Szene an Szene reiht sich im Film übergangslos aneinander. Ausschnitte eines Lebens, scheinbar willkürlich gewählt. Eine der stärksten Szenen ist die, in der Herr R. eine Platte kaufen will. Er kennt weder Titel noch Interpret, weiß nur, dass es davon handelt, „dass man nicht mehr lügen soll und so“ und „dass der Refrain sehr oft wiederholt wird“. Man sieht in den Blicken der Verkäuferinnen, was sie von diesem merkwürdigen Kunden halten, leidet mit. Wobei mitleiden eigentlich nicht stimmt: Herr R. bemerkt die hämischen Blicke der Verkäuferinnen nicht. Darum gibt er nicht auf. Am Ende findet die Verkäuferin tatsächlich die Platte, ein kleiner Erfolg. Der einzige vielleicht. Diese Szene stellt die Regisseurin Susanne Kennedy, die den Film nun auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht hat, ins Zentrum. Der Abend beginnt mit dem Betreten des Plattenladens, immer wieder findet sich Herr R. hier, sucht in Momenten, da er alleine ist, nach der Melodie „Di da da…“.
Kennedy packt den improvisierten Film in eine formal strenge Form. In dem holzvertäfelten Kellerraum, den Lena Newton entworfen hat und der wie der Vorraum einer Sauna – oder der Hölle – wirkt, agieren die fünf Schauspieler wie Marionetten. Sie sind verdammt, ewig in diesem nichtssagenden Leben zu schmoren, ein Fegefeuer ohne Aussicht auf Erlösung. Sie tragen Masken, die ihren Gesichtern jeglichen Ausdruck rauben, bewegen ihre Lippen synchron zu den Texten, die über Lautsprecher eingespielt werden, und wirken in all ihrem Tun verlangsamt und ein wenig steif. Unnatürlich. Berührungen gibt es am ganzen Abend keine. Emotionen auch nicht. Die Figuren, bei Fassbinder und Fengler Prototypen der Mittelschicht, sind hier völlig austauschbar geworden, jeder Persönlichkeit beraubt. Die Schauspieler Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Edmund Telgenkämper und Çigdem Teke wechseln von Szene zu Szene die Rollen. Zwischen den Szenen wird eine Leinwand vor dem Kellerloch heruntergelassen, auf ihr sieht man Filmaufnahmen des Raums mit wechselnden Requisiten. Dann und wann tauchen Menschen, echte Menschen, in diesen Zwischenfilmen auf, gießen die Zimmerpflanze, tragen einen Stuhl herein, putzen eine Engelsstatue. Eine Computerstimme teilt mit, wo die nächste Szene spielt: Im Büro. Im Wohnzimmer. In der Lehrersprechstunde.
Kennedy übernimmt die Texte, die die Filmschauspieler teilweise improvisiert haben, exakt und überführt sie in eine künstliche Theatersprache, durch exakte Intonation jeder Spontaneität beraubt. Der enorme Wille zur Form, der der Regisseurin eigen ist, verlangt dem Zuschauer einiges ab. Aber: Er treibt die Vorlage auf die Spitze, filtriert die Essenz aus dem Film heraus. Am Schluss, als Herr R. dem nie enden wollenden Kreislauf der Nichtigkeiten ein brutales Ende gesetzt hat, übernehmen die Laienschauspieler aus den Filmsequenzen das Bühnengeschehen, spielen die letzte Szene, in der die Polizei ins Büro kommt. Eine Frau tanzt befreit über die Bühne. Zu dem Lied, das Herr R. gesucht hat. Von Eric Clapton ist es. „Let it grow. Let it blossom. Let it flow.“ Zurück zur Natur.
