Neues aus der Redaktion: Fischers Streamingwoche: 8.Teil

Von Jens Fischer am 15.05.2020 • Bild: privat
Das Bild zeigt: Unser Autor Jens Fischer schreibt wöchentlich über die Streaming-Angebote der Theater

Es geht voran? In Nordrhein-Westfalen sollen Theater ab Juni wieder spielen dürfen – unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. So kündigt das Schlosstheater Moers seine Premiere „Lenz nach Georg Büchner vorerst nur als Videopremiere für den 17. Mai, ab 18 Uhr, auf der Homepage als 24-Stunden-Stream an, Intendant Ulrich Greb plant jedoch bereits Vorstellungen mit Publikum im Juni. Aber vorerst durchstromern wir weiterhin das Netz nach Theaterangeboten.

 

Mülheimer Theatertage „Stücke 2020“

Noch ein Festival geht online: Ab Samstag, 16. Mai, präsentieren die Mülheimer Theatertage eine Woche lang die nominierten Autoren sowie Ausschnitte aus deren Stücken im Netz. Jeden Abend ab 19.30 Uhr ist auf www.stuecke.de ein solches Videoporträt zu sehen. Also keine Aufführungsmitschnitte, sondern eher journalistische Beiträge. Darin kommen die Dramatiker zu Wort, sprechen über ihre Arbeitsweise und lesen Auszüge aus ihren Texten. Zudem berichten an den Uraufführungen beteiligte Künstlern über die Probenprozesse. Auch Zuschauer werden zu sehen sein, die ihre Eindrücke schildern. Teilnehmerinnen der Werkstatt „Theater übersetzen“, die ebenfalls online stattfindet, tragen kurze Szenen in ihren jeweiligen Sprachen bei. Die Filmreihe startet am 16. Mai mit Falk Richter („In My Room“). Es folgen Felicia Zeller („Der Fiskus“), Sivan Ben Yishai („LIEBE/ Eine argumentative Übung“), Bonn Park („Das Deutschland“), Ewald Palmetshofer („Die Verlorenen“), Caren Jeß („Bookpink“), Thomas Melle („Ode“) und Kevin Rittberger („IKI.radikalmensch“, das ganze Stück streamt das Theater Osnabrück – siehe unten). Am Sonntag, 24. Mai, werden alle Beiträge für weitere 24 Stunden online stehen. Theaterkritikerin Christine Wahl, seit vielen Jahren im Auswahlgremium der „Stücke“, betreute die Filmbeiträge redaktionell. Der Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikpreis wird allerdings in diesem Jahr ausgesetzt und das Preisgeld auf die Nominierten aufgeteilt, jeder Autor erhält 3.000 Euro als Anerkennung seiner Arbeit.

 

Performing Arts Festival Berlin

Was das Berliner Theatertreffen letzte Woche den Corona-Umständen entsprechend gut vorgemacht hat, dem folgt nun mit einem noch umfangreicheren Angebot das Performing Arts Festival Berlin, das seit 2016 große Teile der Stadt bespielt. Mit einer Special Edition soll vom 19. bis 24. Mai die geballte kreative Kraft die freien darstellenden Hauptstadtkünstler online zusammengebracht werden. Perspektiven „im Kontext der aktuellen Ereignisse sicht-, hör- und erlebbar“ machen, das ist mit einem episodischen Dokumentarfilm geplant. Im Digital Showroom dürfen sich die Gruppen mit den eingeladenen Arbeiten und die Spielorte mit ihren ästhetischen Profilen präsentieren, also Werbung in eigener Sache machen. „Anleitungen für die Daheimgebliebenen” haben die diesjährigen Nachwuchskünstler der „Introducing...“-Reihe erarbeitet. Für echte und Möchtegern-Insider gibt es Diskurs- und Netzwerkangebote in Form von Panels und Webinaren. Im Showcase-Format „PAF Show & Tell“ wollen Performer über ihre aktuellen Arbeiten mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Gestreamt wird all das – hier
 

Thalia Theater Hamburg

Jette Steckel kann es einfach, was Regietheater ausmacht: klassische Stücke für uns heute lesen, in funkelnder Vitalität inszenieren und drängend relevante Themen damit aufreißen. Sie hat in Wien und Köln gearbeitet, gastiert regelmäßig am Deutschen Theater in Berlin und prägt seit 2009 den Spielplan des Thalia Theaters in Hamburg mit. In einem Special zeigt das Haus nun einige ihrer Arbeiten. Heute am 15. Mai beispielsweise „Woyzeck“ von Georg Büchner mit der Musik von Tom Waits, Samstag, 16. Mai,  dann Shakespeares „Die Tragödie von Romeo und Julia“ (2015, ausgezeichnet mit dem „Faust“-Theaterpreis) und Sonntag, 17. Mai, Georg Büchners „Dantons Tod“ (2012) – jeweils ab 19 Uhr und dann 24 Stunden online auf www.thalia-theater.de/ondemand.
 

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Große Oper mal ganz nah ran holen ans Publikum, aufs Kammerspiel konzentrieren, das versuchte das Musiktheater im Revier mit Peter Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ im Kleinen Haus. Ob sich die Intimität ins Wohnzimmer streamen lässt, ist am heutigen 15. sowie 22. Mai, jeweils ab 19.30 Uhr, in zwei Teilen auf mir.ruhr/alternativ zu erleben. In seinem Versroman „Eugen Onegin“ zeichnet Alexander Puschkin das Porträt eines jungen Adligen als Symbol einer zwischen Genusssucht und Müßiggang erstarrten Gesellschaftselite. Tschaikowski vertonte den Stoff 1879 mit großer Sympathie für die Träume und Nöte seiner Figuren. Genau um diese feinnervige Hinwendung geht es in der Gelsenkirchener Kammerfassung für elf Instrumente, die André Kassel extra für das Musiktheater im Revier geschrieben hat. Rahel Thiel brachte das Werk 2019 zur Premiere.
 

