Stadttheater Fürth https://www.die-deutsche-buehne.de/taxonomy/term/1844 de Alfred Jarry: König Ubu https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/absurditaeten-kabinett <span>Alfred Jarry: König Ubu</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>Sa., 12.10.2019 - 13:35</span> <div><p>Dieser einzige kleine Zusatz-Buchstabe, der als Verfremdungsmirakel in die Theatergeschichte eingegangen ist, darf gar nicht mehr mitspielen: In Jean Renshaws Inszenierung „König Ubu“ von und nach Alfred Jarry am Stadttheater Fürth gibt es weder „Merdre“ noch „Schreiße“, die so legendär verrückten Skandalbegriffe, wohl aber völlig unbefangen das drastische Originalwort. Was natürlich sowieso niemanden aufregt, heutzutage. Aus dem stacheligen Pflänzchen seiner Pennäler-Posse, das der Autor in seinem kurzen Leben zum wild wuchernden Sumpfgewächs <a href="http://www.theater-info.de/absurdes_theater.html">des absurden Theaters</a> hegte, ist eine Legende geworden, die bis in die Gegenwart immer mal wieder Lust zur Auseinandersetzung befeuert, obwohl das Provokante im Drama für jede neue Runde erst fixiert werden muss – den Vater Ubu beim Blick zurück zur Quelle zu sehen oder im riskanten Sprung zu den Zeitgenossen der Aufführung zu beflügeln.</p> <p><a href="https://jeanrenshaw.com/">Jean Renshaw</a> (Regie und Text-Einrichtung) hat sich vom Ausstatter Alfred Peter einen nüchternen Konferenzsaal mit kippenden Tischen und rollenden Stühlen bauen lassen, wo der Aufsichtsrat der Firma „Polen“ vor der steil nach unten zeigenden Erfolgskurve zunächst mit dem Rücken zum Publikum sitzt und – dem Schicksal und dem pöbelnden Chef ergeben – ¬nach Krisenbewältigung sucht. Eine alsbald oft genutzte Tür führt zur Toilette, die mit dem Durchblick zu den Kacheln und dem Rauschen der Wasserspülung die blubbernde Präsenz des dummdreisten Vorsitzenden signalisiert. Sobald er die einen Geschäfte erledigte, widmet er sich mit noch größerer Vehemenz den anderen. Da vernichtet er im Umsturz mit fuchtelnder Pistole und Kopfschuss bei aufspritzendem Blut die Untergebenen, während die nicht weniger verhasste Mutter Ubu an seiner Seite kreischend zum weiteren Massakrieren anfeuert. Nicht ohne hochherrschaftlichen Gegenentwurf für den Eigenbedarf, der verlockenden Vision eines paradiesischen Lebens, in dem die Leberwurstbrote nie ausgehen. Das grauenhafte Paar (jung besetzt mit Luis Lüps und Josepha Grünberg, die wie ein blitzsauberes Flugbegleiter-Duo in die quasi unter Anführungszeichen angenommenen grellen Rollen schlüpfen) stürzt den König Wenzel, holt sich dessen Zepter und Krone, zieht in den Krieg, rastet aus, mordet, ist feige, fällt ins Nichts. Einfach irre. Der Kronprinz aus dem alten Königshaus kann wieder übernehmen, macht ein Selfie und wird laut Auskunft des Nachrichtensprechers, der immer mit einem kompletten TV-Gerät als Kopfschutz auftritt, „im goldenen Lamborghini“ zum Thron geleitet. Das relativiert die vorherige Verheißung vom Wurstbrot („Leberwurst – Laberwurst“, spottet man bei Hofe) denn doch deutlich.</p> <p>Bis dahin ist einiges zu erleben im gelegentlich in Richtung <a href="http://www.karl-valentin.de/">Karl Valentin</a> verrutschenden Absurditäten-Kabinett. Noch vor dem Abdanken muss der alte König die Gemahlin per Zangengeburt von Zwillingen entbinden (zwei elastische Gummi-Nabelschnüre von je vier Metern sind zu bewundern), man stößt auf die Logik von Geheimgängen im Ernstfall (keiner kann sie finden, weil sie ja geheim sind), hört die überirdische hallenden Worte eines Erzengels (und sieht den leeren Eimer, in den der Akteur hineinspricht) und erfreut sich am Aufgalopp eines staatlichen „Finanzpferdes“ (was ein Supermarkt-Einkaufswagen mit Schaukelpferdkopf ist). Derweil werden die Blutspuren immer breiter, die Anarchie ergreift ruppig das Bühnenbild und es kann gerade noch geklärt werden, warum das Volk immer alles bezahlen muss: „Das Volk darf schließlich sterben“, hört man aus dem Königshaus.</p> <p>Das große Aphorismen-Donnerwetter ist in der Renshaw-Inszenierung nur laut geschaltete Randerscheinung, denn die Stärken dieser Regisseurin, die aus der Choreographie kommt und in Fürth ja auch schon ein feinfühliger angelegtes Tanztheaterstück mit dem Titel „Könige“ schuf, bleiben bei Bewegung und Musik. Ein vorzügliches Quartett (Andreas Blüml, Frieder Nagel, Norbert Nagel, Werner Treiber) umspült die Szenen mit Soundtrack aus dem Orchestergraben, manchmal so süffig, dass kurzfristig die Hoffnung keimt, es könnte Jacques Tati zur Hilfestellung um die Ecke biegen. Im Ensemble mit fünf Schauspielerinnen und Schauspielern und fünf Statistinnen und Statisten ist der artistisch einsteigende Tänzer Martin Dvorák (er ist auch sein eigener Choreograph) ein Dreh- und Angelpunkt der Produktion. Bei der Dialogregie allerdings dominieren die Temperaments-Pauschalen, die aufgebäumte Sprache von Alfred Jarry (in der Übersetzung von Marlis und Paul Pörtner) wird von den differenzierter angelegten szenischen Attacken verwischt. Einmal in dieser Aufführung twittert das Großmaul im Amt, der polternde König Ubu; was mag bloß damit gemeint sein? Am Ende war das Premierenpublikum offenbar weder provoziert noch herausgefordert, es applaudierte dezent.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>König Ubu</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Absurditäten-Kabinett</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Alfred Jarry</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-10-11T12:00:00Z">11.10.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.stadttheater.de/stf/home.nsf/contentview/8E53F8518EDB0F31C12583F6004F56E4?Open=&amp;showId=6445">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Jean Renshaw</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Sa., 12.10.2019 - 14:06</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/Koenig_Ubu_137_c_ThomasLanger.jpg?itok=6z9gnlc3" width="100" height="67" alt="Heiteres Blutvergießen: Josepha Grünberg, Franz Lenski und Luis Lüps in &quot;König Ubu&quot; am Stadttheater Fürth." typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/Koenig_Ubu_137_c_ThomasLanger.jpg?itok=8UQ9oqNt" width="1800" height="1200" alt="Heiteres Blutvergießen: Josepha Grünberg, Franz Lenski und Luis Lüps in &quot;König Ubu&quot; am Stadttheater Fürth." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Heiteres Blutvergießen: Josepha Grünberg, Franz Lenski und Luis Lüps in &quot;König Ubu&quot; am Stadttheater Fürth.</div> </div> </div> </div> </div> Sat, 12 Oct 2019 11:35:07 +0000 Dieter Stoll 12800 at https://www.die-deutsche-buehne.de Noah Haidle: Für immer schön https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/moralfrei-und-gottesfuerchtig <span>Noah Haidle: Für immer schön</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>So., 05.05.2019 - 11:36</span> <div><p>Ihre besten Tage sind eindeutig vorbei, wenn die mobile Kosmetik-Fachverkäuferin Cookie Close, die man in gehobenen deutschen Haushalten der älteren Generation wohl spontan „Avon-Beraterin“ nennen würde, am Ende ihres aktuellen Einsatzes für die Reinheit von Haut und Seele den Rollkoffer in die Ecke stellt und die engen Renn-Pumps mit den hohen Blockabsätzen abstreift. Weit und breit kein Ruckediguh, aber aus den Schuhen schwappt Blut auf die porentief reine Vorderbühne des Fürther Stadttheaters, das nach der Ersten Hilfe den Vorhang lupft, um die Welt dahinter als ungemütliches Kletterobjekt zu zeigen. Die Waffenlieferantin für den ewigen Kampf gegen das Knittern der Fassaden – „Ich stehe für Vollkommenheit“, spricht die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Doris_Day">Doris-Day</a>-blonde Sonderbeauftragte für die tägliche Auffrischung von „Gottes Meisterwerk“ – hat sich im Dienst am Kunden wundgelaufen.</p> <p>„Für immer schön“ ist nicht nur der Titel des Abends, der davon berichtet, es ist der strenge Glaubenssatz der Protagonistin. Ihre Gewissheiten vom höheren Sinn der eigenen Arbeit, die mit der einen Hand im Tiegelchen und mit der anderen am Parfüm-Flakon (eine dritte fürs integrierte Schultertätscheln gegen Restzweifel der Ungläubigen darf sich jeder als Gratis-Metaphorik dazu denken) seit Jahrzehnten so manche Sinnkrise niedercremen konnte, verliert sie nie. Sie denkt entschlossen positiv über die stabile Weltordnung, also an etwas, das so sein muss, weil es so gewesen ist, und macht dabei einen feinen Unterschied bei der Handhabung höherer Werte von Geschäftsmodell und Glaubenskraft. Moralfrei und gottesfürchtig: interessante Trend-Kombination!