Im Bühnenhintergrund steht in Leuchtschrift „Im Namen des Volkes“ (Ausstattung: Ariella Karatolou), davor ist das Kasseler Internetcafé in Andeutungen nachgebaut, in dem Halit Yozgat 2006 erschossen wurde. Passagen zu diesem Fall haben der Regisseur und Dramaturgin Petra Schiller aus den fast 2000-seitigen Mitschriften der NSU-Verhandlung ausgewählt, die Journalisten der Süddeutschen Zeitung (SZ) als Buch veröffentlicht haben. Äußerst spannende O-Ton-Dialoge sind das, sodass es erstaunt, nicht landauf, landab theatrale Auseinandersetzungen damit zu erleben. Erzählen sie doch viel über die Realitätsblase der deutschen Justiz und auch darüber, was alles schief gelaufen ist seit der Wende und nun in rechtspopulistischen sowie rechtsextremen Gedanken und Taten einen Ausdruck findet.
In weiß-rosa entindividualisierenden Overalls spielen die Darsteller die Verhöre und Einlassungen der Juristen und Nebenkläger nach. Machen dabei deutlich, wie der Vater des Opfers (Uwe Steinbruch) immer wieder eingeschüchtert und ihm der Mund verboten wird. Betonen die bengelige Schnöseligkeit der Täteranwälte wie auch die zynische Arroganz von Behördenvertretern und Neonazis, die sich in allen entscheidenden Punkten an nichts erinnern können. Dabei auch mal Aktenblätter einfach verspeisen. Während der Richterin (Meret Engelhardt) zunehmend der Feldwebeltonfall versagt, sie immer jovialer, aber auch panischer wird angesichts des großen Schweigens. Die Opferanwältin (Rahel Weiss) hat derweil mit ihrer rasenden Ohnmacht zu kämpfen. Der Kasseler V-Mann Andreas Temme, der zur Tatzeit vor Ort war und nichts mitbekommen haben will, wird geradezu lächerlich gemacht. Was konsequent ist für die aus Opfersicht argumentierende Regie. Darsteller Artur Spannagel spricht betonungslos, eben wie ein vom Verfassungsschutz ferngesteuerter Replikant, schleicht somnabul umher und hält sich an einem Stapel Unterlagen fest, aus denen er seine Weiß-nichts-Phrasen abliest. Wobei er mit rotem Faden in sein Lügengespinst eingewebt wird. Temme arbeitet heutzutage übrigens nur wenige Straßen vom Theater entfernt und berechnet Kasseler Bürgern die Rente.
Nach der Pause stellt das künstlerische Team noch deutlicher bittere Entrüstung aus. Die von den SZ-Journalisten angefertigten Kurzfassungen der Prozesstage werden auszugsweise lässig swingend im ironischer bis höhnischer Diktion vorgetragen. Ganz offen macht man sich lustig über den Prozess und die Beteiligten. Um dann mit dem Plädoyer die Argumente dafür zu liefern. Schließlich ist Walter Lübckes Rede über unsere Wertegesellschaft aus dem Off zu hören, der rechte Hetzkampagnen folgten, die schließlich in dem Mord mündeten. Das letzte Wort der Einspielung ist Demokratie – es wird derart verhallt, dass es sich aufzulösen scheint.
Ja, die Aufführung ist ein einseitiger Kommentar zum NSU-Prozess. Es ist ein polemischer Abend. Aber eben auch aufregend zeitgenössisches Selbstverständigungstheater. Nämlich am Puls dessen, was Kassel angesichts der Vorwürfe bewegt, eine braunes Nest zu sein.
