Neues aus der Redaktion: Krisentagebuch 27 – Symbolisch zugesperrt

Von Detlev Baur am 28.10.2020 • Bild: Tobias Melle
Das Bild zeigt: Münchner Kulturdemo am 25. Oktober

 

Abgeschlossen. Sie sind weg…
Setzt sich auf ein Sofa  Mich haben sie vergessen…“

Kurz vor dem Ende der Komödie „Der Kirschgarten" bleibt der alte, treue Diener Firs allein zurück im Haus. Vergessen, eingeschlossen und kraftlos  und ohne Aufgabe bleibt ihm nur der einsame Tod.

So ähnlich fühlen sich die Theater in einem krisengeschüttelten Land, dem sie ab 2. November nicht mehr ihre Dienste anbieten sollen. Vor einer Woche mussten wir auf den bayerischen Quasi-Lockdown reagieren, nun geht's weiter, härter und deutschlandweit. Damals schrieb ich, wir müssten lernen, mit dem Virus zu leben – ohne uns oder andere leichtfertig zu gefährden. Das gilt nach wie vor. Und nach wie vor sind keine Ansteckungen in Zuschauersälen bekannt. Wohl grassiert aber eine zunehmende Verzweiflung unter Theaterleuten – an den Häusern wie unter freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern. Monatelange Arbeit an Hygienekonzepten wird ignoriert, der immense Mehraufwand in der (Karten-)Logistik nicht gesehen, und die wirtschaftliche Zukunft nicht nur von Privattheatern und Selbstständigen auf's Spiel gesetzt.

Die Schließung von Theatern und Konzertsälen ist ähnlich wie die von Cafés und Restaurants Symbolpolitik. Aus Sorge davor, vor allem private und familiäre Treffen – die erwiesenermaßen die Haupttreiber der Pandemie sind – drastisch einzuschränken, werden (bereits aufwendig hygienetechnisch reduzierte) soziale Orte geschlossen. Das ist nicht sachgerecht. Und es findet auf Kosten der Künstlerinnen und Künstler statt, aber auch auf Kosten des Publikums. Gerade jetzt sind unaufgeregte Diskurse notwendig. Und die Auseinandersetzung mit Kunst; durchaus auch mit Abstand.

Die Theater und Orchester können nicht Firs-gleich aufgeben, sondern sollten mit Symbolen und deutlichen Worten reagieren auf diese verhängnisvolle Politik. Der lungenkranke (!) Arzt und Schriftsteller Anton Tschechow lässt in einem anderen Stück eine Figur sagen: „Theater muss sein.“ Ich hatte mit diesem vom Bühnenverein verkündeten knappen Satz immer meine Schwierigkeiten, weil er mir zu apodiktisch erschien. Nun scheint er mir aber wahrer denn je. Theater muss sein, gerade jetzt!

 

Tschechow lässt seinen „Kirschgarten", dieses Stück über einen erschreckenden Klimawandel, nach dem Anfang vom Ende des Firs mit dieser Regieanweisung enden:

„Man hört einen entfernten Laut, wie vom Himmel, den Laut einer gesprungenen Saite, ersterbend, traurig. Stille tritt ein, und zu hören ist nur, wie weit entfernt im Garten mit der Axt gegen Holz geschlagen wird.

Vorhang“