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Lust auf anarchischen Freiraum

Bei ihm fressen Pinguine Käsekuchen und Kängurus sind schwul: Ulrich Hub ist der meistgespielte Autor im Kinder- und Jugendtheater

Leseprobe aus Heft 07/2019 zum Schwerpunkt „Die Meistgespielten“.
Von Anne Fritsch am 01.07.2019

Ulrich Hub kommt mit dem Radl. Fürs Fotoshooting hat er seinen knallroten Lieblingspulli angezogen. Auch wenn der eigentlich zu warm ist an diesem Frühlingssonnentag in Berlin. Da es Nachmittag ist, treffen wir uns nicht beim Thailänder an der Ecke, wo Hub gerne die Nummer 34 a oder die 89 scharf isst, sondern bei Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof. Weil der praktischerweise so nah am Hauptbahnhof ist, aber auch (und vielleicht vor allem), weil es dort phantastischen Käsekuchen gibt.

Ulrich Hub ist Autor und Regisseur. Seine Kinderstücke machen ihn zu einem der meistgespielten deutschsprachigen Autoren. Angefangen hat er als Schauspieler. Nein, eigentlich als Puppenspieler. Als Kind hatte er ein vom Vater gebautes Marionettentheater, samt Vorhang, Beleuchtung und selbst geschnitzter Figuren. Mit seinen Freunden hat er „Räuber Hotzenplotz“ vorgespielt, aber auch eigene Stücke. In die flossen Elemente der Ingmar-Bergman- und Fassbinder-Filme ein, die er mit seiner Mutter im Kino anschaute: „Das war wohl ein merkwürdiger Mix aus Ehedramen und Kasperlefiguren“, so Hub. Immerhin wurde er für Kindergeburtstage engagiert. Aufwand und Ansprüche wurden immer größer, bis es seinem Vater reichte. Das war, als er mit 13 eine Drehbühne haben wollte.

Als Zuschauer ging er ins Landestheater Tübingen, aber auch nach Wien, wo sein Vater Verwandte hatte. Im Altpapier der Nachbarin fand Ulrich Hub 1981 eine Kritik zu Thomas Langhoffs „Platonow“ an den Münchner Kammerspielen. Und da stand: „… ist eine Reise wert“. Das hat ihn als Heranwachsenden so beeindruckt, dass er sich mit einem Freund in den Zug setzte. Es war die Reise wert: Immer wieder fuhren sie nach München, sahen Thomas Holtzmann, Rolf Boysen, Gisela Stein und „bahnbrechende“ Inszenierungen von Dieter Dorn.

Dann wollte er selbst Schauspieler werden, mittendrin sein im Theater. Sein Abi hat Hub nur noch abgehakt. Doch nach einem Jahr Vorsprechen hatte er nur Absagen, also fing er an, in München Schwedisch und Theaterwissenschaft zu studieren. Und plötzlich lief es an den Schauspielschulen, er hatte die Wahl – und entschied sich für die Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Doch das Studium war eine Ernüchterung. Am meisten lernte er bei der „Hamletmaschine“ von Robert Wilson und Wolfgang Wiens am Thalia Theater, einer Produktion mit Studenten. „Ich empfand diese Arbeit, die viele als marionettenhaft kritisierten, als eine unglaubliche Freiheit: dass man ganz genau weiß, was zu tun ist, aber völlige Freiheit hat, was man denkt und fühlt.“ Die Aufführung wurde zum Theatertreffen eingeladen, Hub wähnte sich am Anfang einer kometenhaften Karriere: „Wow! Meine erste professionelle Produktion und gleich zum Theatertreffen! – Was ich damals noch nicht wusste: Das war der Höhepunkt meiner schauspielerischen Laufbahn.“

Nach der Ausbildung ging er als Schauspieler ans Stadttheater Gießen, dann ans Staatstheater Darmstadt. Bald begann er, nebenher zu schreiben und zu inszenieren. Sein erstes Stück, „Du müsstest mich im Traume seh’n, wenn ich von dir träume“, eine Montage aus dem Briefwechsel von Robert und Clara Schumann, war ein Erfolg. Er merkte, dass er viel mehr „drin“ ist im Theater, wenn er zuschaut. Doch die vielen Nebentätigkeiten, die immer mehr zum Zentrum seines Interesses wurden, kamen nicht so gut an in Darmstadt. Er wurde gekündigt, zog nach Köln und konzentrierte sich aufs Schreiben und Inszenieren. „Ich habe kontinuierlich den Ausverkauf meiner Schauspielkarriere betrieben“, sagt er. Auch das Filmen war nicht seins: „Wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist, bin ich so locker und durchlässig wie ein Sack Zement.“ Er machte „Verbotene Liebe“, spielte den sympathischen Kreditberater in Industriefilmen. Nicht gerade anspruchsvoll. Das Feedback war oft: „Du darfst schon atmen.“

