Bedeutungsschwanger und doch eindrucksvoll
In diesem 3. Akt wird das Drama geschärft und es gibt jede Menge ausdrucksvoller Recitativi accompagnati, also vom Orchester begleiteter Rezitative, und die B-Teile der Da-Capo-Arien sind nun gewichtiger, expressiver und getragener. Doch schon in den ersten beiden Akten erweist sich Walpurgis als gelehrige Schülerin Johann Adolf Hasses und komponiert Musik auf der Höhe ihrer Zeit. Dass im Gegensatz zum italienischen Original in den Arien und Duetten in den Rezitativen eine manchmal unfreiwillig komische deutsche Übersetzung benutzt wurde, trug zum angeblich besseren Verständnis nicht unbedingt bei, denn es gab ja für alles Übertitel! Wie es auch zunehmend störte, dass Regisseurin Ilaria Lanzino die Arien in den ersten beiden Akten mit jeder Menge Aktionen eines neunköpfigen Tanzensembles (Choreografie: Valentí Rocamora i Torà) lebendiger und kurzweiliger machen wollte.
Auch das Bühnenbild (Emine Güner, von der auch die Kostüme stammten) war bedeutungsschwanger. Es zeigte bis zu seiner endlichen Auflösung im dritten Akt hinter einer in der Mitte dominierenden Kugel, auf die es immer wieder wie in einer rituellen Handlung Blut regnete, strahlenkranzförmig angeordnete rote Schuhe, die auf die berühmte Aktion von Elina Chauvet Bezug nehmen, die erstmals 2009 in der mexikanischen Stadt Ciudad Juarez zu sehen war und seither vielfach kopiert wurde. Jedes Paar Schuhe steht da für ein Opfer eines Femizids. Am Ende knallen Dutzende rot eingefärbte Schuhe vom Schnürboden auf den Boden, die tags zuvor Teil einer Kunstaktion auf dem Platz vor dem Opernhaus waren und aus der die Protagonisten sich zum Schlusschor jeweils ein beliebiges Paar herausfischen.
Rundum gelungen war das musikalische Niveau des Abends: Der Originalklang-Experte Wolfgang Katschner dirigierte im hochgefahrenen Graben historisch informiert ein exzellentes kleines Orchester aus Mitgliedern der Staatsphilharmonie Nürnberg, das auf modernen Instrumenten spielte. Die die Streicher benutzten, immerhin, Barockbögen. Auch bei den Sängern blieben kaum Wünsche offen. Das Frauen-Trio war großartig: Julia Grüter spielte und sang eine bewegende Talestri, Eleonore Marguerre nicht weniger überzeugend Tomiri und die Mezzosopranistin Corinna Scheurle setzte einen eigenen Akzent als Oberpriesterin Antiope. Ray Chenez (Oronte) besitzt einen leuchtkräftig höhensicheren Countertenor, der beim Duett mit dem gehaltvollen Sopran Julia Grüters wunderbar verschmolz.
Fazit: Fast 25 Jahre nach der Ersteinspielung mit der Batzdorfer Hofkapelle und einer spannenden szenischen Aufführung im Münchner Cuvilliès-Theater eine lohnende erneute Wiederentdeckung einer inhaltlich damals wie heute ungewöhnlich ambitionierten und raren Oper einer Frau, die musikalisch durchweg von hoher Qualität ist.