</p> <p>Dass sie, die einst als wandelndes Belegexemplar der eigenen Produktpalette gleich nach dem Türöffnen optisch überrumpeln und gelegentlich erotisch aushelfen konnte, nun dem Verfallsdatum näher gerückt ist, was Verkaufsbilanzen gnadenlos dokumentieren, müsste als Problem erst mal  akzeptiert werden. Tut es aber nicht, denn das Verblühen führt keineswegs zum Verduften. Cookie sprüht weiter im Dienst der glatten Visage – ob ihr minderjähriger Liebhaber grade verzweifelt oder ihre Tochter, das „Küken“, am Strick baumelt, ob eine Konkurrentin beim Damen-Freistil mit der Nagelfeile ins Gesicht schlitzt, eine Nachbarin die Flinte anlegt oder sie selbst erblindet auf Klingeltour bleibt, bis sie den öffentlichen Grabplatz für die gut verpackt mitgeschleppte Mädchenleiche sichern kann. Sie selbst braucht sowas nicht. Der Tod einer Handlungsreisenden ist in diesem Überlebensentwurf einfach nicht vorgesehen, und wo das Elend am größten, ist die Hoffnung am brutalsten. Ein Phantom von aufgedonnerter Über-Mutter schwebt zum Finale herbei und paukt ihr das Zauberwort für alle Fälle vor dem imaginären Abendbrot nochmal ein: „Lächeln“.</p> <p>Der US-Dramatiker <a href="https://www.suhrkamp.de/autoren/noah_haidle_6502.html">Noah Haidle</a>, Autor mit Wohnsitz in Los Angeles, der schon Drehbücher für Hollywood und diverse TV-Filme lieferte und daheim mit inzwischen 41 Jahren nach einem guten Dutzend Bühnenuraufführungen immer noch <a href="https://www.doppelpunkt.de/index.php?option=com_flexicontent&amp;view=event&amp;cid=14&amp;id=357782&amp;startDate=2019-05-04&amp;Itemid=146">„zu den wichtigsten neuen Stimmen“</a> unter den Dramatikern gezählt wird, pflegt eine besondere Verbindung über den Großen Teich. Für acht seiner bisherigen Stücke hat er das Recht des ersten Abends in Übersetzung an deutschsprachige Bühnen vergeben. Bei „Für immer schön“ ist das eine besonders schmeichelhafte Vertrauenserklärung, denn ohne diskret sachkundige Quellenforschung kann eine Inszenierung des ebenso schöpfenden wie schöpferischen Textes mit seiner rasanten Rundschlag-Inspiration zwischen Comic-Groteske, Melodram und absurdem Theater samt schnörkeligem Zier-Sarkasmus gar nicht funktionieren. Die Frauen-Variante von Millers Willy Lohmann ist also auch ein bisschen Trotzkopf-Antigone und muss im Beckett-Endspiel die Lebensfreude vor der Mülltrennung retten. Oder so!</p> <p>Am Fürther Stadttheater inszenierte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Maik_Priebe">Maik Priebe</a> erstaunlich elegisch mit der deutlichen Absicht, nicht allzu weit ins wuchernde Dialog-Gestrüpp des Pointen-Desasters („Du hast dich durchs Telefonbuch gevögelt“ – „Das ist zu dick“) zu geraten. Auf der sportlich anregenden Bühne von Susanne Maier-Staufen rotiert ein Stahlrohr-Gerüst, das auf der Vorderseite „Cosmetic Dreams“ verspricht und in der Mischung aus Kinoplakat und aufgeblasenem Erbauungsbildchen den schönen Schein von Gefühl preist – erst mit dem kleinen Tränchen fürs riesige Puppengesicht, später passend zur dramatischen Entwicklung mit wallfahrtstauglichen Blutbahnen aus beiden Augen. Die Regie bevorzugt die Totale, also gibt es auf den beiden kreisenden Etagen kaum leise Töne, aber anhaltend brodelnde Hysterie als Betriebstemperatur.</p> <p>Judith van der Werff in der gewollt aufdringlich präsenten Hauptrolle ist die latente Ahnung von Tea Party mit Martini-Anschluss, ganz und gar Cocktail First. Ihre Cookie Close fühlt sich gegen alle äußeren Verfallserscheinungen „in Schuss“, und zweifellos hat sie einen. Allerdings fixiert der Autor das Ego seiner tragikomischen Heldin so schnell, dass auch der Regisseur trotz aller Zeitenwechsel über Jahrzehnte keine Fallhöhe mehr herstellen kann. Die Schauspielerin muss immer wieder viel Anlauf aus der dramaturgischen Hocke nehmen, um kleine Sprünge übers Klischee zu schaffen. Dass es aufregender gelingen könnte, sieht man an Nicola Lembach in zwei Nebenrollen. Wie sie als flippige Spezial-Kundin die Hautcreme buchstäblich zum Fressen gern hat oder später als militantes Flintenweib nach dem Sturz ins Grab ausrastet, das katapultiert die Story für Momente in ganz andere Dimensionen von Explosions-Komik. Ansonsten wird solide gespielt (Sunna Hettinger, Boris Keil, Stefan Willi Wang), aber den festen Zugriff, den dieser bekennende Zyniker von Autor braucht, kann die Fürther Aufführung nicht bieten. Der versprochene „Abgesang auf das Zeitalter des Neoliberalismus“ ist nur eine trällernde Behauptung.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Für immer schön</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Moralfrei und gottesfürchtig</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Noah Haidle</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2019-05-04T12:00:00Z">04.05.2019</time> </div> </div> <div> <div>Medialink</div> <div><a href="https://www.stadttheater.de/stf/home.nsf/contentview/53E7B31C592FC098C1258282004AFFC1?Open=&amp;showId=6099">Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung</a></div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Maik Priebe</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 05.05.2019 - 15:41</div> <div><span lang="" about="/user/24" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Antonia Ruhl</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/Bild-gross/FuerImmerSchoen_004_c_ThomasLanger.jpg?itok=mUI0bWYE" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Für immer schön sein! So die Predigt von Cookie Close (Judith van der Werff)." typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/Bild-gross/FuerImmerSchoen_004_c_ThomasLanger.jpg?itok=YrEPtpaI" width="1800" height="1200" alt="Für immer schön sein! So die Predigt von Cookie Close (Judith van der Werff)." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Für immer schön sein! So die Predigt von Cookie Close (Judith van der Werff).</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 05 May 2019 09:36:20 +0000 Dieter Stoll 12012 at https://www.die-deutsche-buehne.de : Panic Room https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/nur-mut <span>: Panic Room</span> <span><span lang="" about="/user/65" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Florian Welle</span></span> <span>Fr., 13.07.2018 - 13:38</span> <div><p>Angst ist ein Schutzmechanismus, eine biologisch gesehen absolut sinnvolle Reaktion. Die Angst vor gefährlichen Tieren wie giftigen Spinnen sicherte einst das Überleben. Der Psychiater Borwin Bandelow hat das einmal auf den Punkt gebracht als er sagte: „Wer die Gefahr ignorierte, ist ausgestorben. Überlebt haben die Ängstlichen.“ Mittlerweile ist aber aus einer Grundbefindlichkeit unseres menschlichen Seins ein allumfassendes Lebensgefühl geworden. Angst kann nicht nur jeden Einzelnen treffen, sondern auch ganze Gesellschaften. Die „German Angst“ war bereits ein geflügeltes Wort, als man noch keine Angst vor Terroranschlägen haben musste. Angst ist diffus und irrational, und gegenwärtig erleben wir, wie dies Populisten auf der ganzen Welt zu ihrem Vorteil ausnutzen und schamlos ihr Spiel mit der Angst treiben. „Weil uns die Vorstellung eines Terroranschlags zutiefst verängstigt“, schreibt dazu der Philosoph Philipp Hübl im gegenwärtigen „Philosophie“-Magazin in einem äußerst lesenswerten Artikel, „schließen wir irrtümlicherweise darauf, dass er uns jederzeit treffen kann“. Die Fakten freilich sprechen eine andere Sprache: „In den letzten 17 Jahren wurden in Deutschland 14 Menschen durch islamistischen Terror getötet. Im selben Zeitraum sind knapp 80.000 Menschen bei Verkehrsunfällen und über 160.000 bei Haushaltsunfällen umgekommen.“</p> <p> Amerikaner lassen sich schon lange sogenannte Panic Rooms errichten, um sich unter anderem vor Einbrechern zu schützen. Tendenz steigend. Der „Panic Room“, der nur mehr via Technik Kommunikation mit der Außenwelt ermöglicht, besitzt Symbolkraft. Er ist ultimativer Rückzugsort, eine Kapsel aus Stahl und Eisen. Damit aber das genaue Gegenteil von Freiheit. Er ist ein klaustrophobischer Ort des Horrors, wie man sehr anschaulich in David Finchers gleichnamigem Film mit Jodie Foster in der Hauptrolle sehen kann. „Panic Room“ hat auch das Fürther Community-Projekt „Brückenbau“ seine jüngste Tanztheater-Performance genannt, die noch bis zum 15. Juli im Kulturforum zu sehen ist.</p> <p>Jutta Czurda, seit 1998 Ensemblemitglied des Stadttheaters Fürth, hat 2009 „Brückenbau“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, Laien jeden Alters für die Welt des Theaters, der Musik und des Tanzes zu begeistern und eine Bürgerbühne zu schaffen. Damit war sie ihrer Zeit voraus – heute bemüht sich jedes Theater um Bürgernähe. In vier Werkstätten – Schauspiel, Tanz, Performance und Singen – können sich die Fürther seitdem ausprobieren. Am Ende der Proben steht jeweils eine Aufführung, und so sind in den letzten Jahren bereits sieben abendfüllende Produktionen entstanden. Mal lag der Schwerpunkt auf dem Schauspiel, mal auf dem Gesang, mal auf dem Tanz. In der kommenden Spielzeit wird man das zehnjährige Bestehen groß feiern. Unter anderem mit „Storming the Stage“, einem Best-Of aus den vergangenen Jahren. Wer gesehen hat, mit welcher Energie und Leidenschaft die Beteiligten derzeit „Panic Room“ aufführen, der wird sich das Jubiläumsprogramm im Mai 2019 in seinem Terminkalender vormerken.