Henkel konzentriert sich auf den charismatischen Bösewicht Richard; im Gegenzug dampft sie Nebenfiguren ein, streicht Nebenhandlungen; so mancher Shakespeare-Vers weicht platter Alltagssprache, wobei der Ruf: „Guck mal, Mama!“ gefühlt etwas zu häufig fällt und verlässlich mit einer Bosheit der grandios-grässlichen Über-Mutter (Kate Strong in Bestform) pariert wird. Für Richard, „Missgeburt, verwachsenes, wühlendes Schwein“, hat selbst die eigene Mutter nur Schimpf und Spott über. Henkels Inszenierung begnügt sich jedoch nicht mit psychologischen Deutungen – sie versucht vielmehr, das innere Chaos des Protagonisten auf die Bühne zu heben. Lina Beckmann ist fraglos der Trumpf dieser Aufführung. Sie verkörpert Richard III. mit mitreißendem Furor, wendet mühelos die gesamte Klaviatur an: vom charmanten Intriganten bis zum eiskalten Mörder. Tempo und Timbre sind stets stimmig. Wo Beckmann agiert, ist der Teufel los. Sie bildet das Epizentrum dieser Inszenierung, nahezu die gesamte Spielzeit lang, fast vier Stunden.
Der Fokus auf Beckmann als „Richie“ ist Absicht, erweist sich mit Fortschreiten des Abends jedoch auch als Schwachstelle. Beckmann hat – anders als bei Shakespeare vorgesehen – kaum starke Gegenspieler, was nicht am Ensemble liegt (das durchweg große Spielfreude zeigt), sondern am dramaturgischen Konzept, das Beckmanns Kontrahenten leider wenig Spielraum lässt, was zwangsweise zu Durchhängern führt. Bis Lina Beckmann die Sache wieder an sich reißt. Und wie ein verrückter Derwisch über die Bühne irrlichtert. Ein Hoch der zelebrierten Entgleisung!
