Auf gesellschaftskritische Anklänge konnte man bei Pommerat gefasst sein, und unaufdringlich schimmern sie auch für Kinder verständlich ab und zu durch. Der frisch in die Welt geschnitzte Pinocchio zeigt sogleich das heutige Anspruchsdenken, mit dem die Zielgruppe im Zuschauerraum aufwächst. Nicht nur bei der Schulausstattung, sondern auch mit Forderungen an die Gesellschaft, die dazu da sei, „mir zu helfen, nicht zu lügen“. Haha, ausgerechnet diese Gesellschaft. Da geht seine Hilfs- und Wiedergutmachungsbereitschaft gegenüber dem Papa fast ein bisschen unter. Na und dann geht es natürlich um Geldanlagen, Fuchs und Kater mutieren hier zu menschlichen Ganoven und Rausschmeißern einer Music Hall. Und der Richter, der das Opfer Pinocchio verurteilt, ist eine prächtige Karikatur mit Hahnenkopf.
Regisseur Christoph Werner ist der erste, der eine Inszenierung von Pommerat in Deutschland nachschöpfen durfte. Mit Black´s und geschickten Lichteffekten übernimmt er auch typische Bühnenelemente des Franzosen. In diese Rubrik fallen unbedingt auch die drolligen „Videokulissen“ von Conny Klar. Manchmal Zeichentrick-Animationen, manchmal „atmende“ Standbilder, ersetzen sie mit feinem Humor andernfalls wahrscheinlich hilflos wirkende Bühnenbilder. Und interagieren auf geschickte Weise mit den Schauspielern, unterstützt vom präzise geführten Ton. Diese originellen Einfälle und ein sechsköpfiges in verschiedenste Rollen schlüpfendes Ensemble lassen die letzte TJG-Premiere unmittelbar vor Spielzeitende schmunzelnd und ein bisschen nachdenklich nachklingen.
