Foto: Wei-Chieh Tai (Usher), Ekkehard Abele (William) und Leonor Pereira Pinto (Madeline) in der Lokhalle Freiburg © Marc Doradzillo
Text:Andreas Falentin, am 15. Oktober 2026
„The Fall of the House of Usher“ von der Opera Factory Freiburg ist ein Triumph der Musik. Regisseur Joachim Rathke reüssiert, indem er viele Impulse der Musik aufgreift.
Die Lokhalle Freiburg, in der die Opera Factory Freiburg erstmals gastiert, ist ein idealer Veranstaltungsraum für Musiktheater – wegen der Akustik. Sie ist nicht grell, hat keinen Hall, aber eine große Klarheit. Der Musik von Philip Glass hilft das sehr, weil man immer jedes einzelne Instrument hört (zwei Violinen und neun Solo-Instrumente inklusive Gitarre, Keyboard und Schlagzeug) und gleichzeitig den Zusammenklang. So werden die vielen Klangpartikel hörbar, ihr Entstehen und ihre Anordnung.
Dirigent Yves Scheuring nutzt diese Vorgabe gut. Er stellt mit größter Ruhe die unruhigen Tempi her, die eigentlich eine Illusion sind und sich aus der Musik ergeben, weil sie immer schnell pulsiert und die Klangfarbe wechselt. Scheuring gelingt es, diese Metamorphosen, die bei Glass an die Stelle der Melodik treten, mit der Holst Sinfonietta frei auszuspielen: Man freut sich auf jede neue Farbe, ist fasziniert vom wogenden, aber nie gleichförmigen Klang.
Duett und Duell
Vor allem gelingt es an diesem Abend, der Partitur Tiefenstruktur zu geben: Instrumente tauchen aus dem Klang auf und erheben sich darüber, wie die Klarinette, die mit einem einfachen Triller zum Leitmotiv für Madeline wird. Immer schälen sich Duette aus der Musik – etwa Horn und Gitarre oder Fagott und Keyboard –, am stärksten Flöte und Klarinette, die bei Madelines Totengedenken geradezu um die Führung des Kammerorchesters ringen. Diese Duette sind bei der Holst Sinfonietta auch immer Duelle, Kämpfe, dramaturgische Bewegungen, die um die Herrschaft in Klang und Orchester ringen. Und sie machen, nicht zuletzt, Glass‘ Komposition zur Oper, zum Drama.

Madeline (Leonor Pereira Pinto) ist auferstanden. Foto: Marc Doradzillo
Regisseur Joachim Rathke bringt die Impulse der Musik klug auf die Bühne. In Glass’ Oper geht es um William, der seinen alten Freund Roderick Usher besuchen will, der unglücklich ist. Usher lebt in einem Haus, das ihn niederdrückt mit seiner Schwester Madeline, die nicht mehr spricht. William wird Zeuge des Untergangs: Madeline stirbt, die Familie vergeht, das Haus stürzt ein.
Natürlich kann man das alles auf einer so kleinen Bühne eigentlich nicht zeigen, zumal Ekkehard Abele – seine Stimme wird langsam grau – als William, ein Sänger ist, der von seiner Aura und seiner schauspielerischen und musikalischen Sensibilität lebt. Wie-Chieh Tai als Roderick dagegen ist jung, sein Tenor sprüht frisch, seine Bewegungen sind vor allem explosiv. Bei diesem Kontrast fällt es schwer, zu glauben, dass die beiden Jugendfreunde sind.
Innerer Kampf
Anstatt dieser Freundschaft inszeniert Joachim Rathke einen inneren Kampf. William, Roderick und seine Schwester Madeline verschmelzen zu einer Person. Sie erkennen sich ineinander wieder und entdecken dennoch auch etwas Neues. So tragen also auch die Sänger ein Duell aus. Und sie nähern sich trotzdem einander an: schminken sich, tragen Madelines weißes Kleid, setzen eine Frauenperücke auf. Am Ende, wenn die tote Madeline wiederkommt – sozusagen im Geist Rodericks aufersteht, was er nicht aushält –, stirbt hier nicht Roderick, sondern William. Roderick hat vielleicht – vielleicht! – seine Dämonen besiegt.
Sehr interessant ist, wie Rathke das Haus Usher selbst darstellt. David Mohorič hat ihm ein schlichtes Schlafzimmer auf die Bühne gestellt: Bett, Tisch, Stuhl, Wasserbecken und -krug. Das Haus ist umgeben von leeren Bettstätten, von Holz ohne Leben. Doktor (Markus Brock) und Diener (Johannes Blank) beeindrucken mit ihren wenigen Noten sehr und – sie sind das Haus. Sie treten immer zusammen auf, räumen um, sodass der Eindruck einer Zimmerflucht oder einer Filmszene mit wechselnden Kameraeinstellungen entsteht: Sie beerdigen Madeline, sie sehen nach Roderick. Der wichtigste Faktor aber ist immer Madeline, die sprachlose Schwester, inszeniert als vertrauter Fremdkörper.
Wie Leonor Pereira Pinto ihre Vokalisen singt – immer auf „a“ – erzeugt Gänsehaut. Hier ist keine Bewegung, nur Ruhe, Agonie. Man nimmt die Intervalle zwischen ihr und dem Orchester, besonders die Sekundreibungen, wahr wie etwas außergewöhnlich Schönes, aber Totes. Hier hört man das Haus Usher und Rathke macht sozusagen szenisch den Weg dafür frei.
Am Ende übernimmt wieder das Kammerorchester die Führung. Nach Madelines Tod sind keine Farben da, nur noch Rhythmus. Klarinette und Flöte, Horn und Fagott begehren auf gegen diese Entindividualisierung des Klanges, aber sie schaffen es nicht. Weil die Endgültigkeit des Todes vorherrscht. Der Opera Factory Freiburg ist ein musikalisch überwältigender Opernabend gelungen, abgerundet mit einer schlüssigen Inszenierung, die auf Musik und Libretto fußt, aber nicht auf Poes originaler Erzählung.