Nachruf: Zum Tod von Edita Gruberová

Von Detlef Brandenburg am 19.10.2021

Es war an der Hamburgischen Staatsoper so in den späten 70ern, als ich Edita Gruberová das erste Mal auf der Bühne erlebte. Ich befand mich da gerade im sowohl adolszenztechnisch wie auch musikästhetisch etwas turbulenten Übergangsstadium zwischen Hard Rock und Ludwig van Beethoven. Auf dieses Staatsopern-Dings hatte ich mich eigentlich bloß eingelassen, weil ein Schulfreund immer hinfuhr und mich mit seinen enthusiastischen Schilderungen erst genervt und dann neugierig gemacht hatte. Okay, dachte ich mir: Zwei Stunden dramatische Singerei und auf dem Programm irgendeine Schmonzette aus dem griechischen Götter- und Heldenleben – ist ja vermutlich nicht so meins. Aber was soll’s, ich komm mal mit… Und dann haben die im ersten Teil noch nicht mal so richtig gesungen! Fast wäre ich in der Pause in die Kneipe gegenüber geflohen. Aber dann…

 

Die erste Begegnung

Dann erlebte ich Edita Gruberová als Zerbinetta in Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ und war von den Socken. So etwas von gesanglicher Virtuosität hätte ich vorher schlicht nicht für möglich gehalten. Und eine solche alle und alles übertrumpfende Bühnenpräsenz, ein derart müheloses Agieren in den aberwitzigsten Stimmverrenkungen auch nicht. Fortan fuhren wir zu zweit nach Hamburg, sahen die Gruberová gleich noch ein zweites Mal und Kurt Moll als Sarastro, René Kollo als Florestan (aha, Opern schreibt der Beethoven also auch!), einen gewissen José Carreras als Edgardo… Und auch im Landestheater in meiner Heimatkleinstadt Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal lebte ich meine Opernbegeisterung aus und lernte: Oper und Oper, das kann sehr verschieden sein! Zur Fundierung einer lebenslangen Leidenschaft hat’s aber gereicht. Das Geld, das ich als Schüler und dann als Student für meine Opernausflüge auf den Kopf gehauen habe, habe ich vorsichtshalber nie gezählt. Aber, wer hätte das gedacht: Als ich mich, noch während des Studiums, als Musikkritiker verdingte, da wurde die Sache einträglich. Und die Gruberová war’s schuld!

Edita Gruberová als Zerbinetta 1979 in einer Inszenierung von Otto Schenk an der Hamburgischen Staatsoper

Edita Gruberová als Zerbinetta 1979 in einer Inszenierung von Otto Schenk an der Hamburgischen Staatsoper (Foto: Helga Kneidl)

Natürlich: Der Blick des professionellen Kritikers veränderte auch in Bezug auf sie meine Wahrnehmung. Und der Zwiespalt zwischen der Perfektion der Gruberová und der Expressivität der Callas blieb auch mir nicht erspart. Aber dass sie als Koloratursopranistin eine Jahrhundertstimme war – darüber gab es für mich nie einen Zweifel. Ihre Stimmführung war schlicht perfekt, das Timbre leuchtend klar, das Legato wunderbar biegsam und fließend, ihr Atem endlos, die Attacke von blitzender Präzision, die Höhe von atemberaubender Sicherheit und Mühelosigkeit. Dass sie ausgerechnet wegen dieser Perfektion gelegentlich als „Koloraturmaschine“ bezeichnet wurde, konnte ich nie nachvollziehen. Nein, ihre Perfektion hatte in ihrem Innersten (einzelne Abende mögen nicht immer auf dieser Höhe gewesen sein) nichts Maschinelles, sie war beseelt. Von ihr habe ich gelernt, dass es in der Kunst einen Moment der Wesensverwandlung geben kann, wo perfekte Künstlichkeit in reinste Ausdruckskraft umschlägt. Dafür bin ich ihr zutiefst dankbar!

