Natürlich musste Reese enorm viel weglassen, zum Beispiel die ganze Rahmenhandlung aus der „Heil- und Pflegeanstalt“, als deren Insasse Oscar Matzerath seine Lebensgeschichte erzählt. Gestrichen auch die Nachkriegskapitel und viele weitere Handlungsstränge. Aber das Konzentrat hat es in sich, es setzt ähnliche Schwerpunkte wie Schlöndorffs Drehbuch.
Nico Holonics lässt die Brausepulver-Erotik Oskars schäumen. Er blechtrommelt sich als Einzelkämpfer durch ein vielschichtiges Stationendrama und verwandelt das schlichte, dunkle Torfrechteck, auf dem er spielt (Bühnenbild: Daniel Wollenzin), in einen kaschubischen Kartoffelacker von Weltformat. Wir erinnern uns: Auf jenem Kartoffelacker, genauer gesagt unter den vier Röcken von Oskars Großmutter Anna Bronski, beginnt an einem „Oktobernachmittag des Jahres neunundneunzig“ mit der Zeugung von Oskars Mutter Agnes die ganze weit ausufernde Chose. Holonics spielt so, dass wir die vier wallenden Röcke Annas vor uns zu sehen glauben. Er denkt, fühlt, zappelt und trommelt sich von der Mutter- in die Vater- und Stiefvater-Rolle, parodiert eine Propaganda-Kundgebung der Nazis, die im Trommel-Rhythmus walzerselig ad absurdum geführt wird, und er züngelt lüstern nach den erogenen Zonen der pubertär geliebten Maria, die nicht nur nach Walmeister- und Himbeerbrause schmeckt, sondern auch ganz wunderbar betörend nach Vanille duftet. Kraft der Darstellung glaubt man in den Zuschauerreihen, diesen Vanille-Duft selbst zu wittern. So sinnlich ist Theater selten.
