Neues aus der Redaktion: Fischers Streamingwoche: 9.Teil

Von Jens Fischer am 22.05.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Wenn es etwas Positives an den coronakrisenbedingten Theaterschließungen gibt, dann ist das vielleicht der jetzt so langsam öffentlich werdende Mut für Trial and Error, für Wildwuchs und Experimente. Bis all das reift, schauen wir aber erstmal noch ein paar höchst gelungene Streams.


„Stücke“-Festival Mülheim / Schauspiel Graz / Staatstheater Braunschweig

Das 45. Mülheimer „Stücke“-Festival zeigt in diesem Jahr nur Videoporträts der Autoren, deren Uraufführungen eingeladen wurden. Aber es gibt sie, die Stücke, in voller Länge. Zumindest einige. Etwa „Bookpink“ (Plattdeutsch: „Buchfink“) von Caren Jeß. Darin bilden 36 Vögel das Personal der Fabel. Die Sumpfmeise will nicht länger nur schön sein, der kleinkriminelle Dreckspfau kämpft mit den Widrigkeiten seiner Herkunft, Flamingos haben es satt, Spielzeug für das Rabenkind zu sein, Hahn und Henne gehen einer esoterischen Pute auf den Leim... In sieben Episoden erzählt „Bookpink“ von menschlichen Abgründen, sozialen Schieflagen und gesellschaftlichen Debatten. Das Stück wurde im Herbst 2019 von Anja Michaela Wohlfahrt in Graz uraufgeführt. Die Inszenierung ist jetzt online bis zum 4. Juni, 18 Uhr, auf der Website des Schauspielhauses zu sehen. 

Ebenfalls eingeladen nach Mülheim, aber auch zu den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters in Berlin, ist Felicia Zellers „Der Fiskus“, ein Stückauftrag des Staatstheaters Braunschweig. Da all die Gastspiele und auch Folgevorstellungen daheim den Theaterschließungen zum Opfer gefallen sind, haben das künstlerische Team und das Ensemble der Uraufführungsinszenierung einen Filmdreh in der Original-Kulisse organisiert – mit vier Kameras, professionellem Ton und dem derzeit angewiesenen Abstand aller Akteure. In vier Drehtagen ist eine 100-minütige Filmversion entstanden. Sie feiert morgen, Samstag, 23. Mai, ab 19.30 Ihr, auf der Theater-Website Premiere – ist anschließend auch auf dem Youtube-Kanal des Staatstheaters für 48 Stunden gratis abzurufen.
 

Opernhaus Zürich

Über die Jahre hat Tatjana Gürbaca das Profil der Oper Zürich entscheidend mitbestimmt. Als Theatermacherin musikalisch geschult, versteht sie es immer wieder, historische Stoffe in die Gegenwart zu transportieren, dabei archetypische Strukturen freizulegen und zwar in schönster Klarheit, vielleicht ein Nachklang ihrer Lehrmeisterin Ruth Berghaus. Suggestiv funktionieren Gürbacas Inszenierungen, detailfreudig ausgebarbeitet sind sie und die Personenführung ist meist beeindruckend genau aus der Musik entwickelt. Mit der Oper Werthervon Jules Massenet begibt sich Gürbaca in die französische Romantik des späten 19. Jahrhunderts, betont die gesellschaftlichen Konflikte, die Überwachung, die einschnürenden Schicklichkeitsregeln – und lässt in einem so offenen wie geschlossen Einheitsraum spielen. Nicht zu vernachlässigende Zugabe: Juan Diego Flórez verkörpert den gequälten Werther. Bis Sonntag, 24. Mai, 24 Uhr, ist die Inszenierung online zu schauen auf der Opernhaus-Website. 

Vom 29. Mai, ab 18 Uhr, bis 1. Juni, 24 Uhr, stellt das Opernhaus Tatjana Gürbacas Inszenierung von Giuseppe Verdis Rigoletto“ ins Netz. Die Handlung wird an, neben und auf einem Tisch abstrahiert und verdichtet. „Das nimmt sich in Summe aus wie eine Studie über Spielräume des Subjektiven in einer durchformatierten Gesellschaft. Überhaupt: Da bot sich eine postmodern konzipierte Produktion an, die mancherlei Errungenschaften des einst modernen Musiktheaters pfiffig-feminin nutzte“, hieß es im Deutschlandfunk zur Premiere.
 

Theater Dortmund

Zum Finale seiner Intendanz pflegt Kay Voges am Schauspiel Dortmund seine schon manisch verfolgte Leidenschaft fürs Digitale. Ein Team rund um das Schauspiel und die Akademie für Theater und Digitalität inszeniert mit „Das House – Reinventing the Real” ein Theatererlebnis ausschließlich im virtuellen Raum. Ab heute, Freitag, 22. Mai, sind erste Online-Führungen zu buchen. 

