Roland Schimmelpfennig entwirft eine Standard-Situation für die Basis seiner Geschichte, verknetet Psycho-Boulevard mit Polit-Botschaft und absurdem Theater. In Nürnbergs Kammerspielen ist das mit unkalkulierbarem Aha-Effekt verbunden, denn Familienkrieg zu Weihnachten mit ätzender Oma am Christbaum bietet auch das zur gleichen Jahreszeit spielende Mundart-Stück „Lametta“ von Fitzgerald Kusz, das wegen chronischem Publikumserfolg grade erst ins größere Haus umgezogen ist. Doch im Gegensatz zum Franken-Poeten hat der Berliner Schimmelpfennig keine heimlichen Liebeserklärungen für sein Personal. Er führt den auf Medikamentenmissbrauch mit Rotwein-Begleitung setzenden Sachbuchautor (aktuelles Grübel-Projekt „Weihnachten in Auschwitz“) und seine unverkäufliche Filme drehende Ehefrau (Daniel Scholz und Julia Bartolome spielen das frustrierte Paar der mittleren Mittelschicht aus Berlin-Mitte mit viel temperamentvoller Seitenblick-Bravour) am Nasenring über mehrere Wahrnehmungs-Ebenen. Weil er, ach ja, soviel mehr weiß als sie. Dialog-Gefechte sind durch mitgesprochene Szenenanweisungen und gegenläufige Sidekick-Kommentare unterminiert. Die Nürnberger Inszenierung folgt dem Willen des Autors, der das alles (und auch die auftrittsfreie Hörspiel-Partnerschaft des Kindes) gleichberechtigt in sein wortsprudelndes Verfremdungs-Mysterium einfließen lässt, vorbehaltlos. Sie treibt das System, zu dem das ständige Vor- und Rückspulen von Szenen gehört, sogar noch weiter, indem sie allmählich die Grenzen zwischen Zeit und Raum erlöschen lässt. Das Grapschen nach dem einzigen Mikrophon wird zum Gerangel um Deutungshoheit und die Kommandos zur Musik-Einspielung strotzen vor Manipulationsgewalt. Eine Spiegelung der Situation, die den mit gestanztem Lebenssinn hantierenden Verführer (Heimo Essl zeigt das Ungeheuer wie mit Kreide paniert, bis zum Ausflippen gutbürgerlich giftspritzend, ganz die gemütliche Pegida) seinem Ziel verflucht nahe kommen lässt. Da zerschneidet sogar der Maler (Stefan Willi Wang) willig sein abstraktes Bild im Dienste der vermeintlich höheren Werte.
Auf der Vorderbühne ist inzwischen ein künstlicher Christbaum zusammengeschraubt worden, es gibt karge Sitzgelegenheiten und üppigen Alkoholkonsum. Und die Slapstick-Stolperer, die der Regisseurin zu den wirren Gedankensprüngen eingefallen sind, bringen Entlastung aus dem absurden Spiel und seiner behaupteten Anspannung. Ein Indiz dafür, dass Schirin Khodadadian dann doch nicht damit zufrieden war, wie Schimmelpfennig in seinem Text die eigene Verschwörungstheorie päppelt, um die nachvollziehbare These von der latenten Wehrlosigkeit der „aufgeklärten“ Gesellschaft im Konstruktionsgerüst der aus keinem Autorenkopf wegzudenkenden Zimmerschlachtordnung aufleuchten zu lassen. Sie verzichtet auf nachgeschobene Logik und nimmt es wie eine Rätsel-Zugabe hin, wenn Tempo und Kürzung manchmal die Gedanken des Zuschauers an die Wand fahren lassen. Ist der unheimliche Gast wirklich ein identifizierbares Nazi-Ungeheuer, tatsächlich der „Schlächter“ von Irgendwo, oder steigt das als Angsttraum aus der pillenbetriebenen Phantasie des Hausherrn im Weichei-Verdacht hoch? Man erfährt es nicht, man soll wohl nicht sicher sein, sondern irritiert bleiben.
Was der Regisseurin und dem Ensemble erstaunlich gut gelingt, ist die komödiantische Lockerung der versteiften Thesen und die diskrete Verschiebung der offen bleibenden Fragen auf die Zeit nach der Vorstellung. Man ist amüsiert und gebannt, glaubt den kunstvoll verknoteten Faden zu entwirren und stellt dann fest, dass diese Einschätzung etwas zu optimistisch war. Muss wohl nochmal drüber geredet werden.
Das Premierenpublikum war beeindruckt. Langer Beifall nach kurzweiliger Katastrophe.
