Anstatt nun diese oder eine andere Figur bzw. Konstellation, ein Thema oder Kapitel zu fokussieren, geht’s flapsig kreuz und quer vom Schöpfungsmythos bis zum Kampf um Troja, „der die Last der Erde dank seiner vielen Toten erleichtert.“ Gefühlt alle weit verzweigten Handlungsfäden werden rasant ausgelegt, alle daran Beteiligten namentlich erwähnt und genealogisch hergeleitet („das ist wichtig für später“), was auch den mythologisch Vorgebildeten überfordert. Dazu das Ausprobieren der Möglichkeiten des Staatstheaters: Blendende Lichteffekte, Live-Video-Performance, Nebel, das Gestühl erbeben lassende Musikzuspielungen, lippensynchrone Pantomime zu elektronisch übertragenen Worten, Maskenspiel, rasend schnelle Rollenwechsel der Darsteller, die auch ständig zwischen Erzähl-, Spiel-, Reflexions- und Comedy-Haltung hin und her springen. Verwirrend. Dazu Sprachpointen und Darstellungsgags, atemlos in schlichter Reihung – als wäre es ein Theater sein wollender Fips-Asmussen-Witzeabend. Die ganze Ilias in 90 Minuten – so wie man auch mit dem „ganzen Shakespeare“ in Spielfilmlänge pointiert Jokus treiben kann –, das hätte vielleicht funktioniert. Eventuell auch komprimiert in einer Comic-Bilderfolge. Oder als Improtheater, indem das Ensemble auf Stichworte wie Hektor, Achilleus, Zeus oder Athene entspannende Clownsszenen in den Handlungsfluss juxt. Aber hier kommt die Lachanimation ohne Timing und rhythmische Variation daher, das Bombardement an Lustigkeiten sorgt für Schmunzelstarre – denn die Aufführung dauert knappe, aber satte drei Stunden.
Bis satte drei Minuten lang noch schnell die Moral von der Geschicht‘ verkündet wird. Die Götter werden als schuldige Menschenverblender abgesetzt, das Individuum ist geboren, selbst verantwortlich, sein eigener Gott, und muss bibbern, zittern, weinen angesichts all der großen Fragen nach Sinn, Wahrheit, Kinderkriegen und was sonst noch so möglich ist, wenn man nicht den als absurd erkannten Klischees der Mythen und ihrer fortgesetzten Feier in Hollywoodfilmen hinterherleben will. Aber da hat sich der Abend längst selbstverliebt zu Tode amüsiert.