Doch die Erfahrung als Schauspieler hilft ihm bei seiner Arbeit als Regisseur. Hub ist ein großer Menschenbeobachter, ein Menschenfreund. Menschen auf der Bühne, das ist es, was ihn am Theater interessiert. „Man darf die ganze Zeit hingucken, wie jemand etwas tut, ob er lacht oder weint. Ich will die Menschen sehen. Wenn in der U-Bahn jemand Tränen in den Augen hat, schaut man schon anstandshalber weg.“

Dass er dennoch häufig mit Tierfiguren arbeitet, tut dem keinen Abbruch, im Gegenteil: Es bringt das Menschliche nur deutlicher zum Ausdruck. „Man kann viel gnadenloser eine Geschichte erzählen, wenn man mit Tierfiguren arbeitet“, glaubt Hub. „In ‚An der Arche um Acht‘ wird alles Leben auf dem Planeten ausgelöscht, grausamer geht’s nicht. Aber mit drei Pinguinen kann man durchaus davon berichten – ohne auszublenden, dass hier gerade der Weltuntergang stattfindet.“ Auch lassen Tierfiguren ganz unterschiedliche Deutungen ein und derselben Geschichte zu. Je nach Besetzung kann es in der „Arche“ um Eltern gehen, die ihr Kind zurücklassen, um Freunde, die sich trennen müssen – oder auch um zwei Männer, die sich als Taube und Pinguin am Ende unter dem Regenbogen küssen. „Mit Tieren kann man sich als Zuschauer identifizieren, hat aber gleichzeitig einen größeren Abstand. Wie eine Parabel. Die Tiere sind Stellvertreter.“ Auf gar keinen Fall aber lässt Hub seine Schauspieler Tierimprovisationen machen oder auf vier Beinen gehen; er liebt die Behauptung im Theater.

Seine Pinguin-Trilogie („Der dickste Pinguin vom Pol“, „Pinguine können keinen Käsekuchen backen“, „An der Arche um Acht“) basiert auf einem Zufall: Weil er kurz zuvor in Südafrika Pinguine gesehen hatte, die stinken und sich die ganze Zeit streiten, wählte er so einen struppigen Genossen als Protagonisten für sein erstes Kinderstück, eine Auftragsarbeit vom Freien Werkstatt Theater Köln. Das funktionierte, die Pinguine blieben. „Pinguine können keinen Käsekuchen backen“ ist sein Lieblingsstück. Ein einziger Nonsens: Die Pinguine fressen den Geburtstagskäsekuchen vom blinden Maulwurf. Der sieht nicht, dass der Kuchen weg ist. Und die Pinguine reiten sich immer tiefer rein. „Das ist ein ganz großer Unsinn, ein einziges Ablenkungsmanöver – und geht dabei doch um ganz viel, um das Wiedergutmachen.“ Dass Eltern sich bei ihm beschweren, weil ihre Kinder bei dem Stück nichts lernen, findet Hub nicht schlimm. Im Gegenteil: Das Wort „Fabel“ will er nicht hören in Bezug auf seine Stücke. Belehren ist nicht seine Art. Das geht auch anders, weiß er: „Die Kinder kapieren wohl, dass es nicht okay ist, was die Pinguine gemacht haben. Es geht darum, wie man sich in Krisensituationen verhält. Das Stück ist eine einzige Krise. Und nie eine Lösung.“ Wenn man so will: fast wie im richtigen Leben.

„Humor definiert meine Weltsicht“, so Hub. „Komik gibt es auch an den dunkelsten Orten, da braucht man sie ja am dringendsten.“ Die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Unterhaltung findet er absurd, diese „Neigung, das Ernste höher einzuschätzen als das Erfreuliche. Wer Kultur und Entertainment trennt, schneidet sich die Hälfte der Erfahrungen ab. Wenn man im Theater lacht, heißt es nicht, dass die Geschichte keine gesellschaftliche Dimension hat.“ Im Kindertheater gebe es diese Kategorisierungen nicht.

