Kurz vor Schluss allerdings erfahren wir, dass auch Stefan eigentlich geflüchtet ist; besser: ausgewandert, aber „nach Hause“. Er ist Russlanddeutscher und hieß daheim in Kasachstan noch Sergej. Geschickt bringt Ronen so vergangene deutsche Flüchtlings-Geschichten ins Spiel: Syrer von heute trifft Russen von damals.
All diese biographischen Stränge sind effektsicher und pointiert montiert; sie verknäueln sich im Berlin von heute und erzählen damit wieder etwas vom Charakter der Stadt, jenseits der überkommenen Ost- und West-Prägungen der Stadt. Junge Juden treffen auf Überlebende des Holocaust und deren Nachkommen wie auf die Kinder und Enkel der Täter-Generation, Palästinenser von heute treffen auf jene, die schon vor Jahrzehnten flüchteten… und mittendrin agiert nun Stefans Syrer, der ziemlich cool über die eigene Leidensgeschichte hinwegjuxt und sich mit einem fliegenden Imbiss-Stand umgehend selbständig macht.
Ronens sechsköpfiges Ensemble, Dimitrij Schaad und Ohrit Nahmias voran, haben sicher wieder viel zur Struktur des Abends beigetragen – das zentrale Risiko konnten aber auch die Mitstreiter der Regisseurin nicht mindern. Denn wie frech und frivol auch oft die Dialoge perlen, das Stück als Stück, als dramatischer Entwurf, kommt überhaupt nicht von der Stelle. Das Neoberliner Panorama der Fluchtbewegungen ist statisch und führt zu nichts; auch nicht zu tieferen Erkenntnissen über Charakter und Struktur der „Situation“. Wenn erstmal alle aufgetreten und also „im Spiel“ sind, ist das Spiel auch fast schon zu Ende.
So ähnelt „The Situation“ einem schönen großen Windbeutel – recht lecker am Rand, doch im Kern viel Luft; nahöstlich aufgeheizt zwar, gewiss, aber eben doch nur Luft. Yael Ronens Erfolg jedoch hält trotzdem an: als eine Art Multi-Kulti-Comedy. Jubel braust in Berlin; und in der neuen Saison bereichert Ronens Stil dann auch Anna Badoras neues Volkstheater in Wien.
