Twitter und Theater

Im Mai stellten 18 Blogger und Kritiker während einer Vorstellung beim Berliner Theatertreffen eine gemeinsame Live-Kritik auf Twitter direkt ins Netz. Hier sammeln wir Eindrücke von Beteiligten und resümieren das Experiment.

Die Idee

„Wie gerne stelle ich mir das fürs Theater vor: Nach einer Vorstellung gehe ich aus dem Saal und kann an den Wänden die Gedanken der 300 anderen lesen, die gerade noch neben mir saßen. Sie verlieren plötzlich ihre Unsichtbarkeit, und es bleibt mir nicht verborgen, dass wir tatsächlich die gleiche Vorstellung besucht haben.“ 

Unsere Autorin Bianca Praetorius entwickelte diese Idee angesichts twitternder Zuhörer bei der Berliner Bloggermesse re:publica im Jahr 2012. Anfang 2012 hatte der Deutsche Bühnenverein mit einer Kreativplattform im Internet versucht, Ideen zum Theater der Zukunft zu sammeln. Das ernüchternde Ergebnis zeigte, dass Theater und Netzwelt weit auseinanderliegen. Dennoch gibt es Verbindungen zwischen den sozialen Medien im Internet und dem sozialen Medium Theater, nicht nur wenn Zuschauer auf ihrem Smartphone heimlich den Stand des Babysittings oder neue Fußballergebnisse überprüfen.

Im Jahr 2014 leitete Bianca Praetorius den Blog des Berliner Theatertreffens und plante mit DdB-Redakteur Detlev Baur im Rahmen des Theatertreffens die wohl erste Theaterkritik einer Twittergruppe. Aus den Twittergedanken von Zuschauern war nun eine Experimentalkritik per Twitter geworden – passend zum neuen Format Kritik im Dialog in der DEUTSCHEN BÜHNE. Wir beschreiben hier das Experiment und haben aus den Tweets eine Kritik der Aufführung zusammengestellt sowie eine Selbstreflexion der Akteure.

Das Experiment

Für diesen Artikel sind alle Twittertexte als Material benutzt und in zwei Kapitel geteilt. Ziel war, möglichst aufschlussreichen Lesestoff zu bieten: sowohl zur Inszenierung als auch über die Erlebnisse beim Vorgang der Twitterkritik. Einige Kommentare stammen von Twitterern, die sich dem Hashtag #TTreise von außerhalb des Theaters angeschlossen haben. Die Twitternamen der Autoren wurden gestrichen, teilweise die Reihenfolge geändert (die ohnehin nicht der „Realität“ entspricht, siehe oben), offensichtliche Tippfehler auch korrigiert. Dieser Text soll eine Reflexion über die Aktion sein und eine konzentrierte Auslese der Twitterkritik bieten. 

Wer die Original-Tweets lesen will, sollte auf Twitter unter #TTreise nachlesen oder auf www.theatertreffen-blog.de. Über Reaktionen auf unser Experiment – per Mail, Twitter oder Brief – freuen wir uns. 

Ein Resümee

von Detlev Baur

Beim gleichzeitigen Sehen und Schreiben leidet, wie ich erfuhr, nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Fähigkeit des Kritikers zum reflektierten Urteil. Erschreckender aber war die Beobachtung (mich eingeschlossen), dass soziale Medien dazu verleiten, auf Kosten des Gegenstands geistreich sein zu wollen. Wer nicht unter seinem Namen für einen größeren zusammenhängenden Text verantwortlich ist, zwitschert eben schnell mal eine möglichst spitze Bemerkung. Darin könnte aber auch die Qualität dieser Schreibform liegen: Durch kurze Gedankenblitze können diese Kurztexte unterhalten und das Bühnengeschehen relativ unmittelbar beschreiben. Womöglich taugt das Theater-Twittern besonders zur künstlerischen Anregung für eine alternative Theaterform, die den Austausch zwischen Bühne und Publikum sucht.

Bei der Aktion störten wir übrigens – dies als Hinweis für besorgte Theater oder Zuschauer – niemanden; die Zuschauer in der Reihe vor uns hatten unserer Agieren zur Pause noch nicht einmal bemerkt. Allerdings zeigte sich, dass Twittern keinesfalls live ist, da zwischen kommentierter Aktion, Schreiben eines kurzen Textes und Erscheinen dieses Textes im Netz etwa zwei Minuten vergehen können, man also selbst bei größter Dialogbereitschaft aneinander vorbeischreiben kann. Ob Twittern eine alternative Form der Theaterkritik bietet, weiß ich auch nach diesem Versuch noch nicht. Ich finde weitere Versuche aber unbedingt sinnvoll. 

Bild
Sa., 28.06.2014 - 20:34
(nicht überprüft)
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Twittern in der letzten Reihe
Urheber/Copyright
Detlev Baur
Beschreibung
Twittern in der letzten Reihe