Der 1964 geborene Autor hat vor mehr als zehn Jahren selbst Erfahrungen gesammelt in einer Nicht-Regierungsorganisation. Damals arbeitete er im Auftrag von Cap Anamur im einzigen psychiatrischen Krankenhaus Liberias. Aber er schrieb keine dokumentarische Selbstbespiegelung über diese Zeit, sondern eine kafkaeske Suchbewegung in den Köpfen seiner Figuren. Die Not der verstümmelten Kindersoldaten und die beginnende Pandemie bilden eine Drohkulisse. Von draußen klingt nur einmal der vielstimmige Sound der Straße in die abgeschottete Hotelanlage, während sie drinnen gefangen sind in ihren mitgebrachten sexuellen Frustrationen und in ihrem Idealismus, der sich trotzdem nicht vom Herrenmenschen-Denken befreien kann, wenn mit europäischer Überheblichkeit über die kaputte Pool-Beleuchtung oder den schlecht schmeckenden Kaffee gelästert wird. Diese mentale Haltung spiegelt sich im kargen Sperrholz-Ambiente der Bühnen- und Kostümbildnerin Sarah Sassen. Triste Möblierung für triste Menschen.
Nach und nach scheint sich das Ebola-Virus dieser sechs Helfer zu bemächtigen. Davon künden Krämpfe bei dem einen, Fieber-Fantasien bei dem anderen. Und wenn am Ende – wieder auf dem Flughafen von Casablanca – Blut läuft aus dem Mund des NGO-Chefs, nachdem er eine Stewardess sexistisch angebaggert hat, dann steht dieses Symbol wohl auch dafür, dass sich das Virus nun weiter ausbreiten wird in der Welt.
Angesichts der Covid-Pandemie könnte der zweistündige Abend wie ein prophetisches Menetekel wirken. Aber ganz so ist es nicht. Der Vergeblichkeitsfuror der Figuren droht so zu versickern wie Wassertropfen im Wüstensand. Andererseits ist die weltweite Gefährdung im Foyer und in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt sehr präsent. Per Live-Video werden die Szenen in den Saal übertragen, die draußen im Foyer gespielt werden – und umgekehrt. Dabei assoziieren die Zuschauer womöglich ihren Berufsalltag mit Videokonferenzen im Homeoffice. Doch zu viel bleibt an der Oberfläche. Das Virus der inszenatorischen Tristesse und des sprachlichen Smalltalk-Geplänkels ist zu stark. Dennoch: Es wird wieder gespielt! Live vor Publikum mit einem ausgeklügelten Sicherheitskonzept! David Stöhr geht dafür geschickt Kompromisse ein und wird wie die sechs Ensemblemitglieder Ernest Allan Hausmann, Gabriele Drechsel, Ulrike Fischer, Thorsten Loeb, Murat Seven und Mathias Znidarec deshalb vom Premierenpublikum zu Recht gefeiert.