Hub ist durch Zufall zu dieser Sparte gekommen und hat entdeckt, wie viel „anarchischer Freiraum“ dort herrscht. Realistisches Theater, das die Wirklichkeit der Kinder abbildet, interessiert ihn nicht. Er mag Theater voller Absurditäten, Wortwitze und Überspitzungen. „Kindertheater ist gut, wenn es emotional berührt, intellektuell fordert und gut unterhält. Wenn es alle Möglichkeiten ausschöpft, die Theater hat.“

Man merkt, dass hier jemand mit Spaß bei der Sache ist und die Schraube immer noch weiter dreht. Wenn der in die Arche geschmuggelte dritte Pinguin aus seinem Kofferversteck mit der Aufseher-Taube spricht, sich als Gott ausgibt und dann eine ganz und gar unbezwingbare und ungöttliche Lust auf Käsekuchen bekommt, ist das eine der lustigsten Szenen, die man sich vorstellen kann. Weil sie herrlich respektlos ist und doch nie die Achtung vor den Figuren, ihren Ängsten und Nöten, verliert. Entstanden ist das Stück auf die Anfrage von Hubs Lektorin Marion Victor beim Verlag der Autoren, ob er ein Stück über Gott schreiben wolle. „Ich hatte jede Menge Vorbehalte und Ausflüchte, weil ich mit Gott und Religion nicht viel am Hut habe“, erinnert sich Hub. „Als ich vorgeschlagen habe, das mit Pinguinen zu machen, dachte ich, so was will bestimmt keiner sehen, damit bin ich raus. Aber sie fand das super …“

Hubs Schreiben ist uneitel, er versteht seine Stücke als Spielvorlagen, als Material. Wenn ein Schauspieler einen Satz vergisst, streicht er ihn nicht selten. Weil er dann wohl auch nicht wichtig ist. Seine Stücke stellt er auf die Probe. „Sobald ich eine erste Fassung eines Textes fertig habe, lade ich Schauspieler aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu mir nach Hause ein. Es gibt ein großes Essen mit mehreren Gängen. Vorher lesen die Gäste das Stück mit verteilten Rollen. Da merkt man genau, was funktioniert und was nicht“, erzählt er. Diese Praxisprüfungen wirken: Seine Texte sind dichte Schlagabtäusche, eine abstruse Idee folgt auf die nächste, kein Wort ist zu viel.

Mit den Pinguinen hat Hub übrigens Schluss gemacht, als ein Theater meinte:„Mach doch mal was mit Pinguinen, die verschiedene Religionen haben.“ Er wollte nicht als ewiger Pinguin-Heini enden, hat lieber die Lessing-Fassung „Nathans Kinder“ geschrieben. Wie immer mit viel Humor, der den Ernst der Sache jedoch nie verschleiert: „Wenn die Bösewichter, die Mörder, nicht mehr charmant und witzig sind, wird es so einfach – und man kann sich viel zu leicht von ihnen distanzieren.“

Das ist eine große Stärke von Ulrich Hub: schwierige Themen sensibel in humorvolle Geschichten zu verpacken. Manchmal jedoch zeigt sich an den Reaktionen, wie es um die Toleranz in der Gesellschaft steht. Hubs Kinderstück „Ein Känguru wie du“ erzählt von zwei Raubkatzen, deren Dompteur irgendwie schrill ist und keine Frau hat. Klarer Fall für die beiden: Der Typ ist schwul. Einen schwulen Trainer wollen sie nicht, also hauen sie ab. Es gibt in diesem Stück nichts, was nicht für Kinder geeignet wäre, dennoch sind die Reaktionen (der Erwachsenen) so, als setze Hub Achtjährigen einen Porno vor: Bei Lesungen wird er gebeten, nicht aus diesem Buch zu lesen. In Baden-Baden haben Eltern ihre Kinder für den Tag des Theaterbesuchs krank gemeldet.

Dabei ist das Stück nichts als ein (Verwirr-)Spiel um Bilder, die man sich vom anderen macht. Einen Skandal hatte Hub nicht im Sinn. Er hat gemerkt, dass Kinder das Thema interessiert. Es ist ihm gelungen, eine Parabel auf „Mein Lehrer ist schwul“ zu erzählen, ohne angestrengt aufklärerisch oder pädagogisch zu werden. „Die Kinder haben null Berührungsängste“, hat er beobachtet, „die finden es super, dass alles so offen ausgesprochen wird.“

Ulrich Hub geht es immer um die Menschen. Um das, was sie miteinander machen, ihre Befindlichkeiten, Zickigkeiten, Verletztheiten, Egoismen, Eitelkeiten, Schrulligkeiten und Gemeinheiten. Vor allem aber: um ihre Liebenswürdigkeiten. „Ich brauche im Theater eine Idee, die weiterlebt“, sagt er. „Warum leben und wie? Warum morgen aufstehen? Für mich sind in meinem Leben viele Erfahrungen, die ich mit Büchern oder Filmen gemacht habe, genauso wichtig wie die, die ich mit Menschen gemacht habe.“ Und darum liebt er seine Arbeit. Einmal waren die kleinen Töchter seiner Schwester zu Besuch bei ihm in Berlin. Bevor sie abreisten, sagten sie: „Wenn wir groß sind, machen wir genau dasselbe wie du.“ „Was mache ich denn?“, wollte er wissen. „Nichts!“, verkündeten sie freudestrahlend.

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