Regisseur Karsten Dahlem nimmt die Story, die nun auf eine Mittelpunkt-Figur und drei Partner beschränkt ist, als demonstrative Spielvorlage. Vier Akteure entern die Bühne, greifen nach Mikros und steigen ein ins Schicksal. Die beiden Männer (Christian Taubenheim und Julian Keck) sind Sidekicks mit Gitarrenbewaffnung, die knallharte Realität durch narkotisierende Wirkung von Sphärenklängen unterlaufen. Julia Bartolome als Freundin Annabel darf mehr, sie muss sich schwer machen in ihrer Komik, um als Gegengewicht die Groteske auf der Kippe zur Verzweiflung in Balance zu halten. Das kann sie bestens. Henriette Schmidt ist die souveräne Mittelpunkt-Figur, die Betroffene, die sich nicht in Betroffenheit verlieren und keinesfalls Mitleid erregen will. John von Düffels Textfassung macht das möglich, sie bleibt elastisch für jede Art von Interpretation, wahlweise mit heißem Herz oder kühlem Kopf.
Das Quartett und sein Regisseur (er widmet seine Inszenierung dem „besonderen Moment des Bewusstwerdens der eigenen Sterblichkeit und letztlich des Lebens“) jonglieren im abgesteckten Rahmen mit Versatzstücken aus Melodram, Komödie und Dokumentation. Patientin Sophie ist auch Schauspielerin Henriette Schmidt, wenn sie auf offener Bühne Haare und Augenbrauen unter Klebeband verschwinden lässt und taucht erst dann ganz ins Rollenspiel, wenn die Perückenwechsel mitten im Bann der Todesangst die Beschwörung von mehreren Alternativ-Leben suggerieren. Dass diese Tragik wahnsinnig komisch ist, der Depression eine Fratze geschnitten wird, hätte die Aufführung (gerade weil das die Schauspieler so genau zeigen) noch stärker ins Zentrum stellen sollen, wo das Solidar-Kotzen im Krankenzimmer mit den Grenzen des guten Geschmacks durchaus das Nervenzentrum der Geschichte berührt.
Doch die Regie hat den Drang ins Allgemeine, sie will immer wieder mehr als die individuelle Story und macht Doku mit Schuss. Da werden Details der Chemotherapie in bester Beipackzettel-Dramaturgie referiert (überhöht durch untergeschobenen Gitarrensound), wird für eingeblendete Straßen-Interviews das Thema per Restlaufzeit-Befragung ausgeweitet. Was würde man in Kenntnis des nahenden Todes tun? „Nimmer ärwern“, also: nicht mehr arbeiten, sagt eine fränkische Echthaar-Passantin und geht weiter. Etwas kontraproduktiv, was den Kern des Stückes/Filmes/Romans betrifft, der aus gutem Grund so sehr auf die Aktivität seiner Protagonistin setzt.
Die Kurve zum Finale schafft die geschickt arrangierte Inszenierung mit unheimlicher Leichtigkeit, denn es ging ja gut und ist im Theater sowieso nur Spiel. Alle Haare wieder, wenn Sophie das Klebeband unter der Perücke löst, und somit auch keine Frage mehr zur Nachhaltigkeit im strapazierten Überlebensmut. Das originale „Mädchen mit den neun Perücken“, die heute 31jährige Autorin, schreibt inzwischen Romane wie „Was, wenn es Liebe ist“. John von Düffel, übernehmen Sie!
