Dabei spürt man in einigen Augenblicken, dass Melle und Rupprecht es eigentlich besser können. Zum Beispiel in der Anlage des Hagen-Charakters, der über sich selbst treffend sagt: „Ich bin die Achse, die alles Falsche zum Richtigen verdreht.“ Überhaupt lässt die schauspielerische Leistung des ihn mimenden Klaus Maria Brandauer über einige inszenatorische Schwächen hinwegsehen. „Was bin ich anders als eure Funktion?“, fragt er in einem starken Monolog das Publikum. Letztlich wolle es doch jedes Mal nur erneut das Blutspektakel sehen. Und auch manche Geste erweist sich als pointiert. Bevor Kriemhild ihren Siegfried in Hagens Falle laufen lässt, umarmt sie ihn, wobei sie orangene Farbe auf seinem oberen Rücken, seiner verletzlichsten Stelle, verteilt. Indem sie damit überdies ihr Kleid abstreift, haften Blut und Schuld an ihr.
Was vermittelt die Traumlandschaft Ortliebs, eines Jungen im rot befleckten Pyjama, der weder selbst sterben noch seine Eltern verlieren will? Was hinterlässt diese gleißend weiße Bühne, die gegen Ende an einer Stelle in das leere Innere einer Gerüstkonstruktion blicken lässt? Vor allem ein Meta-Theater, das versucht, erhellende Aussagen aus einem Spiel mit alternativen Optionen zu ziehen, die doch größtenteils ins Nichts münden. Aus der titelgebenden „Überwältigung“ ist nur eine Ahnung geworden – von einer markerschütternden Tragik, die an diesem Abend einfach nur Erzählung bleibt.
