula entzückt. Selbst Woyzeck hätte seine Fährnisse denen Leonard Müllers vorgezogen. Doch nimmt der Schrecken noch zu: Wirtschaftlich erfolgreich, wie die Psychologin und ihr Gatte sind, liegt die Monetarisierung der eigenen Obsessionen nahe. Zumal eine Patientin der Seelenkundlerin bekennt, Notärztin geworden zu sein, um Hände und Arme in Blut und Eingeweide zu tauchen. Künftig darf sie ohne jede medizinische Ambition und schlechtes Gewissen in des Wagnerschen Haussklaven Wunden graben und seinen Lebenssaft auflecken.
Statusverlust degradiert zum Freiwild
Leonards Los ist Legion, es trifft zuallererst gesunkene Mittelschicht. Die Peiniger rekrutieren ihre Opfer aus einstigen umweltbewussten Standesgenossen: den Autohändler, der keinen Absatz für seine Elektrofahrzeuge findet oder die mit ihrem Anschlag auf einen Supermarkt gescheiterte Klimaaktivistin. Sie alle werden der unter Notärztin firmierenden Schlächterin ans Messer geliefert. In den Augen der Herr- und Herrinnenschaft unproduktive Existenzen, die – nachdem man sich an ihnen abreagiert hat – umstandslos zu entsorgen sind, schaden diese Überzähligen sonst doch ohnehin nur der CO2-Bilanz.
Während Löhles Stücktext das Gemetzel herausstreicht, hebt Regisseur Christoph Mehler eher auf die finale Völlerei mit Fleisch- und Wurstwaren ab, zu denen das Personal offenbar verarbeitet wurde. Angetan mit Fatsuits, gebärdet sich die selbsternannte Elite wie beim Gastmahl des Trimalchio im Satyricon des Petronius. Zuvor wird unter vehemntem Körpereinsatz geschrien, kopuliert, gedemütigt und gefoltert, was das Zeug hält. Oft rücken die Spielenden dem Publikum bis vor die Schuhspitzen der ersten Reihe. Stefano Di Buduos Bühnenraum gibt sich retrospektiv. Betonstufen führen auf ein Podest. Das Firmenschild des Autohauses ebenso wie eine Telefonzelle lassen die Wirtschaftswunderjahre ahnen. Längst hat alles dies seine beste Zeit hinter sich. Raimund Widra ist Schmerzensmann Leonard Mülller. Ob vom hohen Podest die Stufen hinab stürzend, vom Taser oder Messer zugerichtet, Widra verleiht den Qualen, die seine Figur auszustehen hat, unmittelbare Gegenwart. Für Psychologin Konstanze Wagner wechselt Christiane Motter vom Sattel woker Phrasen in den der ausgepichten Sadistin. Mit den weiteren Spielenden vereinen sich diese Beiden zu Bewohnern von Schreckenskammern der Mittelschicht.
