Foto: Peter Cieslinski, Sarah Siri Lee König, Georg Melich in der Mitte, gerahmt vom Chor. © Ilja Mess
Text:Manfred Jahnke, am 5. Juli 2020
Nun ist es doch noch gelungen: Wenigstens eine Freilichtaufführung konnte er zum Abschluss seiner Intendanz am Theater Konstanz herausbringen. Nach 14 Jahren darf man sich schon ein wenig inszenieren – dies gerät nun aber nicht streitlustig, wie man es von Christoph Nix gewohnt ist, der sich als Kämpfer um sein Theater erwiesen hat. Nein, es ist eher eine Verbeugung vor dem Publikum seiner Stadt: Für sein Stück „Hermann der Krumme oder Die Erde ist rund“ stellt er eine regionale Persönlichkeit in das Zentrum einer Handlung, Hermann von Altshausen, der von 1013 bis 1054 lebte. Weil er gelähmt war, brachten seinen Eltern, hochgestellte Adlige, ihn im Kloster auf der Insel Reichenau unter. Da man eigentlich nur als Mönch aufgenommen wurde, wenn man gesund war, musste der Vater dazu einiges Land stiften. Im Kloster entwickelt der gelähmte junge Mann besondere Fähigkeiten, er forscht, erarbeitet aus dem Studium arabischer Schriften heraus eine genaue Zeitmessung, er schreibt eine Weltchronik, er komponiert und ja, er zieht aus seinen Beobachtungen den Schluss, dass die Welt rund sein müsse. Das glaubt seine Umwelt zwar nicht, aber sie bestraft ihn auch nicht mit Verbrennung. Sie lässt ihn in Ruhe und das wohl weniger, weil er mit dem Abt Berno und dem Papst Leo IX. befreundet war, sondern schon eher, wie es einmal im Text heißt, weil er wie ein vom Himmel herabgefallener Engel sei. Die Situation ändert sich, als der Abt stirbt und er seinen Beschützer verliert. Zur Spannung gehört auch immer der „böse“ Gegenpol. Was den Autor Nix neben dem Lokalbezug faszinierte, ist das Drama eines hochintelligenten Menschen, der nicht über seinen Körper verfügen kann. Und da es in der Neuzeit mit Stephen Hawking einen ähnlichen Fall gibt, liegt es nahe, beide in einen Dialog über ihre Visionen zu bringen, über Utopien zu diskutieren und das Universum als Schöpfung zu feiern: „Denken Sie immer daran, nach oben zu den Sternen zu schauen und nicht nach unten auf Ihre Füße.“ Dieser Satz von Hawking könnte auch einer von Hermann sein.
Die Zuschauer, die auf zwei Tribünen sitzen, schauen auf die imposante Fassade des Konstanzer Münsters, genauer: auf das Seitenschiff mit den mittelalterlichen Glasfenstern, die umso farbiger leuchten, je näher die Nacht rückt. Man sieht auch auf den imposanten Turm, der sinnfällig macht, wie klein der Mensch doch ist. In den Spielraum stellt die Bühnenbildnerin Marie Labsch zwei Plastiken, eine große halbgewölbte, die in ihrer Struktur an ein Atom erinnert. In der Mitte dieser Plastik hängt, golden ausgeschlagen, ein ovales Objekt, in das man sich setzen kann. Auf der rechten Seite hingegen steht eine kleine Plastik, die in ihrer Struktur an einen auf der Seite liegenden Neumond erinnert. Mehr braucht es nicht, um eine fast mystische Atmosphäre herbeizuzaubern. Vielleicht noch dies: die Musik. Wie gut vernetzt Nix in Konstanz ist, zeigt sich auch darin, dass es ihm wieder einmal gelungen ist, den Kirchenmusikdirektor des Münsters, Steffen Schreyer, zu überzeugen, sowohl mit seinem Vokalensemble als auch mit dem Kinderchor der Münstermusik Konstanz in diesem Spektakel aufzutreten. Und so beginnt die Aufführung vor der mächtigen Münsterfassade mit dem Einzug des Kinderchores, das mit dem Lied vom „Bucklicht Männlein“ gleich politisch thematisiert, welche Vorurteile gegenüber Behinderten bestehen. Und dann zieht das Vokalensemble ein, in großen schwarzen Kutten (Kostüme: Mascha Schubert) mit dem von Hermann komponierten „Salve Regina“ und mit Plastikvisieren vor den Gesichtern: ein Fest der Stimmen! Der Chor erobert den Raum, er lagert sich in die Nischen in der Fassade des Seitenschiffes, beobachtet die Szene, und sobald er wieder den Spielraum betritt, so fühlt es sich an, als ob Massen über die Spielfläche schreiten.