</p> <p>Mit „Panic Room“ haben sich die Werkstätten Tanz und Performance ein Thema am Puls der Zeit für ihre Inszenierung gesucht. Doch steht in dem Stück, das die 16 Teilnehmer, elf Frauen, fünf Männer, unter der professionellen Leitung von Yvonne Swoboda einstudiert haben, weniger die Angst als soziales Phänomen im Vordergrund, als vielmehr die vielen individuellen Gesichter der Angst. Erzählt wird deshalb auch keine durchgängige Geschichte, sondern eine Szenen-Collage. Thematisiert wird die Angst vor Spinnen ebenso wie die Panik, in der Liebe den ersten Schritt zu machen, oder die Furcht, vor Publikum aufzutreten. Letztere kennt sicher jeder der Darsteller, schließlich steht keiner von ihnen Abend für Abend auf einer Theaterbühne. Und so ist „Panic Room“ nicht nur ein Abend über Angst. Sondern auch über ihr Gegenteil: Mut! Nicht zuletzt Mut, sich fallenzulassen und nicht panisch davonzulaufen.</p> <p>Das Kulturforum ist ein schwierig zu bespielender Ort. Die weitläufige Halle wird getragen von im Raum verteilten Säulen – früher war in dem historischen Gebäude der Fürther Schlachthof untergebracht. Die Inszenierung von Yvonne Swoboda und ihrem Bühnenbildner Christian van Loock geht jedoch mit großer Souveränität mit dem Problem um. Geschickt lässt man das Laienensemble in weiten Hosen und langen Mänteln (Kostüme: Kaja Fröhlich-Buntsel) die gesamte Raumbreite bespielen, wobei die Lichtregie mit einzelnen Spots sowie zwei tief hängenden Lampen Akzente setzt. Zu sehen gibt es vom Solo über das Duett bis zur Gruppenchoreographie verschiedene Formen des Tanzes. Es wäre ein Leichtes, nun etwa fehlende Synchronität zu bemängeln, aber darum geht es hier nicht. Vielmehr geht es um die Intensität des Ausdrucks, und die ist bei allen vorhanden. Und so werden wir vor dem Hintergrund neonlichtbestückter Kabinen, die Panic Rooms andeuten, und einer Leinwand mit Videoprojektionen von düsteren Rauchwolken bis anbrandenden Meereswellen, Zeugen von mitunter berührenden Körperbildern. Das Stärkste: Auf die Rücken von drei langsam durch den Raum krabbelnden Männern haben sich Frauen gelegt. Schützend wie ein Panzer. Jedes der Paare erinnert so an Schildkröten, denen man ja landläufig Weisheit nachsagt.</p> <p>Eindrucksvoll dargestellt werden auch die körperlichen Reaktionen bei Angstattacken: Anspannung, verkniffene Mimik, Herzrasen. Dabei ist die Bühne häufig in diffuses Licht getaucht, werden verstörende Elektro-Klänge eingespielt oder das melancholisch leise „Für Alina“ von Arvo Pärt. Aber auch Chansons. Etwa „Ne me quitte pas“ als Musik gewordene Angst vor dem Verlassen-Werden. Das Überraschendste an der achtzigminütigen Inszenierung ohne Pause – allein das für Laien eine nicht hoch genug zu bewertende Leistung –ist indes: Swoboda lässt das Frostig-Schwarze nicht die Oberhand gewinnen. Vielmehr wechseln angstbesetzte Szenen ab mit solchen, die die Überwindung dieser schmerzhaften Emotion zeigen. Ja, am Ende überwiegen sie sogar. Und dann wagen alle Darsteller zu jazzigen Klängen sehr verrückte Tänzchen voller Humor, die einem ob der schlenkernden Arme und Beine und lustigen Grimassen ein Lachen aufs Gesicht zaubern.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Panic Room</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Nur Mut!</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-07-12T12:00:00Z">12.07.2018</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Yvonne Swoboda</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Crossover</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 13.07.2018 - 13:38</div> <div><span lang="" about="/user/65" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Florian Welle</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/panicroom010_c_thomaslanger_1.jpg?itok=f36CVqw4" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Panic Room" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/panicroom010_c_thomaslanger_1.jpg?itok=YvHrh0tO" width="1800" height="1200" alt="Szenenforto aus dem Fürther Bürgerbühnenprojekt &quot;Panic Room&quot;" title="Szenenforto aus dem Fürther Bürgerbühnenprojekt &quot;Panic Room&quot;" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szenenforto aus dem Fürther Bürgerbühnenprojekt &quot;Panic Room&quot;</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 13 Jul 2018 11:38:44 +0000 Florian Welle 10597 at https://www.die-deutsche-buehne.de Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/schrankfertige-ueberlebenskunst <span>Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>So., 14.01.2018 - 15:29</span> <div><p>Vorne an der Rampe schmettern einige der Opfer ihre Zwischenbilanz der trüben Erkenntnisse von Krieg und Frieden im Trümmer-Sound von Komponist Paul Dessau, so stramm aufrecht als hätten sie beinahe was dazu gelernt. Ganz hinten am Bühnen-Horizont schleppt derweil die einsam gewordene Titelheldin mit dem hartgewachsten Überlebensmodell im Auge des Taifuns, die ein paar Szenen lang sogar mit erkennbarem Herzschlag unterwegs war, nun ganz allein ihren Verkaufs-Wagen und krächzt den schon wieder in die Schlacht ziehenden Söldnern ihr Anpassungs-Credo „Nehmt mich mit!“ hinterher. Gebrochen oder im Aufbruch, wer könnte das in schnelllebigen Zeiten bestimmen. Ihre drei Kinder sind tot, die Illusion vom kleinen Glück an der Seite eines Mannes ist geplatzt, das Geschäft mit dem Unheil geht weiter. Das Finale von Werner Bauers Brecht-Inszenierung „Mutter Courage und ihre Kinder“ am Stadttheater Fürth ist von tiefschwarzem Pessimismus poetisch eingefärbt – die Kunst mag Bescheid wissen, die Realität rollt einfach weiter.  „Der Frieden ist ausgebrochen“, hatte zuvor einer das unerwartete zeitweilige Ende von staatlich sanktioniertem Mord und Totschlag beklagt. Jetzt ist wieder „Ordnung“ angesagt, ganz nach Belieben im Namen Gottes oder für die Konjunktur: „Krieg ist nix als Geschäfte“.</p> <p>Angefangen hatte die Aufführung als Entwurf eines Kunst-Stücks. Nicht zu weit entfernt vom Modell-Original (die Erben, man weiß ja!), aber doch um gewisse Distanz zu den Klischees bemüht. Die rotierende Bühne von Marlen Heydenaber besteht aus Stahlrohrgerüst und einem breiten Podest mit vielen Gesteinsbrocken unter doppelstöckigem Aufbau. Es gibt Auslauf und Fernblick. Die Halbgardine hat hier keinen Platz. Der berühmte Planwagen ist zum Camping-Kiosk mit Wohngelegenheit ausgebaut und rollt auf praktischen Gummireifen. Das handelnde, behandelte Personal lässt sich nicht auf den Dreißigjährigen Krieg festlegen, es stammt aus vielen Jahrhunderten. Die Kostümierung strebt ins Überzeitliche, man sieht neben dem ewigen Prediger-Talar auch Wehrmachtsuniformen, sogar eine Pickelhaube zur Unterhose auf dem Kopf des alten Obristen. Und wenn die stumme Kattrin vom Großhandels-Einkauf aus der Stadt kommt, schleppt sie bunte Supermarkt-Taschen. Gegenwart haben wir also auch. Alles umkreist die „Mutter Courage“, die Michaela Domes gleich mit ihrem ersten Song wie einen Pflock ins Theatergelände rammt. Sie singt mit Schnauze, fern von allen unterschwelligen Abfederungs-Gefühlen. Jeder Ton ist Spruchbandmaterial. Ein radikales Statement, von dem man dann erst mal wieder runterkommen muss.</p> <p>Aber das ist ja ohnehin das Grundsatzproblem dieser Bilderbogen-Parabel – das Herunterkommen vom Sockel der Gewissheiten. In der neueren Rezeption dieses Brecht-Klassikers, wenn man nach der Ausbeutung der Vorlage an diversen Freilichtbühnen überhaupt davon reden kann, war die Titelrolle stets populärer als das ganze Werk. Sowohl bei den Interpreten wie auch (sowieso) bei den Zuschauern. Die unbeherrschbaren Missverständnisse vom eigentlich warmherzigen und jedenfalls immer pointensicher schlagfertigen „Muttertier“, das vorweggenommene Inge-Meysel-Syndrom, das dem Autor von Anfang an so großes Unbehagen bereitet hatte, freilich inbegriffen. In Werner Bauers Regie wird das nicht wirklich bewältigt, aber zumindest phasenweise aufgebrochen. Das Szenen-Karussell der realistischen Signale dreht sich um das wandelnde Überlebens-Phantom, das immer irgendwie als System weiter funktioniert. Michaela Domes ist nicht nur Mittelpunkt, sondern tatsächlich das Zentrum der Aufführung, eine Courage mit vielen Anführungszeichen. Wenn und wie sie, die zynisch clevere Geschäftsfrau und Kriegsgewinnlerin, in einer langen Szene die Wäsche für ihre Familie macht,  mitten im Dauerzustand der Katastrophe zuverlässig funktionstüchtig Kante auf Kante faltet, ist das ein veritables Charakterporträt. Schrankfertig geht die Welt zugrunde. So sekundärtugendhaft spielt oder vielmehr zeigt sie die Figur fast durchweg – und man ist geneigt, die herzschmerzigen Soap-Töne, die sich  gegen Ende der Aufführung irritierend einschleichen, für Inszenierungs-Unfälle zu halten.