Ottenis Dramaturgie für das ethische Chaos entfaltet sich wie ein streng gebautes Raster auf der flach terrassierten Stufenbühne von Peter Scior, die das Geschehen nah an den Zuschauer rückt. Mit dramatischer Komik und viel Wassergeplansche wird der missglückte Selbstmordversuch des Gouverneurssekretärs Griffon (Christoph Rinke) gezeigt; schmalzig tändelt die Gouverneurstochter (Andrea Spicher) im Mondschein mit dem Offizier Renaud (Frank-Peter Dettmann); ein Sturm entkleidet die Schauspieler bis zu völliger Nacktheit, am Ende verlieren sie sich in Hungervisionen. Strukturiert werden diese emotionalen und mentalen Tiefbohrungen von den mehrfach wiederkehrenden Visionen eines rettenden Schiffs und drei heftigen Massenschlägereien.
Im Zentrum des Abends steht wie bei Franzobel der Arzt Savigny (Christian Bo Salle), der zwischen moralischer Empörung und wissenschaftlichem Interesse schwankt. Er legt das einem Toten entnommene Schlabber-Hirn in Formaldehyd ein, amputiert das Bein eines Verletzten per Beil und erkennt früh im Setting des Floßes den idealen Laborversuch. Zugleich aber bekämpft er mit Vehemenz nicht nur den feigen Zynismus Corréards (Ilja Hajes), sondern vor allem den eisig-intellektuellen, ganz in schwarz gekleideten Griffon, der mit theologischer Verve Mord und Kannibalismus rechtfertigt. Die entscheidende Debatte birgt allerdings auch eine gewisse Komik, weil Otteni die Darsteller in paradiesischer Nacktheit das Für und Wider der zivilisatorischen Grenzüberschreitung diskutieren lässt. Animalische Unschuld oder Ecce Homo am moralischen Rubikon, an dessen jenseitigem Ufer das Überleben winkt? Am Schluss stehen Hungervisionen und Schlaf, während man SOS-Rufe Schiffbrüchiger hört.
Am Ende will Otteni dann doch zu viel: Historische Vergegenwärtigung, ethischer Diskurs, medizinische Bestandsaufnahme, Komik, Tragik, Rührung – wirklich nah tritt einem die Inszenierung nicht. Und die wiederkehrenden Verweise auf Europa, Demokratie, Flüchtlinge, Moral und Kultur sind nicht nur wohlfeil, sie machen vor allem skeptisch. Nicht erst auf dem Mittelmeer, schon in Lügde oder bei jedem toten Kind in der Kühltruhe beginnt der Zivilisationsbruch. Wer das nicht erkennt, dem ist mit dem „Floß der Medusa“ auch nicht zu helfen.
