Die Dialoge dienen weniger dem Fortschreiten der Handlung, sondern der Verhandlung über den finsteren Seinszustand der Welt. Köck nutzt Wagners „Ring“ als Leinwand für einen dystopischen Weltentwurf – als Abrechnung mit dem Mythos selbst, mit Kapitalismus und Nationalismus, versetzt mit Einsprengseln aus der Tagespolitik. Der Mythos nicht als Relikt der Vergangenheit, sondern vielmehr als Produkt ohne Verfallsdatum, das bei jedem Aufwärmen zwar anders duften kann, aber immer wieder denselben fahlen Beigeschmack hinterlässt. Die darin präsentierte Ordnung nährt das Wachstumsdogma, Deutschtümelei, Verhöhnung von Juden, patriarchale Machtverhältnisse und White Supremacy – deshalb weg mit dem „dirty loop of history“. Reißt also alles nieder? Der Deckel eines Kochtopfs wird zum Tarnhelm, das Klackern von Mimes Absätzen wird comicartig eingespielt, der Mythos wird auf der Anklagebank zur effektheischenden Karikatur ausgehöhlt. Die Figuren treten dafür immer wieder aus sich heraus, ziehen kritische (und manchmal entlegene) Metaebenen ein und bieten – nicht zuletzt durch eine Cross-Gender-Besetzung bei Wotan (Corinna Kirchhoff), Erda (Wolfgang Michael) und Sieglinde (Jonas Grundner-Culemann) – neue Lesarten an. Die Rheintöchter wollen nicht als naiv-neckische Nixen abgestempelt werden: So überzeichnet Philine Schmölzer nasal-puppenhaft sprechend ihre Rolle. Brünnhilde (Stefanie Reinsperger) nimmt die Dinge in die Hand. Meist penetrant im Dauer-Fortissimo sprechend ruft sie inbrünstig zu (weiblichem) Aufbegehren und zum Niedergang des Mythos auf.
Max Andrzejewski hat aus den vier Vorspielen der Wagner-Stücke vier Ouvertüren für ein zwölf-köpfiges Orchester gebaut, die lediglich eine lose Verbindung zu Wagners Musik wie zum szenischen Geschehen eingehen. Zwar mit Streichern, Bläsern, Vibraphon, Gitarre, Keyboard und Drumset interessant instrumentiert, aber nur über Lautsprecher eingespielt, mischt sich die Musik nicht in die kritischen Verhandlungen auf der Bühne ein. Eigentlich böte Wagners komplexes Motivgewebe, das im „Ring“ als musikalisch-gestischer Erinnerungsspeicher das Geschehen kommentiert, auch hier ausreichend Angriffsfläche für das Verhandeln von Erinnerung. Andrzejewskis kurze Musiken doppeln stattdessen nur musikalisch die Wiederholbarkeit des Mythos. Sie leiten die einzelnen Wagner-Teile ein und untermalen hier und da Szenen mit zurückhaltendem Sound-Design, werden aber leider keineswegs zum Schauplatz für Auseinandersetzung.
Die vier Stunden ziehen sich in die Länge, auch wenn die Spielfreude des Ensembles und Zwischenjubel des Publikums sowie herrliche Situationskomik die lange Absenz von Live-Theater spürbar machen. Im Foyer liegen noch die Monatsspielpläne für Oktober und November 2020 aus. Zurück zum Tagesgeschäft und allzu schnelles Anknüpfen an Bisheriges liegt nach so einem Abend ja sowieso fern.