</p> <p>Norbert Nagel (Klarinette, Klavier), der mit Verstärkung von Synthesizer und Violoncello die dissonanten Querschlag-Songs von Paul Dessau im Trio verarbeitet, reizt die vokalen Möglichkeiten der Schauspieler aus. Nicht jeder kann ihm dabei jederzeit folgen. Erst am Ende gibt der Musiker elastisch nach, lässt die gefällige Ohrwurm-Version gelten, wie sie Gisela May - LPs schmückt. Zuvor wirkt der so anspruchsvoll anspruchslose Klang manchmal, als ob die Aufführung in ihren musikalischen Aktionen nicht den polternden Zwischenruf als Querschläger wagen sondern ein Abheben in winzige Opern-Oasen erträumen will.</p> <p>Respektabel allemal, wie das kleine Fürther Theater dieses „große“ Stück besetzen kann. Benedikt Zimmermann, Frerk Brockmeyer und Theresa Martini (die sterbenden Kinder der Mutter Courage) sind da besonders auffällig, auch Paul Kaiser (Koch) und Rainer Appel (Feldprediger). Der größte Premierenbeifall im ausverkauften Haus gehörte aber eindeutig Michaela Domes, die an gleicher Stelle einst die Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und in Nürnberg nebenan alles von Lady Macbeth bis Iphigenie war. Sie hat die problematisch gewordene Brecht-Figur, die da zwischen „Maiandacht und Maiennacht“ ihre auslaufende Lizenz zum Leben immer mit dem sardonischen Hinweis aufs „anständige Gesicht“ verlängert, nicht auf den Kopf gestellt, aber mit Köpfchen gespielt. Dafür gab es Bravo-Rufe.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Mutter Courage und ihre Kinder</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Schrankfertige Überlebenskunst</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Bertolt Brecht</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2018-01-13T12:00:00Z">13.01.2018</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Werner Bauer</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 14.01.2018 - 15:29</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/fuerth__courage.jpg?itok=iQF07Hbt" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/fuerth__courage.jpg?itok=h3Rp7oyG" width="1800" height="1200" alt="&quot;Mutter Courage und ihre Kinder&quot; in Fürth - Ensembleszene " title="&quot;Mutter Courage und ihre Kinder&quot; in Fürth - Ensembleszene " typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>&quot;Mutter Courage und ihre Kinder&quot; in Fürth - Ensembleszene</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 14 Jan 2018 14:29:41 +0000 Dieter Stoll 10443 at https://www.die-deutsche-buehne.de Neil Bartram, Brian Hill: Die Story meines Lebens https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/lebenskrise-mit-schleifchen <span>Neil Bartram, Brian Hill: Die Story meines Lebens</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>So., 15.10.2017 - 16:40</span> <div><p>Eine Himmelsleiter ragt auf die Bühne, statt Möbeln gibt es dort nur ein paar großformatige Manuskript-Stapel als Sitzgelegenheiten. Und vorne am Mikrophon müht sich ein ergriffen dreinblickender Mann, Kurzgeschichten-Autor und somit eigentlich der Prototyp des schnell zur Sache kommenden Emotions-Profis,  um den Entwurf von angemessen letzten Worten für seinen verstorbenen Jugendfreund. Der war Buchhändler für „neue und gebrauchte“ Drucksachen, vor allem aber in jungen wie in späten Jahren ein Kauz mit anfeuernder Wirkung für den Karrieristen. Doch was wäre ein Dichter ohne Schreibblockade? Also ringt er für „Die Story meines Lebens“ mit den Erinnerungen und seinem Fluchtreflex, alle Betroffenheit in Zitaten aus „Gottes großer Bibliothek“ zu versenken. Schon bei der Anrede hakt es, war es denn nun der beste oder nur ein guter Freund? „Mein (Adjektiv später einfügen) Freund“, kritzelt er in seinen Entwurf.</p> <p>Der Adressat jedoch – der macht da nicht mit! Er ist inzwischen in lockerer Freizeitkleidung aus der anderen Welt geklettert, erinnert an frühe Vereinbarungen zum letzten Willen und verlangt wie ein außerirdischer Lektor nach den „Geschichten im Kopf“ für die würdigen Verabschiedung. „Schreib, was du weißt“, souffliert er seinem Laudator und stößt damit ein Anekdoten-Roulette auf angeheiterter Melancholie-Basis an. Die bärtige Grundschullehrerin, der magische Buchladen, ein Gruß an Mark Twain, die Entfremdung der erwachsenen Männer und immer wieder ein bisschen Krise. Kreisende Dramolettchen, umstellt vom großen Ganzen, umspült von Klängen eines sanften Rock-Quartetts, das unter der Leitung von Stephan Sieveking am Flügel aus dem Sound-Design des schaumig abhebenden Sprechgesangs mit Cello und Saxofon wunderschöne Soul-Schleifchen entwickelt.</p> <p>Der personifizierte Tod als mehr oder weniger freundlicher Bote aus dem Jenseits ist in der hohen Literatur, dem tümelnden Volkstheater und dem poetischen Kino gleichermaßen unverzichtbar. Aber wie viel echte Trauerarbeit verträgt ein Musical? Schon die Frage klingt so absurd, dass ein dahinter stehendes Projekt gewissen Vertrauensvorschuss verdient. Im glitzernden Genre der segelnden Emotionen, wo sich auf internationaler Ebene immer mal wieder der Ehrgeiz regt, die allzu bekannten Folien der Show-Standards zu durchbrechen, landet man meist in Gedenken an Stephen Sondheim, dem  literarischen Widerstandskämpfer gegen den Bonbon-Zwang. Da könnte man auch bei Komponist <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Neil_Bartram" target="_blank">Neil Bartram</a>, weniger bei Texter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Brian_Hill_(author)" target="_blank">Brian Hill</a> Anknüpfungspunkte finden. Aber ein Stück, das in aller Besetzungs-Bescheidenheit mit zwei (noch dazu keineswegs erotisch verbundenen) Herren auskommt, beim Entwurf einer Trauerrede ansetzt und dabei vom britisch schwarzen Humor letztlich nichts wissen will, bleibt doch Sonderfall durch und durch. Das 2006 in Toronto uraufgeführte und 2009 mit kurzer Laufzeit am Broadway aufgetauchte Kammermusical hat denn auch eine besondere Karriere: Es erreichte seine stärkste Durchschlagskraft in Korea, wo man sogar einen Film daraus machte.  </p> <p>Zum zweiten Anlauf im deutschsprachigen Raum (eine andere Version in Wien blieb weitgehend ohne Folgen) kam es jetzt, weil die beiden Musical-Größen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Borchert" target="_blank">Thomas Borchert</a> und <a href="http://jerrymarwig.com/" target="_blank">Jerry Marwig</a> Eigenbedarf anmeldeten, auch selber die neue deutsche Fassung im Duo erstellten, und an Werner Müllers Fürther Stadttheater damit offene Türen einrannten. Borchert bereitet dort grade die zweite Serie als singender „Rebell Gottes“ im Luther-Musical zum Jubiläumsjahr vor und hat als „charismatischer“ Grabredner mit Ladehemmung ein weites Feld, sein Talent auszukosten. Jerry Marwig, der den lästernden Freigeist aus dem verstaubten Buchladen zum komödiantischen Gegenbild ausbaut, umkreist und umarmt zugleich. Zwei Könner in Rampen-Aktion. Die Inszenierung von Martin Maria Blau will sich da nicht vordrängen, sie beschränkt die Eigendynamik auf Schneegestöber aus der gleichen Luke, aus der am Ende auch die Manuskriptblätter flattern, und rückt die Band im Hintergrund allmählich so weit aus der Sichtlinie, dass zum Finale nur noch Sieveking am Flügel hämmert. Die geradezu versonnen philosophierend angelegte Musik von Neil Bartram, die dem abspringenden Wort eben nur manchmal Flügel verleiht, ist mehr an atmosphärischen Skizzen als an Song-Ausbrüchen interessiert, verzichtet aber keineswegs auf die triumphale Vorlage von Effekten. Wenn Thomas Borchert in explodierender Poeten-Energie das Naturereignis  „Schmetterling“  mit voll ausgefahrener Stimme besingt, weiß man, warum das Tier so heißt. Man möchte fast drüber vergessen, den erheblichen Kitsch-Anteil in der Basis-Story zu bemängeln.</p> <p>Herzergreifend kann die Aufführung, die des Fürther Theaters besondere Kompetenz für den etwas anderen Musical-Geschmack nachdrücklich bestätigt, schwerlich sein, aber herzerwärmend wirkte sie  offenkundig. So schnell wie hier springt das Publikum sonst nirgends vom Sitz – kaum Blackout, schon Standing Ovations. </p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Die Story meines Lebens</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Lebenskrise mit Schleifchen</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Neil Bartram, Brian Hill</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-10-14T12:00:00Z">14.10.2017</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>DE</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Martin Maria Blau</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Stephan Sieveking</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 15.10.2017 - 16:40</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/story_meines_lebens8_c_guentermeier.jpg?itok=XB9B1sJS" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title=" Neil Bartram, Brian Hill: Die Story meines Lebens" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/story_meines_lebens8_c_guentermeier.jpg?itok=a4jgNo2b" width="1800" height="1200" alt="story_meines_lebens8_c_guentermeier.jpg" title="story_meines_lebens8_c_guentermeier.jpg" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Guenter Meier/Stadttheater Fuerth</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Wer sagt eigentlich, dass Trauerreden keinen Spaß machen?! Thomas Borchert und Jerry Marwig in dem Kammermusical „Die Story meines Lebens“ am Stadttheater Fürth.