Szene aus "Tannhäuser"
Musiktheater,

Rückkehr in die lebensfeindliche Zivilisation

Richard Wagner: Tannhäuser

Theater:Hamburgische Staatsoper, Premiere:24.04.2022Regie:Kornél MundruczóMusikalische Leitung:Kent Nagano

Diese Oper ist eine Herausforderung im doppelten Sinn: Nicht nur die Titelpartie des „Tannhäuser“ ist ein mörderischer Kraftakt, auch die unzeitgemäße Geschichte vom Bußgang eines Sünders ist eine, an der Regisseure und Regisseurinnen sich heutzutage die Zähne ausbeißen. Wie nun der Ungar Kornél Mundruczó in seiner Neuinszenierung der Wagner-Oper an der Staatsoper Hamburg.

Aus dem mythischen Venusberg, auf dem Tannhäuser ungehemmt seiner sexuellen Lust nachgeht, macht Bühnenbildnerin Monika Pormale einen Palmenwald. In dieser Dschungel-Kommune lebt Tannhäuser mit Venus und seinen zahlreichen Kindern. Die Anwesenheit eines schwangeren Teenagers deutet an, dass er auch zu diesen sexuelle Beziehungen unterhält. Mundruczó scheint seiner Umdeutung des Venusbergs in ein Südsee-Paradiese selbst zu misstrauen, das er moralisch plakativ sogleich wieder infrage stellt. Auch Elisabeth begegnet uns als schillernde Figur. Als Tannhäuser in die Zivilisation zurückkehrt, wo sie ihn sehnsüchtig erwartet, schnürt sie sich – während sie von großen Gefühlen singt – ihre offenen Schuhe. Mit dem komischen Fokus auf das Nebensächliche wird der szenischen Pointe zuliebe relativiert, was sich – Wagners Textvorlage folgend – nicht leugnen lässt: dass Elisabeth bereit ist, für Tannhäuser ihr Leben hinzugeben.

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Vieles bleibt Behauptung in dieser Inszenierung, deren Unterhaltungswert aber nicht zu vernachlässigen ist. Während Tannhäusers Rückkehr in die Zivilisation über eine lebensfeindliche Felslandschaft in den Salon einer High-Society-Gesellschaft führt, in dem die zuvor geschossenen Hirsche als Tischtrophäen mit rot glühenden Augen ausgestellt sind, ist der dort stattfindende Sängerkrieg in eine findig choreografierte Chorszene eingebettet, die Pathos mit Slapstick konterkariert: Da verlieren Mitarbeiterinnen des Catering-Teams schon mal die Balance und Flaschen fallen klirrend zu Boden, während Tannhäusers Gegenspieler Wolfram die tapferen deutschen Helden und den stolzen Eichenwald besingt.

Starker Gesang, schwaches Orchester

Auch stimmlich zeigt sich der Chor am Premierenabend von seiner Schokoladenseite und unterstreicht damit ein exzellentes Sängerensemble. Allen voran Klaus Florian Vogt, der als Titelheld die kraftzehrende Partie mit Bravour meistert und mit seinem makellosen, strahlend-lyrischen Tenor Jubelstürme entfacht. Bariton Christoph Pohl singt seinen Wolfram, als sei ihm die Rolle auf dem Leib geschrieben, und lotet die innere Zerrissenheit seiner Figur als Freund und Liebeskonkurrent Tannhäusers seelentief aus. Als Elisabeths Onkel Hermann veredelt Bass Georg Zeppenfeld sein tiefes Register mit klang-schöner Akkuratesse, während Jennifer Holloways Sopran in der Rolle der Elisabeth zu viel Vibrato aufsetzt und an ihrer Diktion noch hätte feilen können.

Buhrufe gab es für Generalmusikdirektor Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester, die sich klanglich nicht ganz sattelfest zeigten, den Sängerstimmen aber doch viel Raum zur Entfaltung boten. Auch das Regie-Team um Kornél Mundruczó musste Publikumsprotest ertragen. Als Tannhäuser am Ende nach einer gescheiterten Pilgerreise überraschend doch noch zum gottesfürchtigen Leben zurückfindet und der Chor im Zuschauerraum seinen Ohrwurm „Der Gnade Heil ist dem Büßer beschieden“ schmettert, erblüht auf der Bühne eine riesige leuchtende Phallus-Pflanze. Mundruczó ist ein Regisseur, der lieber unterstreicht, als Fragen zu stellen.