Bühne voller Topfpflanzen
Das Team vom ITZ im Tübinger Zimmertheater hat den Ort gut gewählt. Auf einem aufgelassenen Schlachthofgelände sind die Pfosten aufgeschlagen. Eingegrenzt durch einen langen Container glänzt auf dem Asphalt Altmetallschrottprodukte. Überall stehen welke Blumentöpfe herum (die Tübinger waren aufgerufen, Topfpflanzen, die nicht mehr in ganz gutem Zustand sind, beim Theater abzugeben). Links vorne dominiert ein großer Strohballen, rechts ein Wasserbassin nebst einer Badewanne, in der sich das Bakterium anfangs räkelt.
In der Mitte steht das Wrack eines alten Mercedes der E-Klasse. Wenn das Heck aufgeklappt wird, sieht man auf einen Schrein, mit dem der Diener Puck seine entschwundene Herrin Titania nachtrauert. Roman Pertl spielt diesen Puck im weiten weißen Glitzerrock in seiner neuen Funktion als Mitarbeiter der „Beifall GmbH“, der gute Laune versprühen und seinen Spaß haben möchte.
Hermia und Lysander sind seine Lieblingsobjekte. Laurette van de Merwe, im goldenen Partykleid (Kostüme: ebenfalls Gregor Sturm) klettert über einen Zaun auf die Spielfläche. Sie, die in den Wald flüchten will, reißt gleich eine Getränkedose auf. Standesgemäß fährt der Lysander von Morris Weckherlin, in einem silbernen Partyanzug gehüllt, mit dem Auto vor. Er möchte sich sogleich über Hermia hermachen, aber diese ziert sich wie bei Shakespeare. Und wie bei diesem greift Puck dann zu seinem Rauchzauber: Lysander liebt nun einen Baum, den er ständig zu umarmen versucht. Jemand, der vermeintlich zur Natur zurückgefunden hat.
Naturbetrachtungen mit Shakespeare
Hannah Zufall rückt nicht das Liebespaar in das Zentrum ihrer Verwandlungen, sondern das Bakterium, das mit seinem Rost die Titanic zersetzt und sich bleiern über die Welt, die voller Altmetall ist, verbreitet. Seraina Löschau spielt diese Titanicae zunächst wie ein Embryo in der Schubkarre, bevor sie den Raum nicht nur im Wasser erobert und sich auf der Rückbank des Autowracks mit Zettel einlässt und sich dabei eine Art Sexpuppe verwandelt.
Eva Lucia Grieser spielt Zettel als biederen Handwerker, der zunächst einen Heizkörper mit sich herumträgt, die Klappe an einer Geschirrspülmaschine auf- und zuschlägt oder an einem Lampenkörper herumdoktert, aber zu Beginn des Spiels irgendwie nicht dazu gehört. In der Begegnung mit dem Bakterium aber mutiert er zum verzweifelten Vertreter der Letzten Generation. Es gelingt Puck auf der Suche nach einem Happy End nicht, Zettel zu stoppen. Er muss auf das Mittel, das sein eigentliches Metier ist, zurückgreifen: Erfolgreich fordert er das Publikum zum Beifallssturm auf, um Zettel auszubremsen und diesen Theaterabend in ein traumatisches Erlebnis zu verwandeln.
Verwandlungen hinter dem Tübinger Schlachthaus
Hannah Zufall arbeitet sehr sorgfältig mit den Widersprüchen im Verhalten der Menschen zur Natur. Zwischen dem Bewusstsein, das sich etwas in diesem Verhältnis verändern muss, und der Praxis der Bequemlichkeit, die den Wald zu einem Müllplatz macht. Die Autorin arbeitet dabei viel mit Liedtexten von Deichkind bis hin zu Britney Spears, die auch live – oft a capella – gesungen werden. In diesen Songs werden nicht nur emotionale und mythische Bilder beschworen, sondern mit diesen deuten sich auch die Wechsel in den Verwandlungen an, die daher manchmal sprunghaft erscheinen.
In ihrer Uraufführungsinszenierung überschlägt sich Magdalena Schönfeld vor Einfällen, die wie das Spiel des Bakteriums mit kleinen Badeenten dem Credo von Puck – Spaß, unbedingt Spaß – folgen, aber im nächsten Moment das Lachen im Halse stecken bleiben lässt, weil der dystopische Charakter des Geschehens sich unverhüllt zeigt. Dabei kitzelt die Regie die hohen musikalischen Fähigkeiten des Ensembles heraus: Mit Schlagzeug, E-Gitarre, Saxofon oder Keyboard begleitet es sich. Ein gelungener Theaterabend, bei dem der Schnürlregen denn auch nachließ.
