Parine hat das Stück in einer großen Ballszene zusammengezogen und zeigt den Abschied von den Träumen des Kirschgartens als große Regression, gewissermaßen rückwärts vom Verkauf des Guts bis zu den Versteckspielen des jungen Gricha im Park. So legt der Librettist den Urgrund frei, aus dem alle Menschen leben. Nur solange er nichts von seiner Zukunft weiß, ist er glücklich. Fénelon seinerseits spielt in seiner Partitur mit der Musikgeschichte, erweckt die verschiedenen Nostalgien durch musikalische Reminszenzen (selten Zitate) an russische Volkslieder, orthodoxe Gesänge, Tschaikowskys Pathos, Wagnerschen Gesamtwohlklang, der sich mit großem fülligen Orchesterapparat der russischen Sprache entlangerzählt. Bei diesem Ansatz ist es klar, dass Fénelon hier keine Avantgarde-Musik liefert, sondern gewissermaßen gelehrte Regression, freiharmonisch, anspielungsreich, emotional gewinnend.
Startend als eher disharmonischer Gesamtklang, zerfällt die Musik immer mehr in einzelne Charakterstücke, so wie aus dem großen Ball einzelne Figuren sich lösen, sich oft sogar monologisch aussingen und dabei zuweilen Tanzformen wie Rondo, Polka oder Foxtrot folgen. Berührend ist vor allem der langsame Walzer Lioubas, ihre orchestral tief und weich unterlegte Lebensbeichte. Eine Traumrolle für große Sopranistinnen. Und dann versiegt auch manchmal der Orchesterstrom, klingt in einzelnen, verloren rufenden Instrumenten aus wie das Leben.
Das wird vom Pariser Opernorchester unter Tito Ceccherini farbenreich und in grundsätzlich füllig-weicher Manier umgesetzt. Elena Kelessidi singt Liouba mit noch eher schlankem Sopran, das dürfte eine schwerere Stimme sein. Herrlich leicht lichtert der Mezzosopran von Alexandra Kadurina als Gricha durch die Bilder. Auch dem alten Firs ist ein Mezzo zugedacht: Kesinia Vyaznikoya gestaltet den Monolog in anrührender Fülle. Und mit sattem Bariton verkündet Igor Golovatenko seinen Triumph als neuer Gutsbesitzer.
Wunderschön klingen auch die Frauenchöre, aber muss man sie so linear führen wie in Strawinskys „Noces“? Regisseur Georges Lavaudant hat statt eines großen andauernd bewegten Balls eine Stehparade abgeliefert. Erst als sich die Figuren und grauen Gespenster vergangener Bälle in den dicken Knorpelbäumen verfolgen, auf- und abtauchende Schemen der Erinnerung, bekommt seine Inszenierung die mythische Größe, die Stoff und Musik brauchen. Das hätte alles irrealer, traumhafter sein müssen. Fénelons nostalgisch schillerndem Werk gönnte man gern weitere Chancen in Richtung einer eher düsteren Ensoriade.
