David Gieselmanns Netzstück "Hanna Silber" auf Vimeo
Digitales,

Netz-Geschichten-Puzzle

David Gieselmann: Hanna Silber

Theater:Internet, Premiere:19.04.2020 (UA)

Die Lage bleibt unklar – einige Theater (in Bundesländern mit frühem Ferienbeginn) haben die Spielzeit bereits für beendet erklärt, andere erwecken den Eindruck, es könnte weiter gehen vom 3. Mai an. Pressekonferenzen über das Programm der nächsten Saison finden im Internet statt; auch Festivals wie die „Theaterformen“ und die Privattheatertage in Hamburg (beide für Ende Juni geplant) wollen die eigenen Pläne demnächst virtuell verbreiten.

Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure fühlen sich derweil massiv missachtet  völlig zu recht, weil bisher keine nachvollziehbare politische Vorstellung darüber herrscht, was denn wohl eine „Groß“-Veranstaltung sei, wie sie ja bis Ende August nicht stattfinden dürfe. Gehört ein Theaterabend mit Publikum von fast durchweg unter 1000 Personen dazu? Auch eine Studiobühne mit selten mehr als hundert Gästen? Und ließe sich nicht gerade in bestuhlten Theatern sehr wohl genügend Distanz garantieren zwischen Zuschauerin und Zuschauer? Klare, auch streitbare Positionen speziell der Theaterverbände werden dringend erwartet.

Derweil sitzen wir, die wir das Theater zurück haben wollen, gegen alle öffentliche Ignoranz und so schnell wie möglich, isoliert vor den Computer-Bildschirmen daheim. Viel zu viele Bühnen meinen, sie könnten nicht mehr tun, als die hauseigenen Mitschnitte fertiger Produktionen ins Netz zu stellen. Wenige Projekte reflektieren auch die Isolation selbst – der Dramatiker David Gieselmann hat jetzt mit „Hanna Silber“ ein Stück vorgelegt, dessen Basis die Vereinzelung selber ist. „Hanna Silber“ ist ein Puzzle aus Monologen über eine verschwundene Pop-Sängerin; seit gestern stehen im Vimeo-Internetportal die ersten 26 Monolog-Sequenzen von möglichen Informantinnen und Informanten, die erzählen, was sie wissen (oder nicht wissen) über den Verbleib der Diva.

Zusammenhänge zwischen den Szenen gibt es nicht; wer aufmerksam hinschaut, entdeckt nur die Daten der Fertigstellung für die einzelnen Episoden. Mittendrin berichtet irgendwann Kriminalkommissarin Karla Schmidt-Dinkel in schräg-witzigem Wort-Salat vom jenem Tag, als die Polizei Hanna Silbers Wohnung aufbrach – um festzustellen, dass sich dort kein Spur der Sängerin fand. Vom Polizeibericht aus könnte sich jeder und jede den eigenen Weg durch die Geschichte aus Geschichten bahnen: Chronologie aber wird dabei nicht zu entdecken sein. Und für alle Befragten gilt – sie wissen eigentlich gar nichts. Jeder und jede legt aber Spuren aus, Erfahrung und Erinnerung mischen sich zum unentwirrbaren Knäuel.

Der Verschwindens-Theoretiker Hans-Jochen Whitfield stellt Theorien darüber auf, was jemand damit sagen oder zeigen will, wenn sie oder er verschwindet; das zum Beispiel ist der kluge Beginn einer psychologischen Fallstudie: „Wer verschwindet, will sichtbar werden.“ Kolleginnen und Kollegen berichten von Hanna Silbers ziemlich egomanischer Persönlichkeit, Weggefährtinnen (wie die Kieler Musikerin und Clubchefin Sidney Taris) von den frühen Karriereschritten der jungen Frau, die eigentlich Johanna Einsfeldt heißt; besondere Aufmerksamkeit kommt jener Phase zu, in der die Sängerin sich plötzlich rechtsnationalen Positionen anzunähern schien. Außerdem scheint sie Kontakt gehabt zu haben zu einer rätselhaften „Arkadia“-Sekte, die über ähnliche Strukturen zu verfügen wie die Scientologen… zweimal kommen die Video-Antworten auf die Fragen nach dem Aufenthalt von Fräulein Hanna aus einem düsteren Heizungskeller, wo ein Sozialarbeiter offenbar „Arkadia“-Aussteiger versteckt, die verfolgt werden. Aber auch hier ist Hanna Silber wohl nicht.

Oslo war einer ihrer Sehnsuchtsorte: Keine Spur findet sich dort; und auch nicht bei einem meditierenden Sektenmitglied in Reykjavík. Eine Journalistin hat sie in Budapest besucht. An den üblichen Gastspiel-Orten von Hannas Tourneen wurde zuweilen der Escortservice bemüht; eine Freundin, bei der Hanna wohl öfter vorbeischaute, meldet sich aus Brüssel, zwei zentralere Partnerinnen im einsamen Leben des Popstars sollen in Tel Aviv und Paris leben. Vielleicht lernen wir auch diese beiden noch kennen – Autor Gieselmann kündigt 40 Szenen an. So fügt Episode um Episode ein von außen definiertes Bild der Verschwundenen zusammen. Und wie in Stücken von Dea Loher, nur weniger massiv, werden Kreuzungspunkte der vielen Geschichten erkennbar.

Zwischen zweieinhalb und etwa acht Minuten dauern die Sequenzen, meist wird direkt in die Skypekamera geantwortet. Selten (wie bei der Silber-Assistentin Anneke Grolsch) sind richtige Filme entstanden, inklusive Filmschnitt und fremden Objekten: einer Katze, einem kochenden, fünf Minuten später gekochten Ei – so geht Echtzeit! Yasmine wandert mit Kamera-Begleitung durch das corona-bedingt leer gefegte Brüssel; Plattenlabel-Manager Rinus Robertson lässt den Blick aus dem Auto über Bucht und Strand irgendeiner fremden Idylle streichen. Im „Hanna-Silber-Fanclub“ streiten Gisela und Andreas, beim ähnlich keifenden Ehepaar Saalfeld ist Cynthia die Psychologin und Lars der Anwalt. Über zweieinhalb Stunden dauert diese erste „Hanna Silber“-Lieferung, auch der Phantasie aller Beteiligten wegen; über Gieselmanns starke Texte hinaus wird’s nie langweilig. Viele Schauspielerinnen und Schauspieler, mit denen Gieselmann gearbeitet hat, suchen mit nach Hanna Silber: Christian Klischat (jetzt Wiesbaden), Wolfgang Vogler (derzeit Frankfurt), Thomas Wolff (seit langem in Bielefeld), Tim Grobe (zeitweilig in Hamburg)…

Der Autor schreibt üblicherweise für diese Künstler und für die Bühne – wäre auch sie ein Spielort für das Hanna-Silber-Puzzle? Im Moment sicher noch nicht – genau das aber ist das wichtigste Argument für dieses Experiment: dass sich derart verspielt tatsächlich nur im Netz fabulieren lässt.