Die Zivilisation und das, was man dafür hält, sind schon rettungslos verloren, wenn die alte Königin von Troja noch mit gerafftem Pathos um Fassung ringt. Die kämpferische Dame in eleganter Design-Verpackung, die Hermès-Handtasche nach Thatcher-Technik wie eine Handfeuerwaffe an den Busen gedrückt, stimmt das Klagelied an als wär´s die letzte Chance zur großen Rechtfertigungs-Arie. Und das ist es ja auch. Annette Büschelberger, die wohl schon bei ihrer zweiten Premiere weit auf dem Weg ist, ein Nürnberger Bühnen-Star zu werden, lässt als Hekabe übungshalber ein räusperndes Krächzen hören, quasi die Heiserkeit der Macht, ehe sie gewaltsam den Aufschwung zum Absturz packt. Sie rafft die Reste dessen, was sie amtlich für Würde hält und bricht dabei immer wieder, immer krachender in sich zusammen. Tochter Kassandra im Verzweiflungs-Brautkleid (Pauline Kästner baut einen Schutzwall von hysterischem Gelächter) klammert sich an Rache-Ahnungen. Die eher pragmatisch ums Irgendwie-Überleben kämpfende Schwiegertochter Andromache (Julia Bartolome zeigt gekonnt impulsiv eingesetztes Verzweiflungs-Drama) wirft sich auf ihren todgeweihten Jungen wie auf die letzte Erinnerung an bessere Zeiten. Vom Kind, dem schrecklichsten aller Menschen-Opfer, bleibt für herzende Abschiedsumarmungen letztlich nur der gefüllte Leichensack. Ein Bild, das man nicht mehr los wird.
Den Männern ist in diesem 90-Minuten-Reflex von berstender Frauen-Power in Abwicklung nur jämmerliche Anmaßung und die alles überwuchernde institutionalisierte Gewalt vorbehalten. Thomas Nunner reflektiert mit wankender Körpersprache als schnaubender Menelaos diese Melange aus Barbarei und Hilflosigkeit fabelhaft genau. Unübertrefflich aber Sascha Tuxhorn, wie er den Boten Talthybios zum Repräsentanten der jederzeit elastischen Fremdmeinung macht, zum überzeitlich lachhaften „Behördenkasper“ mit dem Achselzucken im öffentlichen Dienst. Ein Entschuldigungen murmelnder Schreibtischtäter für den Außen-Einsatz, durchpulst von untrennbar verbundener Tragik und Komik, als sei er das personifizierte Trafohäuschen dieser wunderbar auf den Energiepunkt gebrachten Inszenierung.
Alle Personen aus der Antike sind Figuren, an deren Gegenwärtigkeit nie Zweifel aufkommen. Von daher ist die Kostümierung in aktuellen Mode-Standard so wenig problematisch wie die noch im Ausbruch zum Schnodder-Slang („Mutti, das ist jetzt aber Quatsch“) ganz bei der Sache bleibende Übersetzung. Regisseur Gloger jagt mit den Schattenspiel-Videos von Sami Bill, in denen auch massenhaft Kakerlaken wimmeln, traumatische Effekte über die Oberflächen des Unterbewusstseins, aber der Sprache und den Schauspielern gehört dabei immer seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Jeder Darsteller ein eigenes Kunstwerk, alle zusammen ein mächtiges Denkmal-Bild. Daraus entsteht nervenkitzelnde Thriller-Spannung, die bis zum finalen Sturz in den unwiderstehlichen Sog des Untergangs anhält. Man konnte es bei der Premiere auch in Schrecksekunden messen, am Schock, also daran, wie lang die Pause nach dem Blackout bis zum einsetzenden Beifall war.