<br /> <br /> </div> </div> </div> </div> </div> Sun, 15 Oct 2017 14:40:05 +0000 Dieter Stoll 10375 at https://www.die-deutsche-buehne.de Ayad Akthar: Geächtet https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/luxus-loft-hinter-beton <span>Ayad Akthar: Geächtet</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>Do., 18.05.2017 - 11:46</span> <div><p>In dieser chronisch aufgeklärten Metropolen-Gesellschaft, direkt im Herzmuskel der freien Welt, zeigt man sein wahres Gesicht lieber doch nur im Ausnahmezustand. Privat unter vier Augen beim Liebesspiel vielleicht, aber auch da bloß, bis das Handy als Signal aus der anderen Dimension klingelt. Und im Ausbruch von entfesselten Emotionen zwangsläufig, wenn Panik oder Alkohol die Selbstkontrollmechanismen im Kurzschluss außer Kraft setzen.</p> <p>In Ayad Akthars ätzend komisch beginnendem und drastisch tragisch abstürzendem Schauspiel „Geächtet“, vor knapp vier Jahren in den USA mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und 2016 per Kritiker-Votum zum fremdsprachigen „Stück des Jahres“ in Deutschland mit Aufführungen an ersten Adressen in Hamburg und Berlin erhoben, geraten ein ambitionierter Oberklasse-Anwalt mit verheimlichten Wurzeln in Pakistan (angepasster Ex-Muslim auf Distanz zur Religion, aber bloß nicht drüber reden!) und seine in schönster Naivität von den wahren Werten islamischer Kultur schwärmende angeheiratete „christliche“ Künstlerin mit dem bornierten Galeristen (jüdischer Freigeist, nur nicht witzig) und seiner Karriere-Gemahlin (ohne Befund) aneinander – obwohl sie doch die liberale Offenheit ihres Standes grade bei Schweinefleisch und Scotch demonstrieren. Ein junger Einwanderer in Nöten mit den Schraubgriffen der staatlichen Ordnungsmacht taucht auch auf, und im News-Room an der Katastrophen-Wand pöbelt Donald Trump seine Dekret-Demokratie im O-Ton. Er zumindest war bei der Uraufführung in Chicago noch nicht dabei, ist im Mai 2017 aber unabweisbarer Rand-Hauptdarsteller.</p> <p>Der an Rainer Werner Fassbinder und Falk Richter geschulte Regisseur Barish Karademir, der den vielleicht doch etwas zu euphorisch als ultimative Antwort auf gesellschaftliche Tendenzen festgenagelten Text im <a title="Fürther Theater" href="http://www.stadttheater.de/">Fürther Theater</a> inszenierte, weist dem Zuschauer fürsorglich den Interpretations-Weg. Er lässt alle Akteure, sobald sie sich in den Clinch mit der Öffentlichkeit begeben, eine Halbmaske wie im Antiken-Drama (hier eher wie ein zivilisatorischer Schleier-Ersatz gegen die indiskrete Einsicht) überstülpen, damit kein Zweifel aufkommt über Allgemeingültigkeit bei gleichzeitiger Charakter-Demontage. Das ist deutlich, wenn auch nicht ganz reibungslos mit den Intentionen des Erfinders vereinbar, der sich selbst als „kulturellen Muslim“ mit West-Bindung einstuft und mit seiner verdichteten personalisierten Versuchsanordnung nach individueller Erfahrung unter gleichzeitiger Anwendung von erprobtem Dramen-Konfliktmodell vermutlich vorrangig zeigen will, dass es mit Anpassung und Assimilierung eben nicht so einfach ist, wie das unter Party- oder Polit-Strategen nicht erst, aber besonders seit 9/11 gehandelt wird.</p> <p>Die Aufführung beginnt angenehm irritierend. Der erste Blick auf Andreas Brauns Bühne zeigt einen schäbigen Bunker-Beton mit rostigem Eisenträger-Fragment in Notbeleuchtung. Diese Trostlosigkeit wird im zweiten Schritt überflutet von bunten Bildern aus dem traumhaften New York der Touristenformate, ehe sich die aufgebockte Szene dreht und zur anderen Seite ins modische Luxus-Loft schwenkt, wo das Ruinen-Requisit zum innenarchitektonischen Gag verwandelt ist und die Welt so tut, als ob sie grade mal wieder ein bisschen in Ordnung wäre. Ehe das erste Wort des Autors gefallen ist, hat der Regisseur schon drei Meinungen zum Umfeld der Geschichte positioniert. Er bleibt auch danach dieser Linie des aufreißenden Blicks treu, indem er beispielsweise die Konversation samt ihrer grobkantig geschliffenen Dialoge („Richten wir uns nicht zu sehr in unserem Argwohn ein“) in Theaterrealität mit gleichzeitiger Video-Übertragung zur grotesken Doppel-Wirklichkeit verzerrt. Im Gegenzug führt er in die hemmungslos kitschige Poesie der Videoclips, taucht stehende Stimmungen in klingende Schaumbäder, abwechselnd aus Opernarien oder Popsongs, und lässt trauerspielerisch Regentropfen wie Tränen am Fenster perlen. Hingucker-Regie, könnte man das nennen.</p> <p>Die fünf Darsteller kommen dabei nicht zu kurz. Murat Seven, der den sympathischen Anwalt aus dem amerikanischen TV-Drehbuch-Labor mit der Distanz zur eigenen Biografie (stammt aus Pakistan, sagt aber lieber Indien) im beschleunigten Boulevardtheater-Tonfall beginnt und zur rasenden Wut-Attacke steigert, ist der in Witz und Wahn gleich trittsichere Schrittmacher. Ulrike Fischer (Ehefrau Emily mit  nervenzerrend schwärmerischer Naivität), das gefühlsbehinderte Gegen-Paar (Oliver Fobe, Kira Lorenza Althaler) und der junge Abe unter latenter Abschiebe-Bedrohung (Josef Mohamed) umkreisen seine immer enger werdenden Freiräume. Den eigentlich gleitenden Stimmungswechsel von der leichtfertigen Komödie zum schwerblütigen Drama spielt das Ensemble wie mit umgelegten Schalter, der Bitterstoff der Alltags-Erfahrung überlagert das Pointen-Naschwerk so schnell, dass man sich auf diesen von Gebrauchs-Philosophie und Partygeplapper bepflanzten Konfliktfeldern der Weltreligionen unwillkürlich ein Extra-Biotop aus dem Hause Woody Allen wünscht.</p> <p>Ayad Akthar strebt diese therapeutische Auflösung nicht an. Er treibt den Selbsthass des Angepassten zur letzten Konsequenz, wenn er dessen Verzweiflung im Moment eines tobsüchtigen Gewaltausbruchs gegenüber der geliebten Frau fixiert, und überlässt seinen Protagonisten dem freien Fall der Kolportage. Karademirs mit großem Beifall aufgenommene Inszenierung (die beiläufig erfahren muss, dass Trump als Theater-Grusel nicht funktionieren kann, wo Twitter-Realität die Tagesbefehle ausgibt) beschönigt nichts daran, sie zelebriert das Scheitern an Leben und Liebe mit dem Gnadenschuss des Selbstmords geradezu hingebungsvoll als melancholisches Melodram. Es geht zu Herzen; für den Kopf bleibt etwas zu wenig.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Geächtet</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Luxus-Loft hinter Beton</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ayad Akthar</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-05-18T12:00:00Z">18.05.2017</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Barish Karademir</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Do., 18.05.2017 - 11:46</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_schau_fuerth_geaechtet.jpg?itok=8z3Xusf9" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Ayad Akthar: Geächtet" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_schau_fuerth_geaechtet.jpg?itok=bGvwG0ta" width="1800" height="1200" alt="Josef Mohamed, Ulrike Fischer, Murat Seven" title="Josef Mohamed, Ulrike Fischer, Murat Seven" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Josef Mohamed, Ulrike Fischer, Murat Seven</div> </div> </div> </div> </div> Thu, 18 May 2017 09:46:21 +0000 Dieter Stoll 10281 at https://www.die-deutsche-buehne.de Arthur Miller: Ein Blick von der Brücke https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/schicksal-aus-dem-kuehlfach <span>Arthur Miller: Ein Blick von der Brücke</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>Fr., 17.03.2017 - 10:15</span> <div><p>Der alte Onkel Eddie, eigentlich auf die eigene niedliche Nichte Catherine scharf, knutscht in einem kombinierten Eifersuchts- und Wutanfall öffentlich seinen langhaarigen Schwieger-Cousin ab, der weitaus mehr Chancen bei dem Mädchen hat. Komplizierter Fall: So will er ihn demütigen, als schwul brandmarken, und damit Konkurrenz ausschalten. Fake-News, wie man heute zu sagen pflegt, absolut alternative Fakten. An diesen aggressiven Kuss zwischen zwei Männern, der vor 60 Jahren in der Londoner Erstaufführung von Arthur Millers „Ein Blick von der Brücke“ nur vor Club-Mitgliedern des Theaters, also in juristischer Nicht-Öffentlichkeit, ausgeführt werden durfte, erinnert sich der Autor in seinen Memoiren „Zeitkurven“ mit seufzendem Ton über die schlimme alte Zeit, die aufklärungsbedürftige. Was würde er heute sagen, wo sogar Walt Disneys Märchenpersonal wegen tanzender Männer unter sittenpolizeilichen Beschuss gerät? Gratislieferung eines weiteren Ansatzpunktes, den aktuell umtriebigen Zeitgeist direkt vom abgehangenen Dramen-Text dieses amerikanischen Bühnen-Moralisten mit der weithin stärksten Bodenhaftung abzuzapfen.