Theater Osnabrück

Es war die beste Inszenierung des Spieltriebe-Festivals zu Beginn der Saison, die anschließend sowohl zum Mülheimer Stücke- als auch zum Radikal-jung-Festival nach München eingeladen wurde. Kevin Rittberger analysiert in seinem hyperbelesen mit Anspielungen zur zeitgeistigen KI-Literatur aufwartendem Kammerspiel „IKI.Radikalmensch“ das Leben an der Seite von Robotern. Protagonist Peter hat sich in naher Zukunft vom militanten Klimaaktivisten der Generation Greta zum selbstverliebten Beamten einer Umweltbehörde kastriert, gegen Schuldgefühle entwickelte er für die traute Zweisamkeit aus einer Sexpuppe eine intime künstliche Intelligenz (IKI) als Fürsorgemaschine. Was ihn bald nervt. Weil im Gegensatz zu seiner anachronistisch analogen Intelligenz die künstliche immer schlauer erblüht. Für Peter ist das zunehmend weniger ein Grund zur Freude, sich im ewigen Urlaubsmodus zurücklehnen und alle Arbeit an die IKI deligieren zu können – vielmehr fürchtet er, dass mit ihren Fähigkeiten auch das Selbstbewusstsein wächst, ihn aus der evolutionären Schöpfungsgeschichte zu eliminieren. Regisseurin Rieke Süßkow versteht es, den intellektuellen mit reichlich textilem Stoff so flauschig-ironisch wie kammerspielgenau und atmosphärisch dicht zu inszenieren, dass es eine Freude ist. Zu erleben von Sonntag, 17. Mai bis Samstag, 23. Mai auf „Theater Osna at home“.

Landestheater Niederösterreich

Nach dem traurigen Hamlet Sandra Hüllers, der gerade alle Begeisterung beim Theatertreffen abgeräumt hat, besteht natürlich Lust, den großen Grübler mal tatendurstig jungenhaft durch sein Drama toben zu sehen. Nach St. Pölten ans Landestheater Niederösterreich wurde dazu aus South London der Regisseur Rikki Henry geholt, ein ehemaliger Filmstudent, der am Young Vic seine Karriere als Regieassistent startete, einige Zeit als Stipendiat am Münchner Residenztheater verbrachte und weiter bei Peter Brook in Paris lernte. 2018 inszenierte Henry im Münchner Marstall „Antigone“ in der Fassung der jungen Autorin Susanne Fournier. „Rikki Henry macht explosives Pop-Theater mit viel Bumms", schrieb dazu die Süddeutsche Zeitung. Zum seinem „Hamlet“ hieß es im Wiener Standard: „Stilistisch ist das Theater mit 3D-Brille und Popcorn.“ Die laut Theaterangaben „vom Publikum gestürmte Inszenierung des britischen Regie-Shooting-Stars“ ist am Donnerstag, 21. Mai, ab 18 Uhr online zu sehen. 
 

Schlingensief, Fritsch, Lear beim Dokfilmfestival München

Nicht nur Theater, auch Kinos sind ja weiterhin geschlossen. Nicht nur Theaterfestivals, auch Kinofestivals gibt es daher derzeit online. Ihr Vorteil: Im Gegensatz zum Stream meist nur zu Dokumentarzwecken aufgenommenen Proben- und Aufführungsmitschnitten sind die Filme etwa des größten deutschen, in diesem Jahr zum 35. Mal stattfindenden Dokumentarfilmfestivals in München professionell gefertigte Werke, die genauso über den Bildschirm kommen wie von der Regie gewollt. Das Programm umfasst 121 der ursprünglich geplanten 159 Filme aus 42 Ländern. Für Theaterfans könnten drei Filme von Interesse sein, die alle noch bis zum 24. Mai unter www.dokfest-muenchen.de zu streamen sind für 4,50 Euro pro Film: „Fritschs Pfusch“ (Regie: Lisa Wagner / Deutschland, 79 Minuten) ist mittendrin, als Herbert Fritsch im Herbst 2016 zum Ende der Ära Castorf an der Volksbühne mit seinem Ensemble über die Produktion „Pfusch“ streitet und improvisiert.  „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ (Regie: Bettina Böhler / Deutschland, 124 Minuten) porträtiert den vor zehn Jahren gestorbenen Oberhausener Totalkünstler Christoph Schlingensief. „Queen Lear“ (Regie: Pelin Esmer / Türkei, 84 Minuten / Türkisch mit englischen Untertiteln) zeigt eine Gruppe von Frauen im südtürkischen Dorf Arslanköy, die Shakespeares „King Lear“ inszenieren – ohne männliche Darsteller.  

Liebe Theatermenschen, wer neue Online-Aktivitäten welcher Art auch immer ankündigen oder darauf hinweisen möchte, was schon (und bis wann noch) im Internet zu sehen ist – ich freue mich, wenn Sie einfach eine Mail schreiben mit Daten, Infos und Links an Jens Fischer unter coronatheater@aol.com