Hübner sowie seine Frau und Ko-Autorin Sarah Nemitz erzählen nun von Herrn A., der eher zufällig den Kassendienst übernommen hat beim Multikulti-Konzert im tendenziell linken Kulturzentrum „Die Pumpe“; als vor der Tür rechter Mob zur Konfrontation antritt, tut er, was er für richtig hält: versucht, die mit dummen Sprüchen und Foto-Handys bewaffneten Rechten daran zu hindern, das Konzert zu stürmen. So gerät er auch an die Einsatzkräfte der Polizei, die ihn einer Rempelei und einer über die Köpfe hinweg geworfenen Bierdose wegen als „Rädelsführer“ festnehmen. Die Handy-Schnipsel der Rechten stehen im Netz und gelten als Beweismaterial.
Die offiziellen Folgen: Erkennungsdienstliche Behandlung, strafrechtliche Ermittlungen, Anklage – und schließlich nicht mal ein schneller Freispruch mit Prozesskostenerstattung, als das entlastende Polizei-Video der Aktion auftaucht. Private Konsequenzen: Job weg, Freundin weg, Rechts- und Bürgerbewusstsein schwerst beschädigt – wie Michael Kohlhaas vor dem sächsischen König steht A. am Ende allein. Ein kurzer Auftritt Seiner Majestät steht übrigens tatsächlich am Ende des Stück-Textes; Uraufführungsregisseur Jan Gehler hat die kleine Schlusspointe zum Glück gestrichen. Endgültig wäre das Stück Theater zu Bruch gegangen vor lauter Über-Ambition. Schon jetzt ächzt es beträchtlich unter den bemühten Anleihen bei Kleists vor Rechts- und Rachedurst marodierendem Pferdehändler oder Frank Kafkas Josef K., der sich vor Recht und Gericht auch keiner Schuld bewusst ist. Hübners unschuldiger A. ist naiver als alle beide, weist von Beginn zum Beispiel allen anwaltlichen Beistand ab – weil er ja Recht hat! Dabei hätte wohl jeder Anwaltsgehilfe die zutiefst absurden Fehler der Ermittlung (wie das Stück sie beschreibt) aufdecken und die Eskalation verhindern können. Der helle Wahnsinn dieser Ermittlung ist zumindest vorstellbar – und die Ahnungslosigkeit dieses Delinquenten zumindest fahrlässig.
Darum könnte selbst dann kein scharfes, pointiertes Stück Doku-Fiction entstehen, wenn die Figuren mehr als nur Abziehbilder-Texte in Geist und Mund führen würden: dummerhafte Bullen, wenig hilfreiche Freunde, eifernde Juristen und moderne Neonazis umgeben diesen bedauernswerten Herrn A. – da hat er keine Chance. Das Theater leider auch nicht. Nur solidarischer Beifall ist ihm sicher.