</p> <p>Der leitende Gedanke für diese Premiere war sowieso klar und dürfte derzeit manchen Intendanten heimsuchen, der die Migranten-Problematik gerne handfest im Spielplan einordnen möchte: Zwei illegale Einwanderer, Arbeitslose aus Italiens ärmlichster Provinz, suchen im Land der durchaus begrenzten Möglichkeiten mit Hilfe der dortigen Verwandtschaft und vorbei am gnadenlosen Recht ihren Schleichweg zum Glück. Sie werden ihn nicht finden, weil sie der Anspruchshaltung ihrer Gastgeber in die Quere kommen. Eddie, der grade noch von der Ehre faselte, den Landsleuten helfen zu können („Hattet ihr eine gute Überfahrt?“, begrüßt er die blinden Passagiere als kämen sie von der Kreuzfahrt), denunziert sie bald bei der Einwanderungsbehörde. Ein Rache-Mord als Reaktion und Entsetzen bleiben am Ende. Nur der kleine graue Mann, der schon vor Beginn der Vorstellung im Zuschauerraum gutgelaunt seine Visitenkarten verteilte („Vielleicht brauchen Sie bald mal einen Rechtsanwalt“), bleibt bei seiner und seines Erfinders Meinung, dass man „Schicksal“ nicht ergeben hinnehmen muss. Frank Watzke lief als Moderator, eher noch Mediator, beschwichtigend an den Stationen der Story entlang bis zum Blackout. Zukunft vorbei, Ende offen.</p> <p>Das erfolgreiche Miller-Drama, das es aber nie in die Liga von „Tod eines Handlungsreisenden“ oder „Hexenjagd“ geschafft hat, ist als Spiegelung der heutigen US-Gesellschaft der Abgehängten denn doch etwas überfordert. Schon im Original verbinden sich Gesellschaftskritik und Psychoanalyse  zu einer Knetmasse für Kolportage-Wendungen, denn im harten Kern der flott pointierten, immer noch energiegeladenen Dialoge geht es weniger um Migration als um Eifersucht. In Petra Wüllenwebers aktualisierender Fürther Inszenierung, irgendwo in einer abstrakten Theater-Gegenwart verankert, wird das gar nicht geleugnet. Wo sie „hochgezogene Zäune“ und „das bauen von Mauern“ ins Gespräch bringt, mit Worten wie „alternativlos“ oder „Kopftuch“ oder „Respekt“ blinkt, deutet sie Richtungen an, in die dann doch niemand abbiegen will. Matthias Werners Bühne besteht aus einem mächtigen leeren Stahl-Container für den Hintergrund, der viele Jalousien hat und nur drei Pappkarton-Boxen als eisiges Mobiliar der Trostlosigkeit. Davor, auf dem gedeckelten Orchestergraben, ist weite Deklamations- und Tanzfläche, wo der munterste Migrant namens Rodolpho (Matthias Kelle, eindeutig eher Pop als Puccini) zum Einstand einen Videoclip von Prince imitiert. Gesungen und gesprungen wird danach noch öfter, auch im Travestie-Duo nach Traumkino-Modell und bei der geselligen Heimweh-Anarchie des „Bella ciao-ciao-ciao“ – der unterschobene Musical-Tonfall verstärkt die Verfremdung der vorgeführten Realität von gestern im Zeugenschutzprogramm von heute. Gekonnt ist das schon, sinnvoll nicht.</p> <p>Andererseits bringt Petra Wüllenweber gegen die eigene Schlachtordnung von Charakterköpfen aus dem Kühlfach denkbar hitzigstes Wortgefecht in Stellung. Das beginnt bei spielerisch albernder Komik (wenn die beiden Migranten mit ihrem Müllsack-Gepäck ankommend im Parkett den Notlichtknopf für ein Klingelschild halten und sagen „Hier wohnt Familie Panikbeleuchtung“) und endet in brüllenden Emotionen, mit denen Hartmut Volle den eifersüchtigen Denunzianten in nahezu jedem Auftritt sprachkunstvoll explodieren lässt. Sara Tamburini als Nichte, das Objekt der Begierde, trägt den aufreizenden Minirock und ein ähnlich viel enthüllendes Selbstbewusstsein passend zu den ersten Emanzipations-Ahnungen. Ihre duldsame Tante (Sabine Werner wie ein Engel der Vernunft zwischen den Fronten) und der Zweit-Cousin mit der daheim wartenden Familie (Sebastian König, fast zu lieb für den Rachemord) runden ein gediegenes Ensemble ab.</p> <p>Wenn der finale Rache-Schuss gefallen ist und der nochmal herbeigeeilte Anwalt mit kreidiger Stimme die Gewalt dennoch in die Schranken weist, dürften die Zuschauer ihre Erschütterung im Griff haben. Zur Migrations-Debatte von heute hat Arthur Millers „Blick von der Brücke“ allenfalls Randnotizen beizusteuern – also kein Grund zur Aufregung.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Ein Blick von der Brücke</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Schicksal aus dem Kühlfach</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Arthur Miller</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-03-16T12:00:00Z">16.03.2017</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Petra Wüllenweber</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 17.03.2017 - 10:15</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_schau_fuerth_bruecke.jpg?itok=JEbS4oK9" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Arthur Miller: Ein Blick von der Brücke" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_schau_fuerth_bruecke.jpg?itok=j8OFm9fm" width="1800" height="1200" alt="Ensembleszene aus „Ein Blick von der Brücke“ von Arthur Miller" title="Ensembleszene aus „Ein Blick von der Brücke“ von Arthur Miller" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Ensembleszene aus „Ein Blick von der Brücke“ von Arthur Miller</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 17 Mar 2017 09:15:18 +0000 Dieter Stoll 10225 at https://www.die-deutsche-buehne.de Christian Auer/Nina Schneider: Luther – Rebell Gottes https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/ausser-thesen-nichts-gewesen <span>Christian Auer/Nina Schneider: Luther – Rebell Gottes</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>Do., 12.01.2017 - 17:37</span> <div><p>Es beginnt gleich nach dem Trommelwirbel mit einem Albtraum des jungen Martin Luther, durch dessen Nachtgedanken aufreizend der Papst persönlich tanzt. Uns Zuschauer kann das nicht sonderlich aufregen, denn wir wissen aus der Weltgeschichte, dass es alsbald umgekehrt sein wird. Es folgt das Erwachen beim intimen „Ketzer“-Tribunal, wo dem Überzeugungs-Täter aus Wittenberg viel Raum gelassen wird zur Selbstdarstellung. Martinus nutzt ihn raffiniert für therapeutische Rückblenden ins brodelnde Innenleben, was der Dramatik mit Hauruck auf die Beine hilft. Außer Thesen nichts gewesen? Von wegen! Von teuflischen Ängsten des frommen Mönchs erfährt man da (sie tragen Hörner), dem rettenden Zugriff einer Heiligen (sie erscheint mit der Basisfarbe Vanille im Strahlenkranz als eine Art Methadon-Madonna), dem Zorn des Gerechten beim Hämmern am Kirchentor (mit Percussion-Unterstützung) und der als Event wirklich nicht leicht zu bewältigenden Übersetzung der Bibel. 500 Jahre nach dem legendären Thesen-Anschlag gegen die vatikanische Vermarktung des Seelenheils  samt eigendynamisch folgender Kirchenspaltung wächst das Ereignis also in neue Dimensionen – zum Musical-Format.</p> <p>Mit dem Titel  „Luther – Rebell Gottes“ ist klar, dass bei diesem Auftragswerk des Fürther Stadttheaters ein Heldenlied gesungen wird. Aber in welcher Tonart darf's denn sein? Autorin Nina Schneider, die mit Allround-Komponist Christian Auer (von ihm gibt es schon Stücke über Tina Turner und den Brandner Kasper) den gegebenen Anlass eher auf szenische Brauchbarkeit als auf Theologie abklopfte, benennt das vermeintliche Problem selber. Sie warf vorsorglich die rhetorische Frage in den Raum, ob solch verrockte Turbulenz für das gottesfürchtige Thema überhaupt erlaubt sei. Man kann sie mit offenen Armen beruhigen, nach dem jüngsten polnischen Papst-Theater „Karol“ (katholisch) und der ehrwürdigen Broadway-Show „Jesus Christ Superstar“ (ökumenisch) gibt es jetzt eben auch „Luther – Rebell“ (evangelisch) mit Hüftschwung. Gottes Wille ist sowieso unergründlich, was übrigens am Ende die Moral von der Geschicht sein wird: Keiner kennt die Wahrheit!</p> <p>Der Bühnen-Luther lernt sie und beiläufig auch die Trends der Popmusik mit 21 Songs zumindest etwas besser kennen. An den biographischen Haltestellen entlang wird der elektronisch gepimpte Soft-Soul zum akustischen Pauschal-Design, aufgemischt von Rap (fürs Prediger-Duell) und, eins-zwei-drei, Solidaritäts-Marsch (für den Bauernaufstand), während eine Pontifikal-Travestie die vatikanische Dekadenz eher anlacht als geißelt. Eine fünfköpfige Rock-Band unter Anleitung des Komponisten (zwei Gitarren, Bass, Drums, Percussions) dreht die Tonspur selbstbewusst auf. Was den Charakter des Jubilars betrifft: Der zergrübelte Idealist, der Kanzel-Magier, der zornige Rechthaber – alles wird musikalisch wie szenisch als Farbtupfer-Sammlung gern genommen, nur vom Antisemiten ist natürlich nicht die Rede, wie sollte man denn dazu tanzen?!