Martin Kušej hat Goethes genialische Vorahnung über die weltverändernde Macht des tätigen, bürgerlichen Individuums und ihren moralischen Preis als das Resümee der Epoche von ihrem Ende her gelesen. Und das fällt finster aus. Mephistos Wort von der Liebe zum „Ewig Leeren“ ist denn auch das letzte des Abends. Begonnen hatte er mit dem Ende von Philemon und Baucis. Den Hauch des Feuerschlags, der die beiden widerständigen Alten vernichtet, spürt man im ganzen Saal. Sein Gestank hängt noch lange im Raum und in dieser Welt der Dunkelheit.
Castorfs Ring-Bühnenbildner Alexandar Denic hat eine ganze Welt auf die Bühne gewuchtet. Zweistöckig, technisch, mit Versatzstücken einer Vergnügungsindustrie, mit einem Kran, an dem irgendwann ein aufgehängtes Pferd durch die Nacht kreist. Hier vereitelt Wagner Fausts Selbstmord, indem er ihn erbrechen lässt. Hier treiben die Hexe respektive Frau Marthe (Hanna Scheibe) handgreiflich ihr Unwesen. Hier wird Auerbachskeller zum Fight Club. Diese metaphorische Nacht, in der sich Fausts Selbsthass und seine Skrupellosigkeit gegenseitig aufschaukeln, wird nur durch das verführerisch gleißend Weiß der Unschuld in Gretchens Kammer unterbrochen. Wo die hinreißende Andrea Wenzl in ihrem Blute endet. Dass der Mephisto an der Seite des Endzeit-Faust Werner Wölbern eine Frau ist, lädt die Reise des Duos zwar durchaus erotisch auf. Doch Bibiana Beglau liefert eine gleichsam übergeschlechtliche Erotik des Bösen und spielt mit teuflischem Witz und Sarkasmus den Erkenntnisvorsprung aus, den dieser Sohn respektive diese Tochter des Satants dem Selbstverwirklicher neben sich allemal voraus hat.
Martin Kušej und seinen Protagonisten ist ein irritierend starker, dunkel leuchtender Abend gelungen. Einer mit wenig Respekt vor den Wünschen der Deutschlehrer, aber einer mit vollem Vertrauen auf die visionäre Kraft von Goethes Text. Beim Premierenpublikum ging das auf.