 

Abschied als Elisabetta

Sie war eine Primadonna assoluta. Aber als Mensch, soweit ich sie später kennenlernen durfte, war sie erstaunlich bodenständig und ja: sehr selbstkritisch. Sie stellte sich immer wieder in Zweifel, revidierte ihre Stimmtechnik, reflektierte über den tieferen Sinn des Belcanto, suchte nach der seelischen Wahrheit ihrer Figuren. Das performative Musiktheater sah sie skeptisch, zeitgenössische Musik war nicht wirklich ihr Metier. Aber der Gesang erschöpfte sich für sie auch nie im Selbstzweck der Schönheit. Sie war eine Bühnendarstellerin par excellence. Auch deshalb konnte sie in ihren späten Jahren, als sie sich die dramatisch zerrissenen Seelenlandschaften der Heldinnen von Bellini und vor allem Donizetti neu erschloss, nochmals zu neuen Ausdrucksdimensionen vorstoßen. So mit dem Regisseur Christof Loy: Wer sie 2019 in München als Elisabetta in „Roberto Devereux“ erleben durfte, wie sie am Ende erschüttert, zerstört, vernichtet dasteht – der wird das nie vergessen. Es war ihr Abschied von der Opernbühne.

Abschied: Edita Gruberová im Schlussapplaus für ihre Elisabetta in „Roberto Devereux“ (Foto: Wilfried Hoesl)

Abschied: Edita Gruberová im Schlussapplaus für ihre Elisabetta in „Roberto Devereux“ (Foto: Wilfried Hoesl)

Das Leben hat ihr eine Jahrhundertstimme geschenkt. Aber ihren Weg musste sie dem Leben abtrotzen. Geboren 1946 in Rača im Norden von Bratislava als Tochter einer ungarischen Mutter und eines deutschstämmigen Vaters, sollte sie eigentlich Krankenschwester werden. Doch Gott sei Dank wurde der Pfarrer der Familie auf ihre Stimme aufmerksam und drang auf eine musikalische Ausbildung. Mit 15 begann sie ihr Studium am Konservatorium in Bratislava, mit 21 debütierte sie als Rosina in Rossinis „Barbier“. 1970 sang sie erstmals an der Wiener Staatsoper die Königin der Nacht, 1971 zog sie nach Wien und traf dort auf die Kammersängerin Ruthilde Boesch, der sie nach eigenem Bekunden ihre überragende Technik verdankt. Als Herbert von Karajan sie 1974, wieder als Königin der Nacht, zu den Festspielen nach Glyndebourne holte, hatte ihre internationale Karriere begonnen.

Was folgte, ist Operngeschichte. Und doch war ihr Leben immer wieder übrschattet. Ihr Vater war alkoholkrank, die Übersiedlung nach Wien war auch eine Flucht. Und es war keineswegs so, dass sie gleich mit Riesenpartien bedacht wurde. Dann war da der Freitod ihres Mannes, sie litt an dem Zwiespalt zwischen den Anforderungen ihrer Karriere und ihrer Verantwortung als Mutter zweier Töchter. Edita Gruberová hatte es nicht immer leicht, und vor allem: Sie hat es sich nie leicht gemacht. Dass sie sich fast 50 Jahre lang in den schwierigsten Opernpartien auf der Bühne zu behaupten vermochte – das wurde ihr nicht geschenkt, das verdankt sie ihrer höchsteigenen Künstlerpersönlichkeit, ihrer kritischen Selbsteinschätzung, ihrer Autonomie, die sie befähigte, zu einem Angebot Nein zu sagen, wenn es für ein Ja der falsche Moment gewesen wäre.

Am gestrigen Montag ist Edita Gruberová in Zürich im Alter von 74 Jahren, allzu früh und sehr überraschend, verstorben. Sie hat viele beglückt. Jetzt werden viele um sie trauern.