</p> <p>Die handwerklich saubere, in der eigenen Routine verankerte Inszenierung von Werner Bauer lebt von der Magie der Video-Bühne, mit deren raffinierten Projektionen Marc Jungreithmeier am Mischpult rasant Szenenwechsel ohne Umbau-Bremse zaubert. Ganz ernst mag er sich dabei nicht immer nehmen, denn neben Höllenfeuer und Revue-Schaumschlag sind auch Kerker-Ratten und Dorf-Hühner allerliebst im virtuellen Einsatz. Ansonsten verlässt sich die Regie, die der belebenden Zeitsprung-Dramaturgie von Autorin Nina Schneider ebenso vorbehaltlos folgt wie dem Anekdoten-Geländer, an dem sich die gute Gesinnung jederzeit abstützen kann, auf das bestens gecastete Ensemble: Thomas Borchert, eine festen Größe im deutschen Musical-Kreislauf, steht souverän an der Spitze, ein durchtrainierter Ideal-Luther mit Trotz im Blick und Hochdruck auf den Stimmbändern, für den als zölibatsbrechende Ex-Nonne eigentlich nur Sister Act in Frage käme. Immerhin, Navina Heyne greift sich als burschikose Katharina von Bora den verblüfften Martin beim mittelalterlichen Gruppen-Dating für Keuschheits-Verweigerer, und wenn sie dann herzergreifend singt: „Ich gehör zu dir“, dann kann man es keinem Zuschauer verwehren, im eigenen Kopfkino zu ergänzen „…wie die These an der Tür“. Ramin Dustdar ist der geifernde Gegen-Prediger, Oliver Fobe der nette Herzog mit den besten Dialog-Pointen. Kutten-Mönche und Party-Kardinäle werfen die Beine beim Tanzen etwa gleich hoch, das einfache Volk bevorzugt weiterhin festen Tritt bei Marschmusik.</p> <p>Am Ende, wenn der „Rebell Gottes“ die Rebellion der Menschen nicht verstehen kann, schimmert doch noch ein Hauch von kritischer Distanz durch die Show-Hommage. Im Fürther Stadttheater, wo Intendant Werner Müller in Schwerpunkt-Produktionen seit Jahren immer wieder auf Entertainment als Energiequelle setzt, erhob sich das Premierenpublikum nach freundlichem Applaus schnell zu Standing ovations. Die Luther-Festspiele 2017 haben ihr Vorspiel, für  Katholikentage ist die Aufführung nur bedingt geeignet.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Luther – Rebell Gottes</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Außer Thesen nichts gewesen?</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Christian Auer/Nina Schneider</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2017-01-13T12:00:00Z">13.01.2017</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Werner Bauer</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Christian Auer</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Do., 12.01.2017 - 17:37</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_mt_luther.jpg?itok=y8ytTeWx" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Christian Auer/Nina Schneider: Luther – Rebell Gottes" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_mt_luther.jpg?itok=zmjDC4qj" width="1800" height="1200" alt="„Luther – Rebell Gottes“ am Stadttheater Fürth." title="„Luther – Rebell Gottes“ am Stadttheater Fürth." typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>„Luther – Rebell Gottes“ am Stadttheater Fürth.</div> </div> </div> </div> </div> Thu, 12 Jan 2017 16:37:50 +0000 Dieter Stoll 10165 at https://www.die-deutsche-buehne.de Max Frisch: Homo faber https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/wie-der-zufall-so-spielt <span>Max Frisch: Homo faber</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>Fr., 04.03.2016 - 12:40</span> <div><p>Zu Beginn der Aufführung sieht man den sterbenskranken Walter Faber, den sein Erfinder Max Frisch einen „verhinderten Menschen“ nannte, im Krankenhaus-Hemd auf offener Bühne zusammenbrechen. Er steht wieder auf, denn wir müssen ihn und sein Schicksal ja erst kennen lernen. Doch der Begriff „Schicksal“ ist tabu. Ein sonderbares Wesen, das die Welt auf mathematische Formeln festnagelt und Rationalismus zur ersatzreligiösen Abwehrhaltung aufbaut, verbittet sich jegliche Mystik. Ein Mann, der für die UNESCO an der Rettung der ganzen Menschheit arbeitet und gleichzeitig verantwortungslos sein eigenes Leben verpasst, durchläuft bei knatterndem Zufallsgenerator „die unwahrscheinlichste Geschichte, die man sich ersinnen kann“. Die Fügung, dieser „Grenzfall des Möglichen“, hat ihn zurückgebracht zur 21 Jahre vorher verlassenen und so ganz anders gestrickten Lebensgefährtin Hanna, die ihm die Existenz einer gemeinsamen Tochter gesteht. Es ist jenes Mädchen, dem er kurz vorher bei Langeweile auf hoher See einen Heiratsantrag machte. Wie das Schicksal so spielt. Der Tod wird das Schlimmste verhindern und der chronische Einzelgänger, der beim Anblick eines Doppelbettes immer gleich an Fremdenlegion dachte, ist zumindest beim finalen Bühnen-Zusammenbruch nicht mehr allein. Da steht ihm sein Alter Ego zur Seite, das vorher hilfreich assistierende literarische Ich-Phantom als bessere Hälfte, und beide Herren kleiden sich um mit dem letzten Hemd, das keine Taschen hat.</p> <p>In der Trendwelle der dramatisierten Romane, wo ja längst die gegenläufigen Systeme von freier Assoziation und praktikabler Werktreue konkurrieren, ist „Homo faber“ Vorläufer und (mit immerhin fünf Produktionen in dieser Saison) Modellfall zugleich. Nachschöpfer Volkmar Kamm hat sein System inzwischen auch für die Grass-„Blechtrommel“ angewendet. Anders als in der neueren Fassung von Ulrich Woelk, die in vielen schnell geschnittenen Szenen filmische Rundblick-Effekte als Mehrwert-Verheißung sammelt, ist das bei Kamm eine diskret fließende Elegie, ganz Vermittlungsdienst zwischen Dichter und Zuschauer. Das widerständig Rätselhafte war beim Charakter, den Max Frisch seinem Anti-Helden zuschrieb, schon im Roman, dem heutigen Schulbuch-Klassiker, die faszinierendste Grundlage. Der Leser war gebeten, ja gezwungen, hinter der wunderlichen Außenwirkung von Innenleben nach Erklärungen zu suchen und kann das in Tempo und Pointierung selbstbestimmend tun. Beim Zuschauen wird diese Freiheit eingeschränkt, denn die umgesetzte Bühnenfassung ist schon doppelte Voraus-Interpretation, durch Textverarbeitung (hier die auf Spannung setzende Kammerspiel-Fassung von Volkmar Kamm) und Ulrike Arnolds etwas zu schüchterne, hochachtungsvoll geratene Inszenierung. Mit der Karambolage zwischen Zufall und Schicksal geht sie so vorsichtig um als ob sie die Aufführung schützen wollte. Die gedanklichen Freiräume, die sie lässt, sind freilich wiederum gute Möglichkeiten zur nachträglichen Deutung. Eine Vorstellung, die was  für den Heimweg mitgibt.</p> <p>Ausstatterin Julia Ströder hat einen Pressholz-Container als karg möblierten Wohnraum gebaut (die Aufforderung „Mach es dir gemütlich“ hat da schon humoristische Qualität), dem nach und nach alle Schutzwände abhanden kommen. Für Außenszenen wird so das Realismus-Kleinklein in Abstraktionen aufgelöst, das Dach ist Schiffsdeck, die Rampe auch Krankenstation. Zunächst aber wird Faber gespalten in handelnde und – das ist ja kein Stück, sondern ausdrücklich „ein Bericht“ von Max Frisch – schildernde Hälfte. Im Wohn-Container steht die Olympia-Schreibmaschine auf dem Sofa bereit, aber ganz sicher wird man nie sein, ob mit dem Geklapper die Geschichte erst erfunden oder schon nacherzählt wird. Alexander Höchst ist der echte Faber (eher ein milder Zyniker als der herrische Großinquisitor der Vernunft), Markus Fennert sein Phantom-Sidekick (die wandelnde Packungsbeilage zur Gebrauchsanweisung). Auf Zwillings-Spiegelung ist das ungläubige Doppel nicht allzu streng festgelegt. Petra Hartung gibt als Hanna die spröde Gegenposition (den Sarkasmus nimmt sie nur beiläufig mit) und fürs Mädchen Sabeth mit dem wippenden Pferdeschwanz mobilisiert Fanny Krausz alle Disco-Munterkeit, die man sich dafür spontan vorstellt. Sie blickt voll durch, wenn sie ihrem (väterlichen) Flirt-Partner zweifach zulächelt: „Sie sind komisch, Mister Faber“, sagt sie da, und tippt nacheinander beide Herren an.</p> <p>Der segensreichen Absurdität dieser Situation, dem Flippern mit den Ereignissen, hat Regisseurin Ulrike Arnold dann doch zu wenig getraut. Zwar gibt es das Intermezzo eines etwas überraschenden Slapstick-Albtraums, bei dem Pingpong-Bälle über Masken regnen, aber ansonsten wird das komplexe Gewirr der auf Schicksal umdekorierten Zufälle vor allem wortgewandt bis zum Verlöschen vorgestellt. Die Welt als Wechsel-Kulisse für den Hintergrund dieser Bewusstlosigkeit im Aktionsmodus, schrumpft zur Anekdote. Der haltlose Lebens-Techniker Faber, dem der Dichter herausfordernd ein Schicksal zugeschrieben hat, bleibt auf der Bühne undurchschaubar. Aber Max Frisch hat man gerne mal wieder zugehört.