Bevor Voges aber im Sommer nach zehn Jahren das Haus verlässt und ans Wiener Volkstheater wechselt, blickt er auch gemeinsam noch mit dem Publikum auf den Anfang zurück und beordert seine Inszenierung des Büchner-Fragments in den Online-Spielplan: Woyzeck“ ist Voges‘ erste Dortmunder Inszenierung von 2010. Um mal zu schauen, was so geht, entstand eine noch recht konventionelle Arbeit, bei der aber schon deutlich wurde wie ernst es dem Dortmunder Team ist,  sich um Furcht und Elend der Menschen zu kümmern. „Bei ,Woyzeck‘ standen nicht irgendwelche Schnösel auf der Bühne, die die Welt erklären, sondern Menschen, die gelitten haben, damit andere Spaß haben“, erklärte Voges in einem Interview des Westfälischen Anzeigers
 

Schauspielhaus Hamburg

Ein rätselhaft verträumter Triumph war es zur Eröffnung der Ära des Intendanten Frank Baumbauer, als Christoph MarthalerGoethes Faust, Wurzel aus 1+2zur Premiere brachte, so verzaubernd, das auch die Theatertreffen-Jury 1994 nicht anders konnte, als den Mix aus Text- und Musikcollage, Sing- und Schauspiel, Revue und Performance, Kabarett und Show nach Berlin einzuladen. Es spielt ein fantastisches Ensemble mit unter anderem Josef Bierbichler, Jacques Ullrich, Martin Pawlowsky, Annelore Sarbach, Siggi Schwientek, Özlem Soydan, Catrin Striebeck, Edmund Telgenkämper, Ulrich Tukur, Ueli Jäggi, Inka Friedrich und Jean-Pierre Cornu. In der ZEIT war zu lesen: „So selig erschöpft wurde – auf der Bühne! – im Theater noch nie geschlafen und so schön gesungen auch selten. Leise, langsam, wie es bei Marthaler, trotz manchmal lärmenden Turbulenzen, fast immer zugeht, erklingen die seltsamsten Gesänge, ,weltenschwer‘. Kann die Verlassenheit der Menschen, die in einer Art Bunker vegetieren, halb Atommeiler, halb Wasserwerk, quälender zum Ausdruck drängen, als wenn sie alle, in zirpend hoher Stimmlage, fast unhörbar leise das eher bieder deftige Volkslied wie einen Sehnsuchtsgesang anstimmen: Wir sitzen so fröhlich beisammen / und haben uns alle so lieb... I Ach, wenn es doch immer so bliebe...” Die Aufzeichnung der Generalprobe ist am Mittwoch, 27. Mai, und Freitag, 5. Juni, jeweils ab 18 Uhr, für 24 Stunden online.
 

Staatsoper Stuttgart

Das Pathos ist hier existenziell. Thomas Mann ließ den alternden Schriftsteller Gustav von Aschenbach im dunkel verführerischen Märchenort Venedig die Sinnlichkeit in Gestalt eines Jünglings entdecken. Begehren schleicht sich in sein asketisches Leben. Bringt ihn in schönster Zerrissenheit ins Taumeln: Schönheit verheißt in Form seines einseitigen Liebesbekenntnisses Tod wie Erlösung. Kurz vor seinem Lebensende vertonte Benjamin Britten die Novelle „Der Tod in Venedig“ und schuf eine letzte große Rolle für seinen Lebensgefährten Peter Pears. Demis Volpi inszenierte die Oper 2017 als Koproduktion mit dem Stuttgarter Ballett. Warum die so gelungen ist, ist in unserer Premierenkritik nachzulesen: „Schonungsloses Kopftheater”. Vom 22. Mai, 17 Uhr, bis 29. Mai, 17 Uhr, ist Tod in Venedig” als Video-on-Demand bei „Oper trotz Corona“ online zu erleben. Matthias Klink hat dafür ein weiteres Mal die Rolle des Gustav von Aschenbach übernommen, für dessen Darstellung er als „Sänger des Jahres 2017“ und mit dem „Faust“-Preis 2018 ausgezeichnet wurde.
 

DARUM, Wien 

Das Wiener Künstlerkollektiv DARUM wollte sein Publikum in einer performativen Installation mit verschiedenen Manifestationen von Vergänglichkeit konfrontieren – anhand von Gesprächen mit Menschen mit Nahtoderfahrungen, unheilbar Kranken, Sterbenden, Angehörigen und solchen, die beruflich mit Sterbenden und Toten zu tun haben. „Ausgang: offen“ konnte dank Corona aber nicht in seiner ursprünglichen Form realisiert werden. Das Themen aber, die Erinnerung an die Endlichkeit auch des eigenen Lebens sowie das angstmachende Unwissen, was danach kommt, sind aber ja umso präsenter gerade in diesen pandemischen Monaten. So erarbeitete das Team einen Film, der die Zuschauer durch das Kameraauge die Intimität von Tod, Sterben und Vergänglichkeit erleben lassen soll – mit den sehr persönlichen Monologen der Interviewten. Intime, zutiefst bewegende 90 Minuten. Streamingtermine: Mittwoch, 27. Mai, und Samstag, 30. Mai, jeweils ab 20.30 bis 5 Uhr auf www.wuk.at

 

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com