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Homo faber</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Wie der Zufall so spielt</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Max Frisch</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2016-03-03T12:00:00Z">03.03.2016</time> </div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Ulrike Arnold</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Schauspiel</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>Fr., 04.03.2016 - 12:40</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_schau_fuerth_homofaber.jpg?itok=Zy0tBXT5" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Max Frisch: Homo faber" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_schau_fuerth_homofaber.jpg?itok=KVojyXV8" width="1800" height="1200" alt="Szene mit Petra Hartung, Alexander Höchst, Fanny Krausz und Markus Fennert" title="Szene mit Petra Hartung, Alexander Höchst, Fanny Krausz und Markus Fennert" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene mit Petra Hartung, Alexander Höchst, Fanny Krausz und Markus Fennert</div> </div> </div> </div> </div> Fri, 04 Mar 2016 11:40:07 +0000 Dieter Stoll 9945 at https://www.die-deutsche-buehne.de Ewald Arenz/Thilo Wolf: Der Tunnel https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/traum-mit-absturzgefahr <span>Ewald Arenz/Thilo Wolf: Der Tunnel</span> <span><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></span> <span>So., 18.10.2015 - 20:09</span> <div><p>Die Biografie des Autors konkurriert mit der Abenteuerlichkeit seiner Story: Bernhard Kellermann gilt als der erste Bestseller-Schöpfer des Landes, wurde von freundlichen Kritikern gar zum „deutschen Jules Verne“ hochgestuft und hat mit seiner ausdeutbaren Weltsicht die gegensätzlichsten politischen Lager erfreut. 1879 im fränkischen Fürth geboren und 1951 als Mitbegründer des für Intellektuellen-Umerziehung geschaffenen DDR-Kulturbundes in Potsdam gestorben, hat in seinem 1913 erschienenen, erfolgreichsten Roman „Der Tunnel“ die Fortschrittsgläubigkeit frontal auf Kapitalismuskritik prallen lassen. Ein Totalschaden war es für beide Seiten nicht, denn die Mär vom eisernen Willen, der letztlich jeden Widerstand überwindet, erhob sich nach allen Katastrophen-Querschlägen putzmunter aus den Trümmern. Die wahnwitzige Ingenieurs-Idee, einen 5000-Kilometer-Tunnel von Amerika nach Europa durch den Atlantik zu bauen (mit 180.000 Arbeitern in 15 Jahren), musste nicht wahr werden, um großartig zu sein. Ein Traum also, und das lässt Musicalfreunde allemal aufhorchen. Zumal am Fürther Theater, wo seit Jahren die hierzulande vernachlässigte literarische Spielart dieses Show-Genres gepflegt wird und verlorene Söhne der Stadt ihrem späten Wohlwollen nicht entkommen.</p> <p>Intendant Werner Müller gab also den Auftrag zum Kellermann-Musical „Der Tunnel“ und setzte zwei bewährte Kräfte mit kommunalem Stallgeruch ans Projekt. Romancier Ewald Arenz und Swing-Bandleader Thilo Wolf, bekennende Fürther mit Hang zum Weltläufigen, hatten schon mit „Petticoat und Schickedance“ (2007) und „Bahn frei!“ (2010) lokalkolorierte Song-Revuen maßgeschneidert, waren nun für den großen nächsten Schritt eines echten Theaterstücks mit Soundantrieb bereit. Arenz schälte aus der zwischen Faszination und Systemkritik wuchernden Geschichte ein übersichtliches Stationen-Drama, das Haltestellen für jeden Aufklärungs-Anlass bietet. Der Pioniergeisterfahrer Mac Allen, Mann aus Eisen und Schrott sowie vermutlich beiläufig Erfinder des Begriffs „Tunnelblick“, der seine maßlose Vision samt ihrer tausendfachen Opfer zum „Menschheitstraum“ verklärt. Umgeben von zwei konkurrierenden Frauen, gelenkt von Investoren und Börsenmaklern, genervt von einem herumgeisternden Coach, dessen Gratis-Zynismen für vorübergehende Ernüchterung im Sendungsbewusstsein sorgen. Ein wenig Mephisto, ein wenig mehr noch „Cabaret“-Conferencier steckt in dieser Figur, von Oliver Fobe zum Fixpunkt der Irritation gemacht. „Lieber mehr, lieber mir, denn der Mensch ist ein Tier“, umschreibt er im Kampf-Song mit dem Arenz-Hinweis auf bestens funktionierende Steinzeit-Gene die Gier als Antriebskraft. Er ist die interessanteste Person im Libretto-Sortiment, weil sie ungestraft den Handlungsfaden mit den Assoziationen des Nachschöpfers verknoten kann. Da tun sich die Andern schwerer.</p> <p>Ewald Arenz schiebt den aufrechten Tunnel-Propheten (Alen Hodzovic mit emphatischer Stimmkraft an sprunghaften Charakterwendungen entlang) durch einen Slalom von Mit- und Gegenspielern. Die liebend einsame Ehefrau daheim (Caroline Kiesewetter im Hascherl-Modus), das Milliardärstöchterchen mit Stalker-Begabung (Antje Eckermann schmettert schulter- und moralfrei „Ich bin nicht an Mittelmaß interessiert“), die mit dem passenden Namen Woolf gesegnete Börsenspekulantin (Bettina Meske singt zähnefletschend), der brummelige Großinvestor Lloyd (Ansgar Schäfer) mit der „Ich kann nicht anders“-Attitüde. Der Weg zwischen Privatleben und Weltgeschichte, Partyplappern und Katastrophe, hin und zurück und auch mal außen rum, ist mit 18 Songs gepflastert. Die Züchtung von Ohrwürmern war dem komponierenden Jazz-Pianisten Thilo Wolf weniger wichtig als der einheitliche Klangteppich, der sich wie geklöppelt unter die Vielfalt der Songnummern schiebt. Für sie greift der Musiker tief in die eigene Erfahrungsschatzkiste, verteilt kantige Rhythmen aus dem Lehrbuch von Foxtrott, Tango, Rap und Rumba. Wolfs Swing-Motorik schnurrt geölt durch den Abend. Die Sänger sind alle stilsicher und hochprofessionell, könnten mühelos in jedem Stück von „Jesus Christ Superstar“ an aufwärts ihren Platz finden. An der Austauschbarkeit der Gesangslinien, an der pauschalisierenden Soul-Sause der elektronisch durchgekneteten Musical-Stimmführung lässt sich offenbar ohnehin nichts mehr ändern.</p> <p>Regisseurin Jean Renshaw erhebt ein paar Einwände gegen die platte Musical-Rhetorik. Sie hat von Marc Jungreithmeier, der auch für Rimini-Protokoll arbeitet, eine raffinierte Klotz-Installation erschaffen lassen. Auf der Drehbühne die neutralisierte Skyline aus dem vergrößerten Modellbaukasten, die erst per Video-Flutung zum austauschbaren Stadtbild oder zum flammenden Katastrophen-Szenario wird. Ansonsten ist die Ballung von gestaffelten Podesten der schwindelerregende Kletter-Parcours für alle, die da ohne Geländer nach ganz oben streben. Renshaw spielt mit der Metapher der Absturzgefahr, wie sie auch mehrfach Dialogsätze zur Schablone macht, indem sie deren Wiederholungen wie einen Sprung in der Platte zelebriert. Sie sucht erfolgreich die inszenatorische Irritation, wenn die Story samt ihrer systemkritischen Umrankungen allzu glatt läuft und fährt mit trockenem Witz dazwischen, sobald es betulich wird. Am Ende knallt sie dem Zuschauer, der da grade auf wahlweise tragische oder versöhnliche Schlussperspektive eingestimmt ist, einen Blackout vor den Latz. Nein, es gibt keine tröstliche Gewissheit. Dann öffnet sich der Vorhang nochmal und die sechs Akteure haben tänzelnd zur Disco-Entspannung gewechselt. Noch etwas mehr davon hätte die Aufführung zuvor brauchen können. Aber die (lang applaudierenden) Zuschauer bestaunten auch so, wie gescheit Musicals daherreden können.</p> </div> <div> <div>Stück</div> <div>Der Tunnel</div> </div> <div> <div>Überschrift der Kurzkritik</div> <div>Traum mit Absturzgefahr</div> </div> <div> <div>Autor/Komponist/Choreograf</div> <div>Ewald Arenz/Thilo Wolf</div> </div> <div> <div>Premierendatum</div> <div><time datetime="2015-10-16T12:00:00Z">16.10.2015</time> </div> </div> <div> <div>UA/DE/DSE</div> <div>UA</div> </div> <div> <div>Regie</div> <div>Jean Renshaw</div> </div> <div> <div>Stadt</div> <div><a href="/taxonomy/term/681" hreflang="de">Fürth</a></div> </div> <div> <div>Theater</div> <div><a href="/taxonomy/term/1844" hreflang="de">Stadttheater Fürth</a></div> </div> <div> <div>Musikalische Leitung</div> <div>Thilo Wolf</div> </div> <div> <div>Autor der Vorlage</div> <div>Bernhard Kellermann</div> </div> <div> <div>Genre</div> <div>Musiktheater</div> </div> <div> <div>Bild</div> <div><div> <div>So., 18.10.2015 - 20:09</div> <div><span lang="" about="/user/52" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Dieter Stoll</span></div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/thumbnail/public/kk_schau_fuerth_tunnel0.jpg?itok=x4v_H45y" width="100" height="67" alt="Thumbnail" title="Ewald Arenz/Thilo Wolf: Der Tunnel" typeof="foaf:Image" /> </div> <div> <div>Bild-Datei</div> <div> <img src="/sites/default/files/styles/banner/public/kk_schau_fuerth_tunnel0.jpg?itok=3j4sr3dz" width="1800" height="1200" alt="Szene mit Oliver Fobe, Alen Hodzovic, Caroline Kiesewetter, Antje Eckermann, Ansgar Schäfer aus der UA &quot;Der Tunnel&quot; am Stadttheater Fürth" title="Szene mit Oliver Fobe, Alen Hodzovic, Caroline Kiesewetter, Antje Eckermann, Ansgar Schäfer aus der UA &quot;Der Tunnel&quot; am Stadttheater Fürth" typeof="foaf:Image" /> </div> </div> <div> <div>Urheber/Copyright</div> <div>Thomas Langer</div> </div> <div> <div>Beschreibung</div> <div>Szene mit Oliver Fobe, Alen Hodzovic, Caroline Kiesewetter, Antje Eckermann, Ansgar Schäfer aus der UA &quot;Der Tunnel&quot; am Stadttheater Fürth</div> </div> </div> </div> </div> Sun, 18 Oct 2015 18:09:38 +0000 Dieter Stoll 9837 at https://www.die-deutsche-